Im Zuge der Wahlerfolge extrem rechter Parteien gibt es immer wieder Nachrichten, die nahelegen, dass rechtsextreme Vorfälle und antidemokratische Einstellungen an Schulen zunehmen. Seitens des Kultusministeriums liegen nur unzureichend gesicherte Erkenntnisse vor, die Zahl offiziell gemeldeter Vorfälle hat auf jeden Fall zugenommen. Um eine bessere Übersicht zu erhalten, hat sich die GEW Hessen im Herbst 2025 mit einer Onlinebefragung an ihre Vertrauensleute als GEW-Ansprechpersonen an den Schulen gewandt. Auch wenn die Befragung nicht die Kriterien einer repräsentativen Studie erfüllt, liefert sie doch wichtige Hinweise.
Verbreitung von Vorfällen
Insgesamt sind 133 Antworten von ebenso vielen Schulen zurückgekommen. Der Fragebogen bestand aus mehreren standardisierten Fragen mit jeweils drei Antwortmöglichkeiten: Ja, nein oder keine Antwort. Die Kernfrage, ob es als „dezidiert rechts“ zu beschreibende Schüler:innen an der jeweiligen Schule gäbe, beantworteten 48 von ihnen mit Ja (36 Prozent). Zu der Frage, wie sich das konkret äußert, konnten mehrere Möglichkeiten ausgewählt werden. Die meisten Nennungen erhielten dabei „rassistische“ oder „queerfeindliche Äußerungen“ (je 29 Nennungen) sowie „Bekenntnis zu/Werbung für AfD“ (28 Nennungen).
Immerhin sechs Vertrauensleute antworteten mit Ja auf die Frage, ob es „rechtsextrem motiviertes aggressives/bedrohliches Auftreten von Schüler:innen gegenüber Lehrkräften/Sozialpädagogen/anderem Personal der Schule“ gibt. Deutlich öfter wurde jedoch ein solches Verhalten gegenüber Mitschüler:innen beobachtet, vor allem „in Form von Schmähungen/Mobbing“ (25 Nennungen). Aber auch von „verbalen Drohungen“ wurde häufiger berichtet (19 Nennungen). Sieben mal wurden körperliche Angriffe genannt.
Immerhin 18 Vertrauensleute stellten fest, dass es Schüler:innen oder Eltern gibt, „die gegenüber Lehrkräften den Vorwurf äußerten, das Neutralitätsgebot durch Positionierung gegen Rechtstendenzen/die AfD verletzt zu haben.“ 72 Personen haben diese Frage eindeutig mit Nein beantwortet. Insgesamt 21 konstatierten einen Rechtsruck, „der sich auf Inhalte und Formen des schulischen Lebens auswirkt“. Gleichwohl kann die Mehrheit bisher keinen eindeutigen Rechtsruck an ihren Schulen feststellen: 68 antworteten auf diese Frage mit Nein, 44 blieben unentschieden (siehe Diagramm).
Eine Auswertung nach Regionen und Schulformen erübrigt sich, da beide Angaben optional waren. Feststellen lässt sich nur, dass es Rückläufe aus allen Regionen des Bundeslandes und aus allen Schulformen gab. Weitere interessante Hinweise lieferten jedoch die Antworten über offene Freitextfelder. Über diese wurden zahlreiche zum Teil sehr ausführliche Darstellungen zur Situation an der jeweiligen Schule und in deren Umfeld hinzugefügt. Dies ist ein Indiz, dass das Problem die Lehrkräfte stark beschäftigt.
Ursachen und Handlungsstrategien
Unter der Frage „Woher kommt der Rechtsruck?“ wurde wiederholt auf die „einseitige Berichterstattung in den Medien“ und insbesondere den „Einfluss sozialer Medien“ verwiesen. Dort fänden sich beispielsweise „zig kleine Memes, die rechte Inhalte humorvoll oder unter dem Label ‚ich meine ja nur‘ präsentierten“. Mehrfach wurde explizit die negative Rolle der Plattform TikTok genannt.
Ein ebenfalls sehr großer Einfluss wird den Eltern und dem familiären Umfeld zugeschrieben: „Viele der Eltern sind mit Erziehung oder der Regelung des täglichen Lebens überfordert: Schuld sind immer andere, regeln müssen es aber auch immer andere.“, „Die ‚Schuld-Narrative‘ der AfD treffen hier auf offene Ohren, die angebotenen ‚Alternativen‘ werden assimiliert – auch das ist bequem.“, „Die AfD macht Stimmung via Social Media und im Parlament, die Grenzen des Sagbaren werden immer weiter nach rechts verschoben. Die Verantwortung dafür tragen aber auch die Parteien der vermeintlichen Mitte, die diesen Kurs nach rechts sowohl sprachlich als auch inhaltlich mitgehen.“ Auch andere nehmen die gesellschaftliche Mitte in die Verantwortung: „Eine Brandmauer ist schon lange nicht mehr vorhanden. Es gibt kein Miteinander und die Kultur der Debatte ist so verroht, sie basiert zum Teil auf persönlichen Diffamierungen und nicht auf sachlicher Kritik.“ Als weitere Faktoren wurden Angst vor einer unsicheren Zukunft, Neid, Perspektivlosigkeit und geringe historische beziehungsweise schulische Bildung genannt.
Eine Frage bezog sich auf gegebenenfalls bestehende Handlungsstrategien gegen rechtsextreme und antidemokratische Tendenzen an der jeweiligen Schule. Einige Ansätze werden hier kurz zusammengefasst:
• Demokratie leben, Schülerinnen und Schüler mitentscheiden lassen.
• Fremdenfeindliche Parolen und Aussagen sofort ahnden.
• Zusammenarbeit mit demokratischen Initiativen vor Ort pflegen.
• Grundsätzlich klare Kante gegen Ausgrenzung, Intoleranz und Antisemitismus im und außerhalb des Unterrichts zeigen.
• Aufklärung über Ziele und Strategien rechter Gruppierungen im Unterricht leisten.
• Schulweite Gedenkstättenarbeit mit Besuch der Gedenkstätten (Dachau, Hadamar) sowie regelmäßige Zeitzeugengespräche durchführen.
• Soziales Miteinander leben, Schulregeln und Klassenregeln aufstellen und umsetzen sowie Prävention durch Schulsozialarbeiter:innen.
• Klare Position beziehen in Gesprächen mit den Eltern.
Differenziert fielen auch die Antworten auf die Frage nach Hindernissen bei der Umsetzung schulischer Handlungsstrategien aus. Mehrfach wurde eine uneinheitliche Position der Kollegien geschildert: „Viele Mitglieder der Schulgemeinde sind desinteressiert.“, „Im Kollegium herrscht Angst, das Neutralitätsgebot zu verletzen, deshalb politische Zurückhaltung. Schulleitung lehnt Resolution ab.“ Aus einer Grundschule kommt diese Einschätzung: „Zu wenig Zeit. In unserer Schule sind die Schüler noch zu jung, um wirklich rechts zu sein. Sie spiegeln nur wider, was ihre Eltern vorleben. Und diese können wir nicht erziehen.“
Eine weitere Erfahrung: „Pädagogische Maßnahmen verfehlen oft ihr Ziel, da Eltern nicht kooperieren und die Einstellung ihrer Kinder teilen.“ Ordnungsmaßnahmen werden als nicht mehr zeitgemäß angesehen, da die Schüler:innen ein Fernbleiben vom Unterricht „feiern“ würden und in der freigestellten Zeit nichts Sinnvolles machten. Ein wesentlicher Hinweis, der in ähnlicher Form wiederholt auftauchte: „Zeit und Kraft, also personelle Ressourcen, sind in unsinniger Bürokratie gebunden.“
Rückendeckung benötigt
Viele Antworten gab es auf die Fragen nach weiteren Ideen für Handlungsstrategien und wer sonst noch aktiv gegen rechtsextreme Tendenzen werden müsste. Wiederholt wurde mehr Zeit für die Bearbeitung der Themen Rechtsextremismus und Faschismus im Unterricht gefordert. Es bedürfe der zusätzlichen Unterstützung durch Sozialpädagog:innen und Schulsozialarbeit, möglichst früh solle mit multiprofessionellen Teams in den Klassen gearbeitet werden. Zu den Forderungen nach einem „Handyverbot“ beziehungsweise „Verbot der Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige“ kommt die nach „Aufklärung über soziale Medien und die Gefahren im Netz“. Denn: „Die Kinder und Jugendlichen wachsen mit TikTok und Social Media auf und dort hat im Moment die AfD die ‚Deutungshoheit‘.“
Eingefordert wurde jedoch auch „rechtliche Klarheit und Rückendeckung, wenn es darum geht, ‚Demokratielernen‘ auch gegen Widerstand aus der Elternschaft durchzusetzen“. Ebenfalls in diesem Sinne: „Definitiv die Lehrer:innen stärken und schützen, vor allem gegen großkotzige Jugendliche, deren Eltern ein ‚höheres‘ Amt bekleiden.“ Und: „Mobbing-Opfer ernst nehmen und handeln und nicht kuscheln.“ Eine stärkere Unterstützung und der Schutz durch Schulleitung und Schulverwaltung werden als unbedingt erforderlich angesehen. Schulregeln, die eindeutig gegen Rechtsradikalismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit Stellung beziehen, sollten in den Blick genommen werden. Aber: „Regeln alleine reichen nicht, es geht dann auch um Strategien ihrer Durchsetzung im Schulalltag. Dazu müssen Schulen auch einen Schutzraum gegen verbale, aber wohl auch körperliche Angriffe bieten. Sanktionsmaßnahmen gegen rechtsradikale Aktivitäten müssen entwickelt werden.“
Auch im Hinblick auf die gewerkschaftliche Arbeit werden Vorschläge unterbreitet: „Die GEW sollte – neben Materialien für den Unterricht – verstärkt Fortbildungen für unsere Kolleg:innen im Umgang mit rechtsradikalen Äußerungen und Verhaltensweisen bei Schüler:innen anbieten.“ Zudem „sollten Initiativen wie ‚Schülis gegen rechts‘ unterstützt und gefördert werden“. Die GEW könne Hilfestellung geben, um antifaschistische Lehr- und Fachkräfte zu vernetzen. Lehrkräfte sollten ermutigt werden, menschenverachtende Äußerungen zur Anzeige zu bringen – sowohl von Lehrkräften als auch von Schüler:innen.
Abschließend soll hier ein zutreffender Appell aus der Umfrage wiedergegeben werden: Jede Lehrkraft muss für die „eigenen Überzeugungen einstehen und Unrecht benennen. Individuelle Zivilcourage ist und bleibt die Grundlage allen koordinierten Handelns.“