Neben den strukturellen Problemen, die die anderen Kolleg:innen in dieser Ausgabe seziert haben, steht auch folgende Frage im Raum: Warum verändert sich an den bestehenden Strukturen nichts? Nach acht Jahren an der Universität Kassel, davon sechs als wissenschaftlicher Mitarbeiter, möchte ich eine „interne“ Antwort anbieten.
Die Diskussionen in der Selbstverwaltung meines Fachbereiches waren kürzlich von der nur noch kleinen Zahl jüngst abgeschlossener Promotionen dominiert. Die dünne Bewerber:innnenlage bei Stellenausschreibungen waberte ebenfalls im Hintergrund. Es wurde also über Gründe und mögliche Lösungen gesprochen. Die Statusgruppen hatten hier unterschiedliche Positionen. Der Mittelbau deutete auf die prekären Beschäftigungsbedingungen sowie auf die mangelnde Zeit für die Promotion trotz grassierender Überstunden. Die Professor:innen hingegen schlussfolgerten, dass Promovierende sich nur besser vernetzen müssten, dass es mehr Synergien zwischen den Promotionen und Forschungsprojekten bedürfe, dass der moderne Zeitgeist ausreichender Selbstdisziplin im Wege stünde.
Eine Reform oder wenigstens kritische Reflexion der Arbeits- und Promotionsbedingungen? Nein. Der Status quo sei ausreichend, solange man ihn nur effizient ausnutze. Mit anderen Worten: Karrieren und Promotionen vom Fließband. Masse statt Klasse. Während meines Engagements in Selbstverwaltung und Hochschulpolitik habe ich während solcher Diskussionen eine zentrale Beobachtung gemacht: Es lässt sich zwar über viel diskutieren, aber für die meisten Professor:innen besteht die rote Linie aus Systemkritik.
Der marxistische Philosoph und Politiker Antonio Gramsci würde hier von kultureller Hegemonie sprechen. Einfacher gesagt, handelt es sich bei Professor:innen um eine „Klasse“, die den Selbsterhalt priorisiert und das aktuelle System als erhaltenswert, ja gar erstrebenswert schützt, denn es hat sie ja in ihre Position gebracht. Das beste Beispiel hierfür bleibt aus meiner Sicht der Umgang mit dem Statement, das der Mittelbau meines Fachbereiches zu Beginn der Coronapandemie an das Präsidium übergab. Eine Sammlung von damaligen Problemen und Lösungsvorschlägen, sogar von manchen Professor:innen solidarisch mitunterzeichnet. Eine Reaktion gab es nie, aber informell wurde mir von Unverständnis und Ärger berichtet, die das Statement ausgelöst habe.
Letztlich wurde dann allen Kolleg:innen auf Landesstellen eine maximal einjährige „Corona-Verlängerung“ ermöglicht. Eine nur vermeintlich großzügige Geste, da die Universität Kassel diese Arbeitsverträge grundsätzlich auf fünf der eigentlich sechs möglichen Jahre befristet, wenn sie eine Promotion vorsehen. Weiterreichende Forderungen wurden als unsolidarisch gegenüber zukünftigen Kolleg:innen abgetan, denen man so die Chance auf eine Stelle nähme. Ein Argument, dessen sich auch bei der Diskussion um mehr unbefristete Stellen bedient wird. Gramsci wäre von diesem Versuch der Spaltung wohl wenig überrascht.
Natürlich gibt es, wie in jeder Klasse, Abweichler. Professor:innen, die für Veränderungen kämpfen und dafür regelmäßiges Scheitern und regelmäßige Konfrontationen mit ihren Kolleg:innen in Kauf nehmen. Und natürlich folgt irgendwann die nachvollziehbare Abkehr von diesem kräftezehrenden Kampf hin zu anderen, wohltuenderen Aufgaben. Diesen Verbündeten war und bin ich dankbar, so zum Beispiel dem „nur“ außerplanmäßigen Professor, der sich stets dem Mittelbau anschloss; dem langjährigen Dekan oder der langjährigen Vorsitzenden des Prüfungsausschusses, die beide den gerade beschriebenen Weg von Anfang bis Ende gingen. Worin liegt also der Ausweg aus diesem systemischen Stillstand? Das angelsächsische Hochschulsystem ist in Gänze definitiv nicht die Lösung, aber es bietet zumindest eine kleine Inspiration an: Institutionen statt Personen. Eine weniger hierarchische Selbstverwaltung, die soweit einen Abstand zwischen Einzelinteressen und Autoritätspositionen schafft, dass es keine dominierende Statusgruppe mehr geben kann. Und selbst wenn nur wenige, kleine Siege errungen werden, so lohnt es sich, für tiefgreifende Veränderungen zu kämpfen – als Statusgruppe, als Gewerkschaft. Denn Stillstand ist endlich.