Der Interessenverband hessischer Schulleitungen e. V. (IHS), die Landesschüler*innenvertretung und die GEW Hessen fordern Kultusminister Armin Schwarz auf, die angekündigte drastische Kürzung der sozialindizierten Stellenzuweisung zurückzunehmen. Die geplante Streichung von 300 Stellen wird nach Einschätzung beider Verbände genau die Schulen treffen, die vor den größten Herausforderungen stehen. Damit drohen an diesen Schulen schlechtere Schulleistungen einerseits und sich verschärfende Arbeitsbedingungen andererseits.
Andreas Leibold, Vorsitzender des IHS, erläutert: „Die nach dem Sozialindex bereitgestellte Personalressource wird gezielt den Schulen zur Verfügung gestellt, die von besonders vielen Schüler:innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien besucht werden. Hier ist zusätzliches Personal dringend erforderlich, um erfolgreiche Bildungsprozesse zu ermöglichen.“ Angesichts von hessenweit 650 Stellen, die bislang nach dem Sozialindex zugewiesen werden, drohe der Wegfall von fast jeder zweiten Stelle. Der IHS bewerte diese Kürzung daher als „Bildungspolitik mit der Abrissbirne“.
Daran knüpft Thilo Hartmann als Vorsitzender der GEW Hessen an. Die sozialindizierte Stellenzuweisung basiere auf dem richtigen Grundsatz, dass die Schulen, die unter den schwierigsten Rahmenbedingungen arbeiten, eine besonders gute Personalausstattung benötigen, um kompensatorische Bildungsarbeit leisten zu können. „Das zarte Pflänzchen für mehr Bildungsgerechtigkeit, das der vorherige Kultusminister und jetzige Finanzminister Alexander Lorz vor gut zehn Jahren gepflanzt hat, würde mit dieser Kürzung von seinem Nachfolger kaputtgemacht. Wir fordern Herrn Schwarz zum Umdenken auf.“
Laurenz Spies, Landesschulsprecher, weist auf die Folgen der Kürzungen hin: „Wenn Mittel aus dem Sozialindex gekürzt werden, betrifft das nicht irgendwelche abstrakten Haushaltszahlen, sondern ganz konkret Schülerinnen und Schüler. Wer hier spart, verschärft die Bildungsungleichheit, statt sie abzubauen. Als Landesschüler*innenvertretung fordern wir, dass gerade Schulen in herausfordernden Lagen gestärkt und nicht geschwächt werden – denn Bildungsgerechtigkeit darf nicht abhängig von der Kassenlage sein.“
Die sozioökonomischen Problemlagen, nach denen sich der Index bemisst, konzentrieren sich regional. Daher werden die angekündigten Einsparungen die hessischen Städte und Gemeinden unterschiedlich stark betreffen. Der IHS, die LSV und die GEW Hessen rechnen mit den meisten Verlusten in den Schulamtsbezirken Frankfurt (67 Stellen), Offenbach (46 Stellen), Wiesbaden (39 Stellen), Kassel (24 Stellen), Groß-Gerau und Main-Taunus Kreis (23 Stellen) sowie Darmstadt-Dieburg (15 Stellen). Falls es bei der angekündigten Streichung bleiben sollte, befürchten IHS und GEW Hessen in der Folge mehr Schulabbrüche und schlechtere Schulabschlüsse – insbesondere in diesen Regionen.
Hintergrund
Der Sozialindex wurde 2013 von der damaligen schwarz-grünen Landesregierung eingeführt. In den Indexwert fließen vier Kriterien ein: Der Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung, der SGB II-Bezug in der Wohnbevölkerung, der Anteil der Einfamilienhäuser bezogen auf die Gesamtzahl der Wohnungen und der Anteil zugewanderter Schüler:innen. Die ersten drei Werte werden auf Gemeindeebene ermittelt. Das landesweit zur Verfügung stehende Stellenkontingent wird entsprechend auf die Schulen verteilt. Die Indexwerte der einzelnen Schulen sind nicht öffentlich, um eine Stigmatisierung zu vermeiden.
Die folgende Tabelle enthält den Ist-Stand der sozialindizierten Stellenzuweisung im Schuljahr 2025/26 nach Schulamtsbezirken. Darauf aufbauend wurde kalkuliert, wie sich die angekündigte Kürzung um 300 Stellen regional verteilen wird. Als Vergleichsmaßstab wurde die aktuelle Wohnbevölkerung hinzugefügt.
Regionale Verteilung einer Kürzung der Stellenzuweisung für den Sozialindex um 300 Stellen
| Staatliches Schulamt für … | Zuweisung 2025/26 in Stellen | Anteil landesweite Zuweisung | Kürzung 2026/27 in Stellen | Bevölkerung der Städte und Kreise | Anteil hessische Bevölkerung |
| … den Landkreis Bergstraße und den Odenwaldkreis | 16,1 | 2,5 % | 7,4 | 367.800 | 6 % |
| … den Landkreis Darmstadt-Dieburg und die Stadt Darmstadt | 33,0 | 5,1 % | 15,2 | 467.700 | 7 % |
… die Stadt Frankfurt am Main
| 145,4 | 22,4 % | 67,1 | 776.000 | 12 % |
… den Landkreis Fulda
| 10,6 | 1,6 % | 4,9 | 223.000 | 4 % |
| … den Landkreis Groß-Gerau und den Main-Taunus-Kreis | 49,9 | 7,7 % | 23,0 | 515.064 | 8 % |
| … den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis | 29,5 | 4,5 % | 13,6 | 372.767 | 6 % |
| … den Landkreis Hersfeld-Rotenburg und den Werra-Meißner-Kreis | 7,5 | 1,2 % | 3,5 | 220.350 | 3 % |
| … den Hochtaunuskreis und den Wetteraukreis | 23,1 | 3,6 % | 10,7 | 547.634 | 9 % |
… den Landkreis und die Stadt Kassel
| 52,5 | 8,1 % | 24,2 | 434.230 | 7 % |
| … den Lahn-Dill-Kreis und den Landkreis Limburg-Weilburg | 31,0 | 4,8 % | 14,3 | 425.664 | 7 % |
… den Main-Kinzig-Kreis
| 41,8 | 6,4 % | 19,3 | 421.689 | 7 % |
… den Landkreis Marburg-Biedenkopf
| 10,7 | 1,6 % | 4,9 | 245.903 | 4 % |
| … den Landkreis Offenbach und die Stadt Offenbach am Main | 99,0 | 15,2 % | 45,7 | 489.242 | 8 % |
| … den Rheingau-Taunus Kreis und die Landeshauptstadt Wiesbaden | 84,4 | 13,0 % | 39,0 | 487.365 | 8 % |
| … den Schwalm-Eder Kreis und den Landkreis Waldeck Frankenberg | 15,3 | 2,4 % | 7,1 | 336.368 | 5 % |
Hessen insgesamt
| 650,0 | 100,0 % | 300,0 | 6.330.776 | 100 % |
Quelle: Zuweisungserlass für das Schuljahr 2025/26, Hessisches Statistisches Landesamt, eigene Berechnung