Gedenkstätte Hadamar

Die Geschichte der NS-„Euthanasie“ am historischen Ort vermitteln | HLZ Juni 2026

Die ehemalige Landesheilanstalt Hadamar nahe Limburg an der Lahn fungierte ab 1941 als Tötungsanstalt im Rahmen der NS-„Euthanasie“. Bis zur Befreiung durch US-amerikanische Soldaten am 26. März 1945 wurden dort über 14.500 namentlich bekannte Menschen im Zuge von zwei Mordprogrammen getötet – Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder psychiatrischen Diagnose als „lebensunwert“ stigmatisiert wurden. Aber auch Menschen, die als „asozial“ und unangepasst galten oder nicht dem rassenideologischen Gedanken des Nationalsozialismus entsprachen.

Bei der „Euthanasie“ handelt es sich um das erste systematische Mordprogramm des Nationalsozialismus. Dennoch ist das Thema im Vergleich zu anderen Themen der NS-Geschichte bis heute ein Randthema – auch im Unterricht. Dabei bietet es eine fächerübergreifende Diskussionsgrundlage für die Auseinandersetzung mit und gegebenenfalls Hinterfragung von aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten über den Umgang mit beziehungsweise die Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen oder psychischen Erkrankungen.

Schwerpunkt der Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Gedenkstätte ist die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-„Euthanasie“ am historischen Ort der Tötungsanstalt Hadamar. Mehrheitlich findet dies im Rahmen geführter Rundgänge, dreistündiger Workshops oder ganztägiger Studientage statt. Die Formate und Zugänge sind dabei so gestaltet, dass sie den jeweiligen Bedürfnissen der Lerngruppe angepasst werden können. Darüber hinaus hält die Gedenkstätte spezifische Angebote für Kinder im Grundschulalter oder Menschen mit Lern- und Leseschwierigkeiten bereit. Obgleich es je nach Zielgruppe Unterschiede im Umfang sowie in der didaktischen Aufbereitung gibt, folgen die Angebote einem ähnlichen Aufbau: Ein Einführungsmodul dient zunächst dazu, die Gruppe emotional und inhaltlich abzuholen und an die Thematik der NS-„Euthanasie“ heranzuführen. Durch unterschiedliche Methoden wird ein erstes Bewusstsein für die Kontinuitäten von Vorurteilen gegen und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen geschaffen.

Dem angeschlossen findet ein geführter Rundgang durch das Gebäude und über das Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt statt. Das hier erworbene Wissen wird in einer anschließenden eigenständigen Auseinandersetzung mit Biografien vertieft und somit durch eine individuelle Lebensgeschichte ergänzt und gefestigt. Ziel ist es, die Ermordeten als Individuen zu betrachten und sie nicht auf ihre durch die Tatbeteiligten zugeschriebene Opferrolle zu reduzieren. Dies lässt die Geschichte weniger abstrakt und dafür greifbarer werden und bietet eine Grundlage für weitere Fragen. Auch kann die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten helfen, eine zeitliche wie emotionale Distanz zur Geschichte des Nationalsozialismus zu überwinden.

Der Besuch einer Gedenkstätte ist nur dann nachhaltig, wenn er in die Gegenwart und Zukunft der Teilnehmenden wirkt. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht das Wissen um Zahlen und Fakten, sondern einen (selbst)reflektierten Blick auf das eigene Handeln und die eigene Umgebung. So soll zum Abschluss der Angebote auch stets Raum für die Frage „Was hat das, was vor vielen Jahren (unter anderem) in Hadamar geschehen ist, heute mit mir zu tun?“ gegeben werden. Dies benötigt nicht zwingend eine zeitlich umfassende Diskussion. Bereits eine kurze Reflexion darüber, wie der gesellschaftspolitische Umgang mit Menschen mit Behinderung und psychiatrischen Erkrankungen gestaltet werden sollte, kann hilfreich sein, den Teilnehmenden Denkanstöße mitzugeben.

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