Aktiv mit Wandel umgehen

Warum Future Skills in der Lehrkräftebildung kein Luxus sind | HLZ Mai 2026

In der Hochschullehre gewinnen sogenannte Future Skills zunehmend an Relevanz. Seit etwa 2016 steht dieses Thema verstärkt im Fokus von Forschung und Hochschulentwicklung. Ziel ist es, Studierende mit Kompetenzen wie beispielsweise kritischem Denken, digitaler Handlungsfähigkeit und Flexibilität auf komplexe Anforderungen der Arbeits und Lebenswelt vorzubereiten sowie ihre gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Entfaltung zu unterstützen. Der Diskurs befasst sich dabei sowohl mit theoretischen Grundlagen als auch mit Fragen der curricularen Umsetzung. 

Häufig wird der Begriff Future Skills als Weiterentwicklung der bekannten Schlüsselkompetenzen verstanden, ergänzt um eine gesellschaftliche und zukunftsorientierte Perspektive. Während Schlüsselkompetenzen vor allem individuelle Fähigkeiten betonen, rücken Future Skills darüber hinaus die Fähigkeit in den Mittelpunkt, mit Wandel, Unsicherheit und Dynamik aktiv umgehen zu können. Es geht nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern Veränderung als permanente Realität anzuerkennen, Ungewissheit auszuhalten und dennoch handlungsfähig zu bleiben – durch lebenslanges Lernen und kritische Selbstreflexion, allein und im Austausch mit anderen. Dafür müssen Ziele, Inhalte und Formen des Lehrens und Lernens weiterentwickelt und zugleich ausreichende Spielräume für Lehrende und Studierende geschaffen werden, um Lernprozesse eigenverantwortlich gestalten zu können. 
 

Lehrkräftebildung
In der Debatte um die Professionalisierung von Lehrkräften rücken Future Skills zunehmend ins Zentrum. Sie bezeichnen überfachliche Kompetenzen, die Lehrkräfte befähigen, in einem von Digitalisierung, gesellschaftlicher Heterogenität und beschleunigtem Wandel geprägten Schulsystem handlungsfähig zu bleiben. Im Unterschied zu einer vorwiegend fachlich ausgerichteten Ausbildung steht der Erwerb reflexiver, kommunikativer und politisch-urteilender Kompetenzen, die über alle Schulformen hinweg bedeutsam sind, im Vordergrund. 

Kommunikative Kompetenz umfasst in der Lehrkräftebildung mehr als das verständliche Darstellen von Fachinhalten. Sie schließt adressatengerechte Sprache, aktives Zuhören, den konstruktiven Umgang mit Konflikten und eine empathische Haltung ein. Lehrkräfte müssen heterogene Lerngruppen wahrnehmen, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und Beziehungen bewusst gestalten können. 

Empathie ist dabei nicht nur eine persönliche Eigenschaft, sondern eine professionelle Fähigkeit, die gezielt aufgebaut und reflektiert werden kann. Lehrveranstaltungen, Praxisphasen und Studienseminare bieten hierfür geeignete Formate, wie kollegiale Fallberatung, Unterrichtsbeobachtung, Videoanalyse und strukturierte Feedbackprozesse, die kommunikative und kooperative Kompetenzen stärken. 

Reflexion gilt als Schlüsselkompetenz, die den Übergang von alltagsweltlichem zu professionalisiertem pädagogischen Handeln markiert. Im Kontext von Future Skills bedeutet Reflexionsfähigkeit, das eigene unterrichtliche und institutionelle Handeln systematisch zu analysieren, Entscheidungen zu begründen und weiterzuentwickeln. Dazu gehört, im Unterricht nicht nur situativ zu entscheiden, sondern diese Entscheidungen nachträglich im Hinblick auf die Wirkungen auf Lernende, fachliche Ziele und soziale Dynamiken zu bewerten. Reflexion sollte daher nicht als Zusatzaufgabe am Rand von Praxisphasen verstanden werden, sondern als kontinuierlicher Prozess, etwa durch Portfolioarbeit, begleitete Hospitationen und strukturierte Auswertungsgespräche. 

Future Skills haben auch eine explizit politische Dimension. Lehrkräfte aller Schulformen begegnen Themen, die Fachgrenzen überschreiten: demokratische Beteiligung, soziale Ungleichheit, Rassismus, Geschlechterverhältnisse, Digitalisierung oder ökologische Krisen. Politische Bildung meint hier weniger reines Wissen über politische Systeme als vielmehr eine Urteilskraft, die gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse und Ungleichheitslagen erkennen, einordnen und thematisieren kann. Diese Kompetenz erfordert kritisches Analysevermögen, ethische Reflexion und handlungsorientierte Perspektiven. Sie lässt sich nicht auf einzelne Fächer oder Module begrenzen, sondern muss als Querschnittsaufgabe in den Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften verankert werden. 
 

Implementierung 
In Hessen werden Future Skills bereits an mehreren Hochschulen systematisch gefördert. An der Philipps-Universität Marburg stärkt der Studienbereich „MarSkills“ über transdisziplinäre, projektorientierte Lehrformate Kompetenzen wie den Umgang mit Unsicherheit, kritische Reflexion und verantwortungsvolle Anwendung von Wissen. Die Hochschule RheinMain verankert Future Skills über ein eigenes Framework im LehrLernZentrum und integriert überfachliche Kompetenzen wie Kommunikation, Problemlösen und digitale Souveränität in Fachlehre und Studiengangsentwicklung. Die Justus-Liebig-Universität Gießen unterstützt Lehrende durch hochschuldidaktische Workshops dabei, Future-Skills-Ansätze gezielt in Lehrveranstaltungen zu integrieren.

In Marburg sind diese Aktivitäten zudem eng mit der Lehrkräftebildung verbunden, unter anderem über Projekte des Zentrums für Lehrkräftebildung und das Angebot „Schule@Zukunft“, das Medien- und digitale Gestaltungskompetenz in den Fokus rückt. Zukunftsorientierte Lehrkräftebildung wird sich daran messen lassen müssen, inwieweit kommunikative und empathische Fähigkeiten, Reflexionsvermögen sowie politische Urteilskraft systematisch mit fachlicher Expertise und didaktischem Können verbunden werden. Future Skills markieren daher kein Zusatzprogramm, sondern einen erweiterten Begriff professioneller Handlungskompetenz, der für alle Schulformen relevant ist. Gerade unter den aktuellen Bedingungen sind sie Voraussetzung dafür, dass Unterricht gut gelingen kann. Damit sind sie kein Luxus, sondern notwendiger Bestandteil professioneller Bildungspraxis. 
 

Weiterführende Literatur 
CHE Centrum für Hochschulentwicklung (2025): Future Skills in der Hochschullehre. Ergebnisse einer Befragung von Professorinnen und Professoren.

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE) (2025): Future Skills in der Weiterbildung. Resultate aus Forschung und Entwicklung.

Ehlers, U. D. (2022): Future Skills im Vergleich. Zur Konstruktion eines allgemeinen Rahmenmodells für Zukunftskompetenzen in der akademischen Bildung. 

Stifterverband (2025): Zukunftsweisende Lehrkräftebildung durch Future Skills. Arbeitspapier zu Perspektiven auf Begründung, Weiterentwicklung und Umsetzung. 

TU Darmstadt (2024): Hochschullehre für die Zukunft mit Future Skills. Wir geben Tipps und zeigen Strategien, wie Sie Studierende und sich fit für die Zukunft machen.