In den derzeitigen Diskussionen zur Reform des deutschen Sozialstaates bleiben die Stimmen zur Stärkung der Einnahmeseite erstaunlich leise. Vorschläge zur Wiedereinführung der Vermögensteuer, zur Abschaffung des Dienstwagenprivilegs und anderer Vergünstigungen für Wohlhabende sind in öffentlichen Diskursen kaum zu hören. Stattdessen fokussieren sich Politik und mediale Öffentlichkeit lediglich auf altbekannte Verdächtige: die „faulen Armen“. Die Vorschläge zur Verbesserung der sozialen Lage im Land liegen demzufolge auf der Hand: das Bürgergeld kürzen, sogenannte „Totalverweigerer“ vollständig sanktionieren, beim Eltern- oder Krankengeld sparen, Erwerbslose und andere „Faulenzer:innen“ notfalls auch mit Zwangsmaßnahmen aus der sozialen Hängematte schütteln.
Die Gründe für Erwerbslosigkeit sind jedoch vielschichtig und in der Regel struktureller Art: Globalisierung, Digitalisierung, Benachteiligungen und Kosteneinsparungen im Bildungssystem und nicht zuletzt Wirtschaftskrisen, die kapitalistischen Marktsystemen immanent sind. Leistungen im bundesdeutschen Sozialstaatsmodell ergeben sich primär aus dem Erwerbsarbeitsstatus (Arbeitslosengeld, Rente, Krankenversicherung usw.) und aus der Integration in den Arbeitsmarkt. Wenn eine Branche und damit eventuell auch eine ganze Region kippt und an Relevanz verliert, hat das Auswirkungen auf Menschen – teilweise über Generationen, und das unverschuldet. Auch Teile Nord- und Südhessens haben einen Prozess der Deindustrialisierung durchlaufen, der sich in der Verschlechterung von Erwerbsarbeits- und Mobilitätsmöglichkeiten widerspiegelt.
Armut ist kein individuelles Versagen
Hinter Zahlen zu Armut, Ausgrenzung und Erwerbslosigkeit stehen Menschen mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen und Lebensumständen. Die im Folgenden aufgeführten Zitate stammen aus einem aktuellen Forschungsprojekt zu Armut im ländlichen Hessen. Dabei wurde deutlich, dass sich Armut in urbanen und ländlichen Räumen ähnelt, denn hier wie dort produziert sie Ausschlüsse und zeigt sich in fehlenden Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen. Dennoch gibt es in Gebieten mit geringerer Bevölkerungsdichte und weniger Infrastruktur einige Besonderheiten in der Art und Weise, wie sich strukturelle Kopplungseffekte zwischen unterschiedlichen Lebenslagen wie Wohnen, Erwerbsarbeit, Gesundheit oder Mobilität zu spezifischen Armutslagen im ländlichen Raum verdichten können, die sich von jenen in Städten unterscheiden.
Wer einmal in Armut geraten ist, beispielsweise Bürgergeld bezieht oder prekär beschäftigt ist, hat es häufig schwer, sich daraus wieder zu befreien. Das hat allerdings meist weniger damit zu tun, dass es sich in Armut gut leben lässt, sondern vielmehr damit, dass die Hürden aus Armutssituationen heraus sehr hoch sind. Fast jede sechste Person in Hessen lebt in relativer Armut. Das sind rund eine Million Menschen oder 17,3 Prozent der Bevölkerung. (1)
Die anhaltende Wirtschaftsflaute und der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt führen beispielsweise zur höchsten Zahl an Langzeiterwerbslosen in Hessen seit über zehn Jahren: knapp 70.000 Personen. „Und dann wird dir vom Arbeitsamt vorgeheult, du sollst arbeiten gehen. Jeder kriegt Arbeit. Wie denn? Wenn überall die Leute entlassen werden“, so beschreibt die Teilnehmerin an einer Jobcenter-Maßnahme ihre Situation deutlich.
Wenn Wege unüberwindbar werden
Zwar kann beispielsweise der Umzug aufs Land mit seiner relativ guten Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums unter Umständen die Wohnkosten senken. Dem steht aber in der Regel die schlechtere Erreichbarkeit oder auch mangelhafte Verfügbarkeit von Arbeitsgelegenheiten oder Ausbildungsplätzen gegenüber. Ein Sozialarbeiter berichtet uns über die jungen Menschen in seinem Projekt, die im Anschluss an die Maßnahme statt in einer Ausbildung wieder in der Erwerbslosigkeit landen:
„Und was mir noch eingefallen ist zu den Umzügen, das macht echt Probleme. Die ziehen auf Dörfer, weil sie sich da die Mieten leisten können, aber die kommen dann nicht mehr weg. […] Die können nicht arbeiten.“
So geht es Herrn Häuser, der derzeit in einem abgelegenen alten Fachwerkhaus wohnt, über kein eigenes Auto verfügt und seit Monaten verzweifelt nach Arbeit im Helferbereich sucht: „Da findest du keine Arbeit! … weil das ist meistens die erste Frage. Ja, sind Sie denn mobil? Haben Sie ein Fahrzeug?“ Aber auch an seine Zeit als Leiharbeiter erinnert er sich gut. Damals hatte er zwar noch einen alten Pkw, stand aber dennoch vor großen Herausforderungen:
„Ja gut, als Leiharbeiter ist es halt so, da bist du mal drei Wochen da, dann bist du mal einen halben Tag da. Das auch okay. Nur wenn ich jedes Mal 54 Kilometer fahren muss. Oder jetzt 65 Kilometer. Bei den Spritpreisen? Da habe ich schon manchmal Schwierigkeiten gekriegt, dass ich da gar nicht mehr hinkam […]. Weil das Konto war leer. Der Tank war leer. Die Brieftasche, die Brieftasche war leer. Ja, das habe ich denen halt erzählt. Dat waren für die halt nur Ausreden.“
Die Situation von Herrn Häuser verdeutlicht sehr gut, was auch die Studie zu sozialgerechter Klimapolitik und Mobilitätsarmut in Hessen im Auftrag des Wissenschaftlichen Klimabeirats Hessen empirisch belegt. (2) Mobilitätsarmut zeigte sich den Forschenden in zwei Ausprägungen: Entweder ist die Mobilität der Menschen, zum Beispiel aufgrund eines fehlenden Pkw, so stark eingeschränkt, dass sie soziale Teilhabe hinsichtlich der Aufnahme von Erwerbsarbeit genauso einschränkt wie Freizeitaktivitäten oder Bildungsmöglichkeiten (für die gesamte Familie). Oder aber es existieren Mobilitätsmöglichkeiten, diese erzeugen für die Betroffenen jedoch so hohe Kosten, dass diese durch starke Einschränkungen in anderen Lebensbereichen kompensiert werden müssen. In Hessen ist jeder fünfte Haushalt von einer der beiden Formen betroffen. Herr Häuser hat in seinen Versuchen, sich aus seiner Armutslage im ländlichen Raum herauszuarbeiten, beide Ausprägungen erlebt.
Zeitarmut oder Armut trotz Leistung
Nicht nur Arbeits-, Schul- oder Ausbildungsplätze sind im ländlichen Raum mitunter schwerer zu erreichen, sondern auch soziale Infrastrukturen oder Beratungsstellen. Das sind gerade jene Einrichtungen, die Armutslagen entschärfen oder bei ihrer Überwindung unterstützen sollen. Herr Franke, Teilnehmer einer AGH-Maßnahme, umgangssprachlich auch „1-Euro-Job“ genannt, berichtet von seiner Schwierigkeit, die Lebensmittelausgabe der Tafel zu erreichen:
„Und ich sage mir tatsächlich, wenn ich weiter entfernt schauen würde, da wären Plätze bei der Tafel. Ja, aber wie komme ich von hier da rüber und dann von da drüben mit vollen Taschen wieder hierher? Es ist alles nicht machbar.“
Herr Franke, der am Nachmittag nach der Maßnahme seine beiden Kleinkinder betreut, ist damit von Zeitarmut betroffen – einer Form von Armut, die gerade im ländlichen Raum häufig in engem Zusammenhang mit Mobilitätsarmut steht. So kann das Angewiesensein auf einen schlecht ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr dazu führen, dass beispielsweise Kinderbetreuung, Arbeitsplatz, Einkaufsmöglichkeiten oder (Fach-)Ärzt:innen nur mit erheblichem Zeitaufwand zu erreichen sind. Dies zieht Einschränkungen in anderen Lebensbereichen nach sich, etwa bei der verfügbaren Zeit, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen oder sich um Kinder oder andere Angehörige zu kümmern. Auch hier kann sich finanzielle Armut gerade im ländlichen Raum also über verschiedene Lebenslagen hinweg zu einer Lebenssituation verdichten, in der Menschen zwar Tag für Tag eine Menge leisten – aber dennoch „arm“ bleiben.
Armut hat viele Gesichter
Letztlich haben viele Faktoren Einfluss auf die Lebenslage der Menschen – auch auf dem Land. Auf den ersten Blick mögen Armutsverhältnisse individuell erscheinen, doch lassen sich hinter Erwerbslosigkeit, Wohn- und Mobilitätsarmut meist strukturelle Symptomatiken aufdecken, die sozialpolitisch von oben nach unten bis in den konkreten Sozialraum der Betroffenen und ihrer Familien wirken. Die derzeit erneut forcierten politischen Debatten um sogenannte verdiente und unverdiente Armut verschleiern gesellschaftliche Verantwortung und bilden lediglich eine Legitimationsstrategie für weitere Kürzungen in sozialen Bereichen. Die dadurch immer weiter – teilweise bewusst – betriebene Auflösung des Solidargedankens hat auf Dauer Folgen für den sozialen Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft. Es ist also höchste Zeit, entschieden gegenzusteuern, damit sich die soziale Ungleichheit zulasten der am stärksten benachteiligten Menschen nicht immer weiter verschärft.
(1) Vgl. den folgenden Beitrag von Kai Eicker-Wolf & S. Würzbach.
(2) Kerstin Stark et al (2025); „Studie zu sozialgerechter Klimapolitik und Mobilitätsarmut im Land Hessen“; KlimaSozialHessen, zuletzt aufgerufen am 5.6.2026.
Prof. Dr. Jana Günther lehrt an der Evangelischen Hochschule Darmstadt in den Gebieten Sozialstrukturanalyse, soziale Ungleichheit und Sozialpolitik. Dr. Melanie Hartmann ist Referentin für Armutspolitik, Arbeitsmarktpolitik und Jugendberufshilfe der Diakonie Hessen. Das Forschungsprojekt zur ländlichen Armut wird gefördert durch die Diakonie Hessen Stiftung und die Evangelische Hochschule Hessen.