Demokratiewerkstätten (DW) sind ein Konzept der aufsuchenden politischen Bildung, das der Büdinger Kreis e. V., ein überparteilicher Verein zur politischen Bildung und Kommunikation, 1997 aus der Taufe gehoben hat. Ursprünglich für die Anwendung an Schulen ersonnen, war auch seinerzeit schon ihr Potenzial für andere Sozialräume wie Quartiere, Kommunen oder etwa die Bundeswehr mitgedacht worden. Bewährt hat es sich allerdings bis 2018 überwiegend in verschiedenen Schulformen: der gymnasialen Oberstufe, der Realschule und der Hauptschule.
Das bewusst einfach gehaltene Konzept war stets darauf ausgelegt, nicht nur von den Aktiven des (kleinen) Vereins direkt umgesetzt zu werden. Bereits 2003 erschien ein Leitfaden (Rudolf/Wicker), ursprünglich angereichert mit dem damals noch aktuellen Medium CD-ROM, der bei der Gründung und Unterhaltung von Demokratiewerkstätten grundlegende Hilfestellung geben sollte. Bei knapp 10.000 im Umlauf befindlichen Exemplaren ist es nicht verwunderlich, wenn heutzutage der Begriff und Teile des Konzepts auch an anderer Stelle kursieren (vgl. z. B. österreichisches und schwedisches Parlament oder Landeszentrale für politische Bildung NRW). Das originale Konzept des Büdinger Kreis e. V. kann nach wie vor unkompliziert und voraussetzungsarm eingesetzt werden. Im Rahmen der Umsetzung in der Erwachsenenpädagogik wird es jedoch mittlerweile zur Qualitätssicherung im Rahmen einer Fortbildung vermittelt, anhand derer pädagogisch erfahrene Personen Demokratiewerkstattleitungen (DWL) werden können.
Was sind Demokratiewerkstätten?
DW sind Arbeitsgemeinschaften, in denen sich Menschen mit selbstgewählten gesellschaftspolitischen Themen beschäftigen und dann in einem zweiten Schritt selbst zu Akteur:innen politischer Bildung für ihren Sozialraum werden. DW sind partizipativ angelegt und werden professionell (durch die eigens qualifizierten DWL) begleitet. In DW wird kontrovers diskutiert, immer jedoch mit dem Ziel, das gewählte Thema besser zu verstehen und zu durchdringen. In den DW besteht die Möglichkeit, in einem geschützten Raum den respektvollen Diskurs zu üben, ohne z. B. ein Beschämen eigener Unkenntnis befürchten zu müssen.
Für DW gelten sieben Grundprinzipien. Auf den ersten Blick scheint eine Verregelung des offenen Ansatzes kontraintuitiv. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass diese Grundprinzipien einer niedrigschwelligen Bildungsarbeit nicht zuwiderlaufen, sondern sie eher befördern – letztlich ihren pädagogischen Erfolg sicherstellen. Die beiden wichtigsten sind:
Selbstorganisation und Selbstbestimmung: Alles ist auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden abgestimmt. Auch inhaltlich gibt es außer deren Interessen keine Vorgaben, sofern jene sich auf den Feldern Politik, Wirtschaft oder Geschichte bewegen. Gegebenenfalls wird der politische Gehalt eines Themas auch erst im Laufe des Austausches deutlich. Das Handeln der DWL ist auf Selbstbestimmtheit der Gruppe als entscheidendes Erfolgskriterium orientiert (vgl. Rudolf/Wicker 2003: 84).
Keine Interessenvertretung, sondern ein Bildungsarrangement: Es kann in der DW über alles diskutiert werden – im Ergebnis wird sie sich aber als Gremium nicht politisch positionieren. Hier muss eine scharfe Grenze gezogen werden, da gerade im kommunalpolitischen Raum schnell Etiketten verteilt werden. Ist eine DW erst einmal etwa als schwarzes, grünes oder rotes Projekt gelabelt, verliert sie ihre konstitutive Offenheit für alle. DW ermöglichen eine offene, ehrliche, aber diskriminierungs- und gewaltfreie Diskussion.
Demokratiewerkstätten und politische Bildung
Angebote politischer Bildung erreichen in ihrer bisherigen Form nach wie vor nur wenige Adressat:innenkreise (vgl. z. B. Wöss/Wallentin 2021: 4). Um Exklusion und Benachteiligung nicht zu reproduzieren, müssen auch an anderen Orten andere Formate angeboten werden als bisher. Diese müssen ein breiteres Verständnis davon aufweisen, was überhaupt als politisches Wissen und politische Kompetenzen verstanden wird. Ferner müssen sie habituelle und kulturelle Distanz zu politischer Bildung verringern (vgl. ebd.). Denn auch Einrichtungen und Programme politischer Bildung haben Distanz zu den Lebenswirklichkeiten der Adressat:innen. Es sollen Bildungserfahrungen ermöglicht werden, die persönliche Ansprache und den Aufbau pädagogischer Beziehungen beinhalten (vgl. Wagner/Bremer/Kleemann-Göhring 2015: 25).
Genau auf diese Analyse reagieren Ansätze mit aufsuchendem Charakter (vgl. u. a. Wöss/Wallentin 2021: 4; Bremer 2020: 10), die die Menschen in ihrem vertrauten Sozialraum erreichen. Demokratiewerkstätten nehmen das lebensweltliche Wissen der Teilnehmenden ernst und ermöglichen alternative Bildungszugänge. So wird politische Bildung als auf Wissens- und Kompetenzerwerb gerichteter, selbstorganisierter Prozess der Beschäftigung mit politischen Themen verstanden. Im Sinne der Demokratiewerkstätten muss sie also (1) prozesshaft begriffen und interdisziplinär bearbeitbar sein, (2) an den Lebenswelten und Interessen der Teilnehmenden ansetzen, (3) offen zugänglich sein, (4) Ambiguitäten zulassen, (5) dazu befähigen, die eigene Position und die anderer in der Gesellschaft kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls solidarisch zu verändern sowie (6) auf gesellschaftliche Teilhabe hinwirken (adaptiert von Wicker 2021: 82).
Erfahrungen und kritische Einschätzung
Im Rahmen eines vom Land Hessen geförderten Projekts sind unter Federführung der jeweiligen Volkshochschulen im Main-Kinzig-Kreis neun DW entstanden, drei in Hanau, eine in Maintal, vier weitere in kleineren Kommunen sowie eine inklusive DW bei einem Sozialunternehmen. Fünf weitere werden in Frankfurt unterhalten. Es zeigt sich, dass die Teilnehmenden zum einen aus der „Bildungs- und Engagementelite“ bestehen, denjenigen also, die ohnehin „überall dabei“ und gut bis sehr gut gebildet sind. Zum anderen nehmen aber gerade solche Personen teil, die eine neue Form des Engagements suchen, weil sie sich im sonstigen Angebot nicht wiederfanden. Es sind überwiegend ältere Personen ab 50, je nach sozialräumlicher Anbindung aber auch jüngere, aus vielfältigen Milieus, auch – allerdings gemessen an deren Anteil an der Bevölkerung zu wenige – Migrant:innen.
Weltanschaulich nehmen überwiegend Menschen teil, deren Äußerungen als wertkonservativ, sozial- und wirtschaftsliberal bis progressiv einzuordnen sind. Immer wieder finden sich auch Personen mit verschwörungsgläubigen und/oder rechtsextremistischen Positionen in den DW ein. Für diese stehen DW offen, solange der Austausch sich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt. So ermöglichen DW dringend benötigten Diskursraum in einer polarisierten Gesellschaft, an dem auch tatsächlich deren Widerparte teilnehmen.
Regelmäßig kommen zwischen acht und 35 Personen zu den in der Regel monatlichen Treffen. Über den Ansatz, bedarfsorientiert mindestens einmal im Jahr eine Veranstaltung der politischen Bildung für den gesamten betreffenden Sozialraum zu veranstalten, werden erheblich mehr Menschen erreicht – auch wenn die Teilnehmendenzahlen immer auch noch höher sein könnten. Das Interesse für diese Veranstaltungen wird darüber gesichert, dass auch hier die Teilnehmenden – und nicht die betreuenden Volkshochschulen – über Thema und Format bestimmen. Darüber werden so auch immer wieder neue Interessierte für die DW gewonnen.
Als mögliches Hindernis für die Teilnahme kann sich das Prinzip der Nähe herausstellen, denn es ist subjektiv. Was für die einen nah ist, ist es noch lange nicht für andere. Die Einhaltung der Grundprinzipien muss deshalb ständig überprüft werden. Auch die Konzentration auf den Bildungsaspekt hat mitunter zu Kritik geführt. Manche Menschen wollen „etwas tun“ und fühlen sich in den DW in diesem Impuls gehemmt. Insgesamt sind die Erfahrungen mit den DW in der Erwachsenenbildung sowohl aus der Perspektive der politischen Bildung als auch der des gesellschaftlichen Zusammenhalts als positiv zu bewerten. Ein weiteres Ausrollen wäre wünschenswert, wird aber durch die projektorientierte Förderung erschwert bis verunmöglicht.
Alexander Wicker ist stellvertretender Geschäftsführer und stellvertretender Leiter der Volkshochschule sowie Leiter der Fachbereiche Gesellschaft und Kultur bei Bildungspartner Main-Kinzig GmbH.
Literatur
Rudolf, Karsten/Wicker, Alexander (2003): Demokratiewerkstätten – Keimzellen der Jungen Bürgergesellschaft. Neue Orte und Formen politischer Bildung: Leitfaden zum Konzept inkl. Methoden- und Themenkiste. Büdingen/Hessen.
Wagner, Farina/Bremer, Helmut/Kleemann-Göhring, Mark (2015): Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für Bildungsferne. Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisprojekten in NRW, Bielefeld: wbv.
Wicker, Alexander (2021): Digitale Medienwelt, Data Literacy und die Rolle der politischen Bildung, in: Hessische Blätter für Volksbildung, Nr. 2021 (3), S. 76-84.
Wöss, Sebastian/Wallentin, Annette (2021): Aufsuchende politische Bildung. Eine Bestandserhebung 2021, www.miteinander-im-quartier.de/fileadmin/Bilder_MIQ/Pdfs/Bestandserhebung_Aufsuchende_pB.pdf