„Auf sechs Beinen stehen“

Warum therapeutische Angebote für Studierende so wichtig sind | HLZ Mai 2026

Ursula Lemmertz leitet den Bereich Studentisches Leben beim Studierendenwerk Darmstadt. Die HLZ wollte von ihr wissen, mit welchen psychischen Belastungen Studierende konfrontiert sind und wie sie durch passende Beratungsangebote unterstützt werden können. Dabei wurden auch die Möglichkeiten zur Prävention angesprochen.

Welche Beratungen bietet das Studierendenwerk Darmstadt an?

Wir haben eine psychotherapeutische Beratungsstelle und eine Sozialberatung. Zusätzlich gibt es ein studentisches Beratungsbüro, um Studierende auf Augenhöhe zu unterstützen.

Wie werden die Angebote angenommen?

In der psychotherapeutischen Beratungsstelle bieten wir sowohl Einzelgespräche als auch Gruppen an. Vor allem die Nachfrage nach individueller Beratung wächst weiter an. Es gibt ein großes Bedürfnis, sich in einem vertraulichen Rahmen zu unterhalten. Einerseits gibt es Zugang zu vielen Informationen im Netz. Da wirkt es häufig so, als sei alles super leicht. Aber im Alltag Schwierigkeiten bei der Umsetzung zu überwinden, das ist oft schwierig. Und da braucht es dann individuelle Unterstützung.

Sind auch Anschlussberatungen möglich?

Bei uns sind mehrere Termine möglich. Das Angebot der 57 Studierendenwerke bundesweit ist unterschiedlich: Manche bieten nur niedrigschwellige Unterstützung an, andere auch therapeutische Angebote. Wir haben je nach Standort unterschiedliche Ausgangslagen bei der therapeutischen Versorgung. Wo ein Ausbildungsinstitut für Psychotherapeuten besteht, gibt es nochmal eine zusätzliche Anlaufstelle. In Darmstadt ist die Versorgung nicht gut, deswegen begrenzen wir die Anzahl der Beratungen nicht so stark. Es hängt daher von der Einschätzung der Berater ab, ob wir länger unterstützen.

Sind die Gruppenangebote auf bestimmte Problemlagen ausgerichtet?

Wenn die Berater feststellen, dass bestimmte Themen häufiger sind, entwickeln sie dazu eine Gruppe. Über die Jahre haben sich diese etwas verändert. Im Moment haben wir zum Beispiel kein Selbstkompetenztraining mehr, dafür eine relativ neue Gruppe zu Prokrastination – also einem unangemessenen Aufschiebeverhalten. Dabei begleiten wir die Studierenden, um Vorsätze für ein Semester zu definieren.

Mit welchen Problemlagen kommen Studierende  am häufigsten auf Sie zu?

Zu unserem 50-jährigen Jubiläum haben wir uns angeguckt, was in den alten Tätigkeitsberichten über die Beratungsanlässe steht: Depressive Verstimmungen und Identitäts- und Selbstwertprobleme waren schon immer unter den ersten drei Anlässen. Manchmal ist das erstgenannte Thema, wie zum Beispiel Lern- und Leistungsprobleme, nur der Türöffner. Wenn die Studierenden nach einigen Gesprächen mehr Sicherheit haben, öffnen sie sich. Dann zeigt sich, dass eigentlich ein anderes Thema der Hauptgrund war.

Man kann also gar nicht genau trennen zwischen Anlässen, die mit dem Studium zu tun haben, und anderen?

Das erlebt man ja selber: Wenn es einem privat nicht so gut geht, ist man auch im Job oder eben im Studium nicht so belastbar. Deswegen zeichnet uns die Verknüpfung der Beratung mit dem Wissen um die Hochschule aus. So können konkrete Lösungsstrategien erarbeitet werden. Viele Studiengänge sind sehr herausfordernd angelegt. Das ist für viele Studierende belastend – und bedeutet nicht, dass sie nicht fähig sind. Unsere Berater sagen auch immer wieder, dass sich die beiden Felder gegenseitig unterstützen. Wenn es im Privaten läuft, kann das auch über schwierige Phasen im Studium helfen. Oder umgekehrt, wenn man etwas wirklich Belastendes durchstehen muss, Schicksalsschläge verarbeiten muss, kann die Struktur des Studiums stützend wirken.

Hat sich die mentale Gesundheit der Studierenden seit der Pandemie verschlechtert?

Manche Diagnosen haben vielleicht nur zugenommen, weil sie zu lange unerkannt waren. ADHS ist zum Beispiel womöglich gar nicht mehr geworden, sondern wurde lange einfach nicht erkannt. Aber die Studierenden gehören zu der Gruppe, bei der es nachvollziehbar ist, dass sie psychisch belastet sind, auch angesichts der unsicheren Politiklage – und das in der Phase des Heranwachsens, in der sie sich häufig befinden. Es gibt viele Umbrüche, vielleicht einen Todesfall oder die erste Trennung, die zu verarbeiten sind. Die Pandemie hat sich nicht sofort in der Beratung niedergeschlagen. Am Anfang fanden die Studierenden es sogar ziemlich cool, im Schlafanzug eine Vorlesung verfolgen zu können. Aber nach einem Jahr wurden die Folgen deutlich. Obwohl die Hochschulen inzwischen wieder gefüllt sind, wirkt die Pandemie nach. Das Kontaktknüpfen ist schwerer geworden, vielleicht auch durch die starke Distanz, die sich aus Sozialen Medien ergibt. Viele sind darüber vermeintlich gut in Kontakt. Aber kann man sich auch an die wenden, wenn man Probleme hat oder Hilfe beim Umzug braucht?

Spielt bei Studierenden aus dem Ausland die Sprachbarriere eine Rolle?

Das ist unterschiedlich. Die Hochschulen haben ja die Bestrebung, den Internationalisierungsgrad zu erhöhen. Wir haben sogar englischsprachige Gruppen versucht, die sind aber bisher nicht angenommen worden. Je nach Herkunftsland ist das Thema psychische Erkrankung ganz anders besetzt. In manchen Ländern ist es sogar gefährlich, über psychische Probleme offen zu sprechen.

Ich nehme an, es gibt Beratungsfälle, bei denen Sie sagen müssen: Hier sind wir am Ende unserer Möglichkeiten ...

Auf jeden Fall, mit unseren begrenzten Ressourcen. Wir haben deswegen unseren Anmeldevorgang geändert: Zuerst gibt es eine telefonische Beratung, bei der man mit einem psychotherapeutischen Berater spricht. So kann er eine Ersteinschätzung treffen. Wenn der Berater feststellt, dass wir etwas hier nicht leisten können, etwa weil wöchentliche Kontakte im Rahmen einer Psychotherapie benötigt werden, können wir gleich empfehlen, bei einem niedergelassenen Therapeuten einen Platz zu suchen. Wir haben deswegen auch Informationen auf unserer Webseite, wie man einen Therapieplatz findet. Wenn nötig, nehmen wir die Leute doch auf, wenn sich zeigt, dass wir sie zumindest stabilisieren müssen, oder weil es sich um internationale Studierende handelt, die noch schwerer bei Niedergelassenen unterkommen. Studierende brauchen eine Krankenversicherung, um sich immatrikulieren zu können. Wählt man die Versicherung primär nach deren Kosten aus, so sind private Versicherungen oft günstiger. Allerdings zu dem Preis, dass Leistungen ausgeschlossen sind, zum Beispiel psychotherapeutische Beratung. Wenn internationale Studierende dann ohne irgendeine Versorgung dastehen, sehen sich unsere Berater doch in der Verantwortung.

Haben Sie Ratschläge, wie Studierende trotz Belastungen gesund durchs Studium kommen können?

Wir haben bereits Veranstaltungen zu dem Thema gemacht. Sehr anschaulich finde ich dabei das Käfer-Modell. Wie beim Käfer ist das Leben auf sechs Beinen stabiler aufgestellt. Die einzelnen Beine stehen für Beruf oder Studium, Freunde, Familie, Gesundheit, Hobbys und Spiritualität oder Religion – je nachdem, wie man das sieht. Das Bild verdeutlicht sehr gut, dass es besonders dann schwierig wird, wenn man in vielen Feldern schwach aufgestellt ist. Wenn man sich nur aufs Studium fokussiert, trifft einen ein Schicksalsschlag oder eine durchgefallene Prüfung viel härter, als wenn man noch die anderen Beine hat, die zu stabilisieren helfen: gute soziale Beziehungen oder auch ein Hobby, in dem man Erfüllung findet. Auch Gesundheit besteht nicht nur aus dem Aspekt körperliche und psychische Gesundheit. Unsere Sozialberatung unterstützt bei kritischen Basics: Habe ich genug Einkommen, um mich monatlich irgendwie zu finanzieren? Wie läuft das mit der Krankenversicherung, während ich jobbe? Oder wenn die Ausländerbehörde Leistungsnachweise fordert, damit ich einen Aufenthaltstitel verlängern kann. Daher müssen wir die Studierenden auch über ihre Rechte aufklären.

Haben Sie Wünsche an die Politik?

Unser Dachverband fordert schon lange mehr Geld für die psychotherapeutische Beratung. Wir brauchen das, da der Bedarf deutlich höher ist als unser Angebot. Das Geld wäre dabei sehr wirksam investiert, da gerade das frühe Unterstützen, wenn man psychisch ins Straucheln kommt, sehr schnell wirksam wird. Was die Berater leisten, verhindert oftmals, dass Probleme sich zu psychischen Erkrankungen verfestigen, und ist dadurch auch ein Beitrag für unsere Gesellschaft insgesamt. Mir ist aber klar, dass das im Moment durch die wirtschaftliche Lage schwierig ist, auch weil es so viele andere soziale Angebote gibt, die große Finanzierungsnot haben. Deswegen gilt es, auch unseren eigenen Handlungsspielraum zu nutzen. Wir müssen ungünstige Strukturen hinterfragen, Studienverläufe und Prüfungsanforderungen so gestalten, dass sie weniger belasten. Ich sehe auch viele Ansatzpunkte, um im gesellschaftlichen Miteinander füreinander da zu sein. Mal zuhören, wie es dem anderen wirklich geht, dass man sich wieder trifft und dabei auch ins Vertrauen geht, um dann positiv überrascht werden zu können: Ich bin tatsächlich nicht alleine.