Psychische Gesundheit im Jugendalter

IQB-Bildungstrend gibt Einblicke in psychosoziale Auffälligkeiten | HLZ Mai 2026

Der 2024 erhobene IQB-Bildungstrend hat einen deutlichen Leistungsrückgang in Mathematik und den Naturwissenschaften aufgezeigt. Auf die Veröffentlichung folgten besorgte Reaktionen: „Lernrückstand in ganz Deutschland: Neue Bildungsstudie zeigt dramatischen Absturz in Mathe und Naturwissenschaften“, meldete der Tagesspiegel. Und mit Blick auf die unterdurchschnittlichen Ergebnisse konstatierte der Hessische Rundfunk: „Hessische Schüler schwach in Mathe und Naturwissenschaften“. Auch in der HLZ haben wir die Befunde bezüglich der Kompetenzen in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik besprochen. (1) Keine Beachtung in der Berichterstattung haben jedoch die Ergebnisse gefunden, die sich auf die psychische Gesundheit und das schulische Wohlbefinden beziehen. Das ist bedauerlich, denn diesbezüglich besteht ebenso Anlass zur Besorgnis.

Psychosoziale Auffälligkeiten

Wie bei PISA wurden die Untersuchungen des Instituts zur Qualitätsentwicklung in der Bildung (IQB) inzwischen über die fachlichen Anteile hinaus erweitert. Bereits beim letzten Durchgang in der Sekundarstufe I stellte das IQB den Schüler:innen der 9. Klasse auch Fragen zu „psychosozialen Auffälligkeiten“ und zur „Schulverbundenheit“. 2024 kamen Fragen zu „sozialen Fähigkeiten“ hinzu. Psychosoziale Auffälligkeiten wurden unterteilt in „emotionale Probleme“ und „Hyperaktivität“. Um zum Beispiel das Vorhandensein von emotionalen Problemen zu messen, sollten die Schüler:innen angeben, wie stark sie der Aussage „Ich mache mir häufig Sorgen.“ zustimmen. (2)

Selbstverständlich wirft diese Herangehensweise methodische Fragen auf. Bei der Antwort handelt es sich um eine Selbstauskunft, die von subjektiven Faktoren abhängig ist. Eine standardisierte Frage alleine ist keinesfalls ausreichend, um zu beurteilen, ob hinter einer Auffälligkeit tatsächlich ein ernsthaftes Problem oder gar eine Erkrankung steht. Angesichts der Breite der Befragung stellen die Ergebnisse jedoch einen nützlichen Indikator für das allgemeine Befinden der Altersgruppe dar. Da diese Fragen zum zweiten Mal gestellt wurden, kann man zudem Veränderungen im Zeitverlauf erkennen.

Zusätzlich zu den im Berichtsband präsentierten bundesweiten Zahlen stellt das IQB die Ergebnisse für die einzelnen Bundesländer online zur Verfügung. So konnten für die nebenstehende Abbildung die Zahlen für Hessen herangezogen werden. Diesen zufolge sind bei rund der Hälfte der Schüler:innen emotionale Probleme zu konstatieren. Bei 34 Prozent handelt es sich um mittlere, bei 18 Prozent um hohe emotionale Probleme. Unter den weiblichen Jugendlichen sind emotionale Probleme mit 43 Prozent im mittleren Bereich und 26 Prozent im hohen Bereich deutlich stärker verbreitet. Zudem werden geringfügige Unterschiede in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status sowie bei einem Zuwanderungshintergrund festgestellt.

Hyperaktivität als zweite untersuchte Auffälligkeit ist sogar noch häufiger: 45 Prozent berichteten von einer mittleren und 15 Prozent von einer hohen Hyperaktivität. Diesbezüglich bestehen nur geringfügige Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen. Der Vergleich mit der letzten Untersuchung aus dem Jahr 2018 zeigt, dass sowohl die emotionalen Probleme wie auch die Hyperaktivität in diesem Zeitraum zugenommen haben: Der Mittelwert, also der Durchschnitt der Antworten auf der verwendeten Skala, hat sich bezogen auf die emotionalen Probleme um einen Wert von 0,31 erhöht. Der Anteil der Schüler:innen, die keine oder wenige Sorgen haben, ist also kleiner geworden. Auch bei Hyperaktivität hat sich der Mittelwert um 0,22 erkennbar verschlechtert.

Schule als Teil der Lösung

Die gute Nachricht ist, dass die meisten Schüler:innen sich nach wie vor in der Schule sozial eingebunden fühlen und eine hohe Schulzufriedenheit aufweisen. Über zwei Drittel der hessischen Schüler:innen fühlen sich eingebunden, haben also das Gefühl, von den Mitschüler:innen gemocht zu werden. Mit 57 Prozent hatte deutlich mehr als die Hälfte das Gefühl, zu ihrer Schule zu gehören. Aber dennoch: Immerhin 5 Prozent fühlten sich nicht eingebunden, 25 Prozent nur in mittlerem Ausmaß. Die Schulzufriedenheit war bei 5 Prozent niedrig und bei weiteren 38 Prozent mittel ausgeprägt. Bei beiden Indikatoren haben sich die Werte im Vergleich zu 2018 verschlechtert. Der Anteil der Schüler:innen, die sich nicht gemocht fühlen beziehungsweise eine geringe Schulzufriedenheit aufweisen, hat also zugenommen.

Für diese Befunde gilt, ebenso wie für die Entwicklung der fachlichen Kompetenzen, dass der IQB-Bildungstrend diese zwar misst, aber nicht die Ursachen für Veränderungen identifizieren kann. Über diese lässt sich nur begründet spekulieren. Die Autor:innen registrieren bezogen auf die psychosozialen Auffälligkeiten, dass immer mehr Schüler:innen mit hohem sozioökonomischen Status betroffen sind. Die Unterschiede zu der Gruppe mit niedrigem Status sind kleiner geworden, auch wenn Sorgen nach wie vor unter den Schüler:innen aus benachteiligten Familien etwas stärker verbreitet sind. Eine Rolle für die stark zugenommenen Sorgen bei sozioökonomisch bessergestellten Schüler:innen könnte spielen, dass inzwischen auch akademische Berufe immer weniger vor einem Verlust des Arbeitsplatzes schützen. Die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt könnte ebenfalls dazu beitragen, dass sich wirtschaftliche Unsicherheiten inzwischen tief in die Mittelschicht hineingefressen haben.

Womöglich tragen aber auch die globalen multiplen Krisen zu dieser Entwicklung bei. Denn es ist bekannt, dass Schüler:innen aus Familien mit einem höheren kulturellen Kapital insgesamt besser informiert sind. Angesichts der besorgniserregenden Nachrichten aus aller Welt, mit denen sich junge Menschen ebenso wie Erwachsene jeden Tag konfrontiert sehen, sind Zukunftssorgen durchaus nachvollziehbar. Diese sind für sich genommen jedoch kein Beleg, dass ein emotionales Problem im Sinne einer „psychosozialen Auffälligkeit“ vorliegt. Umso wichtiger ist jedoch, dass die Schule der psychischen Gesundheit genügend Aufmerksamkeit schenkt. Diffuse Ängste lassen sich am besten bearbeiten, indem man sich aktiv mit ihnen auseinandersetzt. Die Vermittlung einer umfassenden Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) kann so zum Beispiel dazu beitragen, begründete Sorgen in Handlungsfähigkeit zu überführen.

Erkrankungen nehmen zu

Die bestehenden Engpässe in der Psychotherapie für Kinder und Jugendliche scheinen ein klares Indiz dafür zu sein, dass sich die psychische Gesundheit dieser Altersgruppe verschlechtert hat. Allerdings muss bedacht werden, dass dabei auch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Falls zum Beispiel die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zurückgegangen und Familien daher offener für eine therapeutische Behandlung sein sollten, würde allein das zu steigenden Fallzahlen führen. Für die öffentliche Gesundheit wäre es gleichwohl eine positive Entwicklung, da bestehende Erkrankungen häufiger behandelt würden.

Der aktuelle DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt jedenfalls auf, dass diagnostizierte psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter deutlich zugenommen haben. Das gilt für den betrachteten Zeitraum von 2019 bis 2024 für Angststörungen, Depressionen und Essstörungen. Mädchen sind inzwischen doppelt so häufig von einer Angststörung betroffen wie Jungen. Dies ist vor allem auf eine Zunahme bei Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren zurückzuführen. Die sogenannte Prävalenz liegt in dieser Gruppe inzwischen bei 44. Das bedeutet, dass im Durchschnitt von 1000 Mädchen dieser Altersgruppe 44 betroffen sind. (3)

Wenn man diese Daten mit den Befunden aus dem IQB-Bildungstrend vergleicht, zeigt sich zweierlei: Zum einen ergibt sich bei weitem nicht aus jeder Sorge, über die junge Menschen berichten, eine psychische Erkrankung, die behandelt werden müsste. Zum anderen passen die festgestellten Tendenzen beider Studien gut zusammen: Das generelle Wohlbefinden nimmt einerseits ab, während diagnostizierte Erkrankungen andererseits zunehmen, besonders stark bei Mädchen. Es gibt also guten Grund, sich mit der psychischen Gesundheit der Jugendlichen und mit Maßnahmen zu deren Verbesserung auseinanderzusetzen.


(1) Roman George: Einbruch in den MINT-Fächern: IQB-Bildungstrend zu Mathematik, Biologie, Chemie und Physik, in: HLZ 2/2026, S. 26-27.

(2): Anna Volodin/Rebecca Schneider/Sarah Gentrup/Annika Liebelt (2025): Überfachliche sozio-emotionale Merkmale von Schüler:innen, in: Petra Stanat/Stefan Schipolowski/Sarah Gentrup/Karoline A. Sachse/Sebastian Weirich/Sofie Henschel (Hrsg.): IQB-Bildungstrend 2024. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der 9. Jahrgangsstufe im dritten Ländervergleich, Münster/New York, S. 335-356.

(3) Alena Zeitler/Jana Diekmannshemke/Julian Witte/Lisa Wandschneider/Lena Hasemann (2025): Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklung der Häufigkeit von Angststörungen, Depressionen und Essstörungen in Deutschland – Ergebnisse des DAK-Kinder- und Jugendreports.