Unter Beschuss von rechts

Angriffe auf die Geschlechterforschung zielen auf die Demokratie | HLZ 3-4 2025

Der Wissenschaftsrat – ein Gremium, das die Bundes- und Landesregierungen zur Entwicklung von Wissenschaft berät – hat 2023 in seiner Evaluation der deutschen Geschlechterforschung betont, dass „Forschung, die sich mit gesellschaftlichen Phänomenen, Menschen und ihren Artefakten befasst“, nur dann qualitativ hochwertig sein könne, „wenn sie Gesellschaft nicht als einen geschlechtsfreien Raum und Menschen nicht als geschlechtslose Wesen betrachtet“ (Wissenschaftsrat 2023). Fragen, die dieses Verhältnis zwischen Geschlecht, Gesellschaft und Individuum betreffen und die die Geschlechterforschung untersucht, sind beispielsweise: Wie wird Geschlecht in bestimmten Epochen und Gesellschaften verstanden und ausgestaltet? Welche Relevanz hat die Identifikation mit einem bestimmten Geschlecht für den Einzelnen und die Gesellschaft? Welche Rolle spielt Geschlecht bei der Diagnose und der Behandlung von Krankheiten, in Bildungsprozessen oder auf dem Arbeitsmarkt?
 

Die Relevanz solcher Forschungsfragen scheint klar. Und doch: Aussagen wie die von Alice Weidel auf dem AfD-Parteitag in Riesa im Januar 2025, dass Gender Studies „geschlossen“ und alle Professor:innen „rausgeschmissen“ werden sollten, sind Teil einer langen Reihe von Diffamierungen, Diskreditierungen und Drohungen gegen Geschlechterforschung und Geschlechterforscher:innen.
 

Der inhaltliche Kern der Angriffe

Rechte Akteur:innen reiben sich deswegen so stark an der Geschlechterforschung, weil die Erkenntnisse und Interventionen von Geschlechterforscher:innen rechten Weltsichten und Gesellschaftsentwürfen die Grundlage entziehen. Der rechten Annahme einer unumstößlichen Natürlichkeit (und oft auch Gottgegebenheit) einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung setzt die Geschlechterforschung die Historizität und Wandelbarkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen entgegen. Sie fragt dabei nicht nur nach der Gestalt- und Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse, sondern auch danach, welche anderen Geschlechterverhältnisse wünschenswert wären.
 

Die rechte Geschlechterordnung erfordert jedoch die Setzung von zwei Geschlechtern, Mann und Frau, die jeweils bestimmte Rollen und Aufgaben sowohl in der heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie als auch in der als Abstammungsgemeinschaft gedachten Nation übernehmen. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse (etwa eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit oder eine Pluralisierung weiblicher Lebensweisen jenseits der Mutterschaft) bringt also – aus der Perspektive rechter Akteur:innen – nicht nur die gesellschaftliche Ordnung in Gefahr, sondern das Bestehen dieser Gesellschaft selbst. Die Angriffe gegen die Geschlechterforschung sind damit ein Vehikel im rechten Kampf für eine gesellschaftliche Ordnung, in der die heterosexuelle Beziehung zwischen (einem) Mann und (einer) Frau die einzig anerkennbare Form von Sexualität ist.
 

Die Art der Angriffe

Dissens darüber, wie Gesellschaft organisiert ist und sein sollte, ist Teil einer lebendigen demokratischen Kultur und Wissenschaft. In den Angriffen auf Geschlechterforschung und -forscher:innen werden Grundprinzipien des demokratischen Dissenses wie Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht respektiert: Bösartige persönliche Angriffe und Diffamierungen, pauschale Urteile, das bewusste Streuen von Falschinformationen und das Schüren von Angst sind verbreitete Strategien. Dies geschieht in einem Kontext, in dem Angriffe auf queere, trans* und als feministisch beziehungsweise mit Gleichstellung und Geschlechterforschung identifizierte Personen und Institutionen immer weiter zunehmen. Die Meldestelle Antifeminismus hat 2023 (Stand Januar 2024) 814 verifizierte Meldungen von Angriffen erhalten. Gemeldet wurden sexistische Beleidigungen, Androhungen sexualisierter Gewalt, die Veröffentlichung privater Informationen im Internet und Sachbeschädigungen.


Im Folgenden einige Beispiele:

Auf dem Campus: Es gibt immer wieder Vorfälle bei Lehr- oder öffentlichen Veranstaltungen, aber auch in der alltäglichen Interaktion auf dem Campus. Teils beruhen diese auf organisierten Kampagnen: Administrative Verfahren, die zur Meldung von Diskriminierung eingerichtet wurden, werden genutzt, um Lehrpersonen und Seminare aus den Gender Studies zu diffamieren. Es gibt Sachbeschädigungen, beispielsweise im Zuge der Einrichtung von All-Gender-Toiletten. Die digitale Infrastruktur von Geschlechterforschungszentren wird angegriffen. Öffentliche Veranstaltungen zu Themen wie geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, aber auch sexualisierter Gewalt finden kaum mehr ohne Sicherheitskonzepte statt.
 

In den Medien: Wenn Geschlechterforscher:innen mit ihrer Forschung in die Öffentlichkeit gehen, sind die dem Auftritt folgenden Bedrohungen und Beleidigungen bei vielen mittlerweile Teil der Abwägung, ob Anfragen angenommen werden. Die Kommentarspalten von Artikeln zu geschlechterrelevanten Themen geben einen Eindruck davon, was die E-Mail-Fächer und Social-Media-Profile von Forscher:innen flutet, sobald sie mit ihrer Forschung in die Öffentlichkeit treten. Insbesondere Forscher:innen, die zu Sexualpädagogik, geschlechtlicher und sexueller Vielfalt bei Kindern und Jugendlichen oder zu anderen Themen forschen, die das Familien- oder Geschlechterbild der Rechten in Frage stellen, erfahren immer wieder gewaltvolle Hetze bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Einige Forscher:innen mussten zeitweise mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen bis hin zu Polizeischutz leben. Hochschulen sind häufig schlecht vorbereitet auf die Vehemenz und die Aggression dieser Angriffe.
 

In den Parlamenten: Kleine und Große Anfragen sind ein Mittel der parlamentarischen Demokratie sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Die AfD nutzt parlamentarische Anfragen zur Geschlechterforschung an Hochschulen strategisch, um durch die Anforderung teils absurder Quantifizierungen und Auflistungen nicht nur einen hohen Aufwand in der Ministerialbürokratie und den Hochschulen zu erzeugen, sondern auch die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Die AfD hat von dieser Strategie mittlerweile in allen Landesparlamenten Gebrauch gemacht. Erste wissenschaftliche Untersuchungen dieser Anfragen zeigen, dass Wortwahl und Formulierung der Anfragentexte die Erkenntnisse der Geschlechterforschung sprachlich abwerten, geschlechtliche Vielfalt herabwürdigen und den Landesregierungen politische Einflussnahme auf Universitäten unterstellen. Dies führt auch dazu, dass Begrifflichkeiten wie „Gender-Ideologie“ zur Beschreibung der Geschlechterforschung im politischen Diskurs normalisiert werden.
 

Verbote geschlechtergerechter Sprache: In Hessen hat die Landesregierung vor knapp einem Jahr die Nutzung geschlechtergerechter Sprache in der öffentlichen Verwaltung und an Schulen verboten. In populistischer Manier werden dabei Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zur geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt beispielsweise an Schulen und zu den Effekten (nicht) geschlechtergerechter Sprache übergangen. Unerheblich scheint auch die aktuelle Rechtslage, die den Schutz vor Diskriminierung auch all jenen Personen zugesteht, die sich „dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen“, wie das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2017 festgestellt hat.
Stattdessen verkündete die CDU Hessen am 26. März 2024 auf Social Media: „Als erster CDU-Ministerpräsident beendet unser Landesvorsitzender Boris Rhein den Irrsinn von Genderstern, Binnen-I, Gender-Unterstrich und Gender-Doppelpunkt.“ – und wusste sich darin durch den sozialdemokratischen Koalitionspartner unterstützt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes macht demgegenüber in einer rechtlichen Einschätzung deutlich: „Geschlechtliche Vielfalt abzubilden und Selbstbezeichnungen der Schüler*innen zu respektieren, sind zudem wichtige Bestandteile von Demokratie- und Menschenrechtsbildung an Schulen“ (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2024, S. 7). Vielleicht ein Grund, warum bisher nur Dienstanweisungen erlassen und keine rechtlichen Verbote ausgesprochen wurden. Die Effekte in den Schulen sind dennoch verheerend.


Angriffe auf die Demokratie

Angriffe auf Geschlechterforschung sind nicht nur Ausdruck wissenschaftsfeindlicher Positionen oder der Abwertung von bestimmten geschlechtlichen Identitäten und Lebensentwürfen, sondern sie sind Angriffe auf die Demokratie. Denn sie zeigen, dass rechte Akteur:innen nur die Rechte und Lebensweisen einer bestimmten, völkisch definierten und männlich-heterosexuell konnotierten Gruppe als schützenswert erachten. Misogynie, Trans*- und Homofeindlichkeit – sowie Rassismus, Antisemitismus und Ableismus, auf die wir hier nicht eingehen konnten – sind zentrale Eckpfeiler dieser Weltsicht, die deutlich in den Angriffen gegen Geschlechterforschung zutage tritt.
 

Niemand muss mit Sonderzeichen gendern können beziehungsweise wollen noch Geschlechterforschung als wichtig erachten, um den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt und die Würde jedes Menschen als zentrale Werte eines demokratischen Miteinanders zu achten und die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen. Entsprechend schreibt der AStA der Universität zu Köln in einer Pressemitteilung vom 14. Januar 2025, bezugnehmend auf Alice Weidels Aussagen: „Wenn ganze Wissenschaften daran gemessen werden, ob wissenschaftliche Ergebnisse zu Parteipositionen passen, ist nicht weniger als das Fundament unserer Demokratie in Gefahr. Fakten und Wissen müssen die Grundlage jeder demokratischen Debatte bleiben.“
 

Dr. Johanna Leinius ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Cornelia Goethe Centrums für Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Dr. Marie Reusch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Justus-Liebig-Universität Gießen.


Literatur

Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2024: Rechtliche Einschätzung staatlicher „Genderverbote”, www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Standpunkte/05_genderverbot.html

Wissenschaftsrat 2023: Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland, www.wissenschaftsrat.de/download/2023/1385-23