Der Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 zeigt mit seinen Forschungen auf, dass Widerstand weit vielfältiger war als der bekannte Anschlag Stauffenbergs auf Hitler. Zweimal jährlich erscheint die Zeitschrift informationen. Das Heft zu den Gewerkschaften im Nationalsozialismus beginnt mit einem Überblicksartikel von Stefan Heinz. Er beleuchtet die Entwicklung nach der Machtübergabe an die NSDAP bis hin zur Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, die Rolle der im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) zusammengeschlossenen freien Gewerkschaften und die Tätigkeit der nationalsozialistischen Organisation Deutsche Arbeitsfront (DAF).
Zerschlagung und Widerstand
Wie war es möglich, dass die stärkste Arbeiterbewegung der Welt sich 1933 nicht gegen den nationalsozialistischen Terror zur Wehr setzen konnte? Obwohl bereits während der Weimarer Republik viele Gewerkschafter:innen die Gefahren des Nationalsozialismus erkannt hatten, verfolgte die Führung des ADGB einen defensiven Kurs und versuchte so zunächst, ihre Organisation zu erhalten. Zum 1. Mai rief der ADGB seine Mitglieder zur Teilnahme an den von der NSDAP inszenierten Veranstaltungen zum „Tag der nationalen Arbeit“ auf, um sich als werktätige Menschen „in die Gemeinschaft des Volkes einzuordnen“. Nach der Zerschlagung der Organisation mit dem Überfall auf die Gewerkschaftshäuser am 2. Mai und der Verhaftung und Ermordung vieler Funktionär:innen gab es bis 1945 zahlreiche Widerstandsgruppen aus den Reihen der Gewerkschaften.
Den Widerstand von Eisenbahngewerkschaftern schildert der Aufsatz von Eberhard Podzuweit. Sie organisierten Netzwerke mit Hunderten Personen über weite Teile des Deutschen Reiches, übten Sabotage aus und entwickelten Konzepte zum Wiederaufbau der Gewerkschaften nach 1945. Elisa Zenck schreibt über die Kommunistin Gertrud Rosenmeyer, die dem Deutschen Metallarbeiterverband angehörte. Ihr gelang es durch umsichtiges Vorgehen trotz mehrmaliger Verhaftungen, Widerstandszellen zu bilden sowie Verstecke für verfolgte Personen zu organisieren.
Obwohl die christlichen Gewerkschaften stets weniger kämpferisch auftraten als die des ADGB, gab es ebenfalls Widerstand aus ihren Reihen. Gemma Pörzgen beschreibt die Aktivitäten des christlichen Gewerkschafters Heinrich Körner, der nach 1933 als Handelsvertreter unauffällig durch das Land reiste und Kontakte zwischen Widerstandskämpfer:innen, darunter des Goerdeler Kreises, knüpfen konnte. Axel Ulrich zeigt auf, dass auch 80 Jahre danach die historische Forschung über Wilhelm Leuschner noch auf offene Fragen stößt und weitere Arbeiten sinnvoll seien. Günter Wehner beleuchtet die Rolle der vor 100 Jahren gegründeten Roten Hilfe, die bereits während der Weimarer Republik inhaftierte Genossen unterstützte und nach der Machtübertragung ihre Tätigkeit im Untergrund fortsetzte.
Lokalstudien zu Hessen
Dieter Wesp schildert die Ereignisse um das 1931 bezogene Frankfurter Gewerkschaftshaus: Dort „bereitete man sich auf die Verteidigung vor. Im Keller des Hauses war ein Elektroaggregat installiert worden, um unabhängig von der öffentlichen Stromversorgung zu sein, und die Kanalschächte wurden präpariert. Waffen und Munition, darunter auch Handgranaten waren dort seit Ende 1932 deponiert.“ Sie kamen nicht zum Einsatz, da die Gewerkschaftsführung ihre Mitglieder nicht zum Kampf aufrief. Schutz vor einem sinnlosen Blutvergießen oder eine falsche Einschätzung der Möglichkeit, sich zur Erhaltung der Organisation mit der NS-Herrschaft zu arrangieren, können gleichermaßen als Motive angeführt werden. Auch der Umgang mit dem Geldvermögen der Gewerkschaften zeuge von der Unsicherheit der Funktionäre des ADGB. Geld wurde zunächst bei ausländischen Banken in Sicherheit gebracht und dann nach Deutschland zurückgeholt, wo es schließlich von der NSDAP geraubt wurde. Thomas Hesse beschreibt am Beispiel der Stadt Offenbach die Ereignisse des 1. und 2. Mai 1933. Eine Karte zeigt die Schauplätze der „generalstabsmäßig durchorganisierte(n) NS-Aktionen“ an diesem Tag, mit denen diese Hochburg der organisierten Arbeiterschaft erobert werden sollte.
Leider ist die Erforschung von Anpassung und Widerstand der Gewerkschaften heute nicht allein von historischem Interesse. Möge es nie wieder notwendig sein, Widerstand im Untergrund zu organisieren, sondern rechtzeitig gelingen, die Demokratie zu verteidigen und zu verbessern.
informationen - Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, Nr. 99, Anpassung und Widerstand, Gewerkschaften im Nationalsozialismus, Juni 2024.