Bewegte Kindheit schafft Chancen

Bewegung, mentale Gesundheit und gemeinsame Verantwortung | HLZ Mai 2026

Bewegung ist eine grundlegende Voraussetzung für die körperliche, kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern. Frühkindliche Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten haben mittlerweile einen vielfältigen Bildungsauftrag. Ein wichtiger Teilaspekt der frühkindlichen Bildung liegt darin, Kindern vielfältige Bewegungserfahrungen zu ermöglichen. Bewegung ist weit mehr als motorisches Training. Sie unterstützt Problemlösefähigkeiten, stärkt das Selbstkonzept, verbessert die Emotionsregulation und schafft soziale Lerngelegenheiten.
 

Bewegung und Gesundheit

Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan betont die zentrale Bedeutung von Bewegung, um Motorik, Motivation, Selbstwirksamkeit, soziale Fähigkeiten und kognitive Leistungsfähigkeit zu fördern. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diesen Zusammenhang: Laut unserer bundesweiten Studie Move for Health berichten regelmäßig sportlich aktive Kinder von einem besseren allgemeinen Gesundheitszustand, einer höheren Lebenszufriedenheit und einer besseren sozialen Einbindung als weniger aktive Kinder. Auch Jugendliche, die regelmäßig Sport treiben, zeigen eine signifikant höhere gesundheitsbezogene Lebensqualität und geringere psychische Belastungen. (1)

Gleichzeitig wird Bewegungsmangel zunehmend zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. Viele Kinder und Jugendliche erreichen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen täglichen 60 Minuten Bewegung nicht. Lediglich etwa 11 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Jungen erfüllen diese Empfehlung. (2) Ursachen dafür liegen in veränderten Rahmenbedingungen, wie Freizeitgewohnheiten, Bildschirmzeit und einem immer stärker strukturierten Alltag. Auch jüngere Kinder bewegen sich weniger als früher, obwohl gerade das Alter zwischen drei und sechs Jahren als „goldenes Bewegungsalter“ gilt. Die Daten aus der Move for Health-Studie verdeutlichen zudem einen relevanten Trend: Während sich bei Kindern Ein- und Austritte in Sportvereine noch die Waage halten, überwiegen im Jugendalter zunehmend die Austritte – insbesondere bei Mädchen. Damit geht auch ein Rückgang wahrgenommener Gesundheit einher.
 

Rahmenbedingungen in Kita und Schule

Kitas und Schulen sind zentrale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Hier entstehen täglich Bewegungsgelegenheiten – oder sie gehen verloren. Die Herausforderung besteht darin, Bewegung nicht auf einzelne Angebote zu begrenzen, sondern sie als Querschnittsaufgabe zu verstehen. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark zwischen städtischen und ländlichen Regionen: Während ländliche Einrichtungen häufig von großzügigen Außengeländen profitieren, haben städtische Einrichtungen oftmals begrenzte Flächen und hohe Kinderzahlen. Dadurch wird der Alltag stärker verdichtet, spontane Bewegungsphasen werden seltener.

Auch der Ausbau des Ganztags in Grundschulen bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Bewegung kann fester Bestandteil rhythmisierten Lernens werden, etwa durch bewegte Pausen, spielerische Unterrichtsformen, Sportangebote im Ganztag oder Kooperationen mit Vereinen. Gleichzeitig geraten Schulen und Träger an ihre Kapazitätsgrenzen. Fachpersonal, geeignete Räume und qualitativ hochwertige Bewegungsangebote müssen gezielt entwickelt und abgesichert werden. Professionalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle: Qualifizierte Übungsleitende sowie Lehr-Fachkräfte sind wichtige Partner, um pädagogisch fundierte und gesundheitsfördernde Bewegungsangebote umzusetzen.
 

Mentale Gesundheit

Die psychische Gesundheit hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Thema im Bildungsbereich entwickelt. Neben Leistungsdruck und gesellschaftlichen Veränderungen spielt dabei auch Einsamkeit eine zunehmende Rolle. Aktuelle Studien zeigen, dass sich viele Kinder und Jugendliche trotz schulischer Einbindung zeitweise einsam fühlen. Fehlende Zugehörigkeit, soziale Unsicherheiten oder negative Kontakterfahrungen können zu Stress, depressiven Symp­tomen und verminderter Lebenszufriedenheit führen. Kitas, Schulen und Hochschulen fungieren nicht nur als Lern-, sondern vor allem als Lebensorte. Hier entstehen soziale Beziehungen, Anerkennung und Selbstwirksamkeit – oder das Gegenteil. Bildungsinstitutionen haben daher eine wichtige präventive Funktion: Sie können Schutzräume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche sich wahrgenommen, eingebunden und unterstützt fühlen.

Auch das pädagogische Personal steht zunehmend unter Druck. Belastungssituationen entstehen nicht abrupt, sondern entwickeln sich schleichend. Sensibilität für Warnsignale im Team ist ebenso wichtig wie das Wissen, wie „mentale Erste Hilfe“ bei Kindern und Jugendlichen geleistet werden kann. Der hessische Jugendring hat daher einen praxisnahen Leitfaden für die Jugendverbandsarbeit zum Thema „Erste Hilfe in mentalen Krisen“ entworfen, der dem Fachpersonal Orientierung bieten soll. (3) Zur Verantwortung gehört auch, Grenzen zu kennen. Therapeutische Interventionen gehören in die Hände von Fachpersonen.
 

Best-Practice-Beispiele aus Hessen

Eine nachhaltige Bewegungsförderung gelingt am besten, wenn Bildungseinrichtungen, Kommunen und Sportvereine zusammenarbeiten. Sportvereine verfügen über große Expertise in der Bewegungs- und Jugendförderung und sind wichtige Orte sozialer Teilhabe. Durch Kooperationen entstehen zusätzliche Bewegungsangebote, niedrigschwellige Zugänge und verlässliche Bezugspersonen außerhalb der Schule.

Qualitätssiegel „Hessischer Bewegungskindergarten“: Die Sportjugend Hessen zertifiziert seit vielen Jahren Kindertageseinrichtungen, die Bewegung konsequent in ihren Alltag integrieren. Das Qualitätssiegel definiert klare Kriterien für ein bewegungsfreundliches Umfeld, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Initiative „Mehr Bewegung in den Kindergarten“: Diese Initiative der Sportjugend Hessen setzt sich gezielt dafür ein, Bewegung als festen Bestandteil in den Alltag von Kindertagesstätten zu integrieren. Dabei steht im Mittelpunkt, Kindern frühzeitig Freude an körperlicher Aktivität zu vermitteln. Durch praxisnahe Fortbildungen, vielseitige Bewegungskonzepte und die Bereitstellung von Materialien unterstützt die Initiative die Einrichtungen dabei, ein bewegungsfreundliches Umfeld zu schaffen. Ziel ist es, den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder aufzugreifen und zu stärken, sodass Bewegung spielerisch in den Alltag eingebunden wird.

Projekte gegen Bewegungsmangel und Einsamkeit: Mit der Kampagne Step it up unterstützt die Sportjugend Hessen Kommunen und Jugendeinrichtungen darin, niedrigschwellige Bewegungsangebote aufzubauen. Ergänzend dazu setzt das Projekt FIVE – Fit und verbunden gegen Einsamkeit bei einem wachsenden Problem an: der sozialen Isolation junger Menschen. FIVE vernetzt Sportvereine, Schulen, Hochschulen und Jugendzentren und schafft Bewegungsangebote, die soziale Kontakte fördern. Gleichzeitig qualifiziert das Projekt Multiplikator:innen, Einsamkeit zu erkennen, sensibel zu reagieren und Bewegungssettings so zu gestalten, dass Vertrauen, Austausch und Zugehörigkeit entstehen.

Fortbildungsangebote der Sportjugend: Damit Bewegung ein fester Bestandteil des Bildungsalltags bleibt, braucht es verlässliche Strukturen, gut ausgebildete Fachkräfte und langfristige Kooperationen. Durch qualifizierte Fortbildungsangebote unterstützt die Sportjugend Hessen unter anderem mit neuen Weiterbildungen wie Sport im Ganztag oder Mehr Bewegung in den Kindergarten. Alle Angebote stehen online: www.sportjugend-hessen.de/fortbildungen

Bewegung, Gesundheit und Teilhabe gehören untrennbar zusammen. Die Move for Health-Studie der Deutschen Sportjugend zeigt, dass sportliche Aktivität und soziale Einbindung maßgeblich zur mentalen Gesundheit beitragen. Gleichzeitig wird deutlich, dass bestimmte Gruppen – vor allem Mädchen, Kinder aus einkommensschwachen Familien und Jugendliche mit Förderbedarf – besondere Aufmerksamkeit benötigen. Wenn Bildungseinrichtungen, Jugendarbeit und Sport gemeinsam handeln, können sie Bewegungsmangel entgegenwirken, soziale Teilhabe stärken und Kindern wie Jugendlichen echte Chancen auf ein gesundes, selbstbestimmtes Aufwachsen eröffnen.


Tim Döring ist Referatsleiter Bewegungsförderung und internationale Jugendarbeit bei der Sportjugend Hessen. Désirée Heß ist dort als Referentin für Inklusion und Integration zuständig, Sabine Weichert leitet die Öffentlichkeitsarbeit und Verbandskommunikation.

(1) Deutsche Sportjugend (2025). MOVE FOR HEALTH. Die Potenziale von Bewegung und Sport für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen 2.0. Ausgewählte Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt MOVE FOR HEALTH 2023–2024.

(2) Robert Koch-Institut (2024). Bewegungsverhalten von älteren Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse der HBSC-Studie 2022 und Zeitverläufe seit 2009/10. Journal of Health Monitoring, 9 (1).

(3) Hessischer Jugendring (2025). Erste Hilfe in mentalen Krisen. Ein praxisnaher Leitfaden für die Jugendverbandsarbeit.