Wenn sich Arbeitgeberverbände zur Schulbildung äußern, dann dürfen die so genannten MINT-Fächer nicht fehlen: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften sowie Technik. Die Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände (VHU), von der man ansonsten wenig über Missstände im Bildungswesen hört, betonte diese beispielsweise in ihren „Erwartungen an die Politik“ im Vorfeld der Landtagswahl. Die Landesregierung müsse „die ökonomische Bildung, die MINT-Bildung, das Fach Informatik und den Gründergeist in Schulen“ aufwerten. Die in das Akronym bereits eingeschlossene Informatik schien der VHU so wichtig, dass sie diese nochmal gesondert benannte.
Hohe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt
Zweifelsohne sind MINT-Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Doch hier soll deren Relevanz nicht alleine aus dem Bedarf der Unternehmen an entsprechend qualifizierten Arbeitskräften hergeleitet werden. Wie Joachim Curtius in dem diesen HLZ-Schwerpunkt eröffnenden Editorial herausarbeitet, ist die naturwissenschaftliche Bildung ein elementarer Bestandteil der Allgemeinbildung. Entsprechende Kenntnisse sind erforderlich, um unsere Welt verstehen zu können. Auf dieser Basis ist eine aufgeklärte Partizipation am politischen Willensbildungsprozess zu vielen Fragen möglich.
Gute MINT-Bildung kann nur gelingen, wenn genügend Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Doch der Mangel betrifft gerade diese Fächer. Der Bildungsforscher Klaus Klemm veröffentlichte 2020 eine Studie im Auftrag der TelekomStiftung, die den Lehrkräftemangel im MINT-Bereich untersuchte. Am Beispiel des größten Bundeslandes, Nordrhein-Westfalen, zeigte er auf, dass es bis zum Schuljahr 2030/31 eine erhebliche Lücke geben wird. Insgesamt sei damit zu rechnen, dass nur ein Drittel der Stellen mit entsprechend ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden kann. Im Fach Informatik sei von einer „Bedarfsdeckungsquote“ von nicht mehr als 5,8 Prozent auszugehen. In den anderen Bundesländern sei eine ähnliche Situation zu vermuten. (1)
Auch das „MINT-Nachwuchsbarometer“ hat sich im Frühjahr 2023 mit dem Lehrkräftemangel beschäftigt. Mit Sorge wird ein deutlicher Rückgang der bundesweiten Neueinschreibungen von Lehramtsstudierenden in die entsprechenden Fächer festgestellt. Für Informatik wird mit einem Minus von 23 Prozent ein regelrechter Einbruch konstatiert. (2) Wie stellt sich die zukünftige Lehrkräfteversorgung in Hessen dar? Was sind Gründe für die bestehenden Probleme und welche Lösungsansätze könnte es geben?
Lehrkräftenachwuchs in Hessen gesucht
Im Folgenden werden die allgemeinbildenden Lehrämter der Sekundarstufe betrachtet, also das Lehramt an Haupt- und Realschulen sowie das Lehramt an Gymnasien. Eine Analyse für die Primarstufe und für die berufliche Bildung müsste gesondert erfolgen. Das Hessische Kultusministerium veröffentlicht seit einigen Jahren eine Übersicht über die Einstellungschancen in den Schuldienst. Bezüglich des Lehramts an Haupt- und Realschulen stellt es fest, dass sich die Chancen schon jetzt auf einem guten Niveau befinden. Sie werden in den nächsten Jahren in allen Fächern steigen: „Sehr gut sind sie in den Fächern Physik, Chemie, Kunst und Musik“. Für das Lehramt an Gymnasien entschieden sich hingegen zu viele Lehramtsstudierende. Zwischen den einzelnen Fächern bestünden allerdings beträchtliche Unterschiede: „Deutlich über dem Durchschnitt liegen die Einstellungschancen mit den Fächern Musik, Kunst, Physik und Informatik.“ Das Gesamtbild ist eindeutig: Ein besonders ausgeprägter Bedarf besteht in den musischen Fächern einerseits und in den MINT-Fächern andererseits. Ausdrücklich genannt werden Physik, Chemie und Informatik.
Ein Blick auf die Zahl der Absolventinnen und Absolventen der Lehramtsstudiengänge vermittelt einen guten Eindruck über das zukünftige Angebot an neu ausgebildeten Lehrkräften. Für die Bereitstellung der aktuellen Daten sei dem Hessischen Statistischen Landesamt gedankt. Die wesentlichen Ergebnisse sind in der nebenstehenden Tabelle dargestellt. Wichtig für die Interpretation ist, dass die Zahlen der Abschlussprüfungen in den jeweiligen Fächern dargestellt sind. Es kommt daher zu Mehrfachzählungen, die Zahl der Lehramtsstudierenden lässt sich nicht ableiten.
Zu den MINT-Fächern gezählt werden hier Mathematik, Informatik, Biologie, Chemie und Physik. Ein Unterrichtsfach Technik gibt es in Hessen in den allgemeinbildenden Lehrämtern nicht. Die Gesamtzahl der Abschlussprüfungen in den MINT-Fächern ist zunächst von 2012 bis 2017 in beiden Lehrämtern angestiegen. Im Jahr 2022 gab es jedoch einen deutlichen Rückgang, die Gesamtzahl lag sogar unter dem Niveau von 2012. Das Fach Mathematik ist in beiden Lehrämtern am stärksten belegt, gefolgt von Biologie. In Chemie und Physik sind die Zahlen deutlich kleiner. Die wenigsten Abschlussprüfungen wurden in Informatik abgelegt. Im Lehramt an Haupt- und Realschulen waren es im Jahr 2022 nicht mehr als drei.
Aufschlussreich ist die relative Entwicklung: Die Gesamtzahl der Abschlussprüfungen in den anderen Fächern ist gestiegen. Der Anteil der MINT-Fächer an allen Abschlussprüfungen in den Lehramtsstudiengängen ist somit rückläufig: Im Lehramt an Haupt- und Realschulen hat sich der Anteil von 26 auf 23 Prozent reduziert. Im Gymnasiallehramt ist er von 20 auf nur noch 18 Prozent gefallen. Auch wenn sich hieraus nicht unmittelbar auf die Zahl der neu ausgebildeten Lehrkräfte schließen lässt, wird deutlich, dass sich die ohnehin schon angespannte Situation in den MINT-Fächern weiter verschärfen dürfte.
Ursachen und Lösungsansätze
Eine Ursache für den Lehrkräftemangel im MINT-Bereich dürfte sein, dass relativ attraktive Beschäftigungsalternativen in anderen Arbeitsmarktsegmenten bestehen. Um dies zu illustrieren, werden in der Tabelle auf dieser Seite einige Daten aus dem Lohnspiegel zusammengetragen. Dieser Lohn- und Gehaltscheck wird vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) des DGB betrieben. Er gibt Einblicke in die durchschnittlichen Verdienste in über 500 Berufen.
Die durchschnittlichen Verdienste nach zehn Jahren Berufserfahrung in den Berufen, die man sinnvoll einem Lehramtsfach zuordnen kann, reichen von 5.220 Euro für eine Softwareingenieurin bis zu 6.030 Euro für einen Chemiker. Auf den ersten Blick liegt das nicht wesentlich oberhalb des Entgeltniveaus von Lehrkräften. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die im Lohnspiegel ausgewiesenen Verdienste auf Basis einer 38-Stundenwoche berechnet sind. Für Lehrkräfte in Hessen gilt im Beamtenbereich die 41-Stundenwoche, also ganze drei Stunden mehr. Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind im Lohnspiegel nicht berücksichtigt. Für hessische Beamtinnen und Beamte gibt es solche nicht mehr in der bekannten Form. Im Gegensatz dazu sieht beispielsweise der Tarifvertrag für die chemische Industrie ein 13. Monatsgehalt sowie Urlaubsgeld vor. Am größten dürften die Unterschiede beim Berufseinstieg ausfallen, denn die Anwärterbezüge im Vorbereitungsdienst sind in keiner Weise konkurrenzfähig.
Der zu erzielende Verdienst allein ist für die Berufswahl nicht entscheidend. Doch auch das Argument des sicheren Arbeitsplatzes im öffentlichen Dienst überzeugt auf einem vom Fachkräftemangel geprägten Teilarbeitsmarkt immer weniger. Die Arbeitsbedingungen im Schuldienst dürften im Vergleich zu vielen anderen Branchen ebenfalls nicht per se besser sein, oftmals eher schlechter. Einzig und allein mit der Sinnhaftigkeit der Arbeit kann der Lehrberuf punkten. Diese stellt dann auch für die wenigen, die sich für einen Quereinstieg entscheiden, einen wichtigen Beweggrund dar. Bessere Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte wären also gerade für die MINT-Bildung hilfreich. Dabei geht es nicht nur um die Bezahlung, sondern auch um ein attraktives Arbeitsumfeld. Das reicht von der Arbeitszeit bis hin zur zeitgemäßen Ausstattung der Fachräume.
Ein zweiter Problembereich kann hier nur angeschnitten werden: Der Studienerfolg ist in den MINT-Fächern tendenziell geringer als in anderen Fächern des Lehramts. Zu viele schließen ihr Studium nicht erfolgreich ab. Die Ursachen dafür sind nicht ohne weiteres zu bestimmen. Lehramtsstudiengänge im Sekundarschulbereich scheinen mitunter nur unzureichend auf die spezifischen Belange des Lehramts hin ausgerichtet zu sein. Die Betreuungsrelationen haben sich an den meisten Universitäten verschlechtert. Auch bei den Studienbedingungen wäre also anzusetzen, um mehr grundständig in den MINT-Fächern ausgebildete Lehrkräfte zu gewinnen.
Roman George
(1) Klaus Klemm (2020): Lehrkräftemangel in den MINT-Fächern: Kein Ende in Sicht. Zur Bedarfs- und Angebotsentwicklung in den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufen I und II am Beispiel Nordrhein-Westfalens, Essen.
(2) acatech und Joachim Herz Stiftung (Hg.) (2023): MINT Nachwuchsbarometer 2023.