Eine Wissenschaftlerin wird wegen ihrer Expertise in der Pandemieforschung in den sozialen Medien anonym bedroht. In Chatgruppen Studierender kursieren rassistische Memes. Korporierte Studierende äußern sich im Seminar wiederholt abfällig und frauenfeindlich gegenüber der Dozentin. Eine Professorin spricht in ihrer Lehre herablassend über transsexuelle Menschen … Die Anlässe sind vielfältig, wegen derer das „Beratungsnetzwerk Hessen – gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ von Hochschulen angefragt wurde. Im Vordergrund stehen rassistische, teils rechtsextreme, antimuslimische, transfeindliche und seit dem 7. Oktober 2023 massiv zunehmend antisemitische Vorfälle. Auch Angriffe von rechtsextremen Akteuren insbesondere auf Wissenschaftler:innen der Gender Studies, Klimaforschung oder Virologie haben zugenommen. Sie reichen von öffentlicher Hetze im Netz bis hin zum Versuch der Delegitimierung der wissenschaftlichen Forschung, etwa in sogenannten „alternativen Medien“.
Seit 2007 bietet das Netzwerk koordiniert durch das Demokratiezentrum Hessen Beratung im Kontext von Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit an. Ziel ist es, Menschen oder auch Organisationen langfristig in der Auseinandersetzung und Bewältigung von Rechtsextremismus und dessen Ideologiefragmenten zu unterstützen, Betroffenen zu helfen und eine demokratische Kultur zu stärken. Die Beratungsteams informieren und begleiten vor Ort, sie beraten individuell und entsprechend der jeweiligen Ausgangslage, um eine tragfähige und nachhaltige Lösung zu finden. Es geht darum, Wissen zu vermitteln, Kompetenzen zu erweitern und somit die Handlungsfähigkeit der einzelnen Akteure oder Institutionen zu stärken. Die Beratung ist professionell, individuell, vertraulich und kostenlos. Die Teams beraten hessenweit sowohl Einzelpersonen als auch Schulen, Eltern, Kommunen, Vereine oder Unternehmen. Seit einigen Jahren wenden sich auch hessische Hochschulen an das Demokratiezentrum – mit steigender Tendenz, zuletzt 39 Anfragen im Jahr 2024 (sieben Prozent aller Anfragen). Das ist wenig überraschend, denn auch Hochschulen sind nicht frei von gesellschaftlichen Diskriminierungspraxen.
Insbesondere in gesellschaftlichen Umbruchs- und Krisenzeiten sind Hochschulen häufig Schauplatz von teils konflikthaften Aushandlungsprozessen.* Das spiegelt sich auch in den Themen, die Anlass der Anfragen sind. So sind die häufigsten Anliegen im vergangenen Jahr Meldungen von Menschen, die von Rechtsextremismus, Rassismus, Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus betroffen waren. Etwas seltener haben sich Menschen gemeldet, die von Homo- und Transfeindlichkeit oder Antiziganismus berichten. Beraten wurden sowohl Studierende als auch Lehrpersonen. Unter den Ratsuchenden waren aber auch Hochschulleitungen, Fachschaften und Hochschulgremien.
Zum Beratungsnetzwerk gehören spezifische Opferberatungsstellen, wie etwa response für Betroffene von Rechtsextremismus und Rassismus oder ofek für Antisemitismus. Die Hochschulen haben über die letzten Jahre eigene Anlauf- und Beratungsstellen mit teils guter Sichtbarkeit und Akzeptanz aufgebaut, die erste Ansprechpartner sind. Dennoch kann es für Betroffene gute Gründe geben, die psychosoziale Beratung externer, auf die Phänomene spezialisierter Beratungsstellen als Alternative zu den inneruniversitären Stellen zu adressieren. Idealerweise ergänzen sich die Angebote. So nutzen Antidiskriminierungsstellen die spezifische Expertise des Beratungsnetzwerks, etwa in Form von Weiterbildungen zu speziellen Themen. Gerade diese ausgeprägte Fachkompetenz und die teilweise regionale Expertise finden bei den Hochschulen großen Anklang. Dies könnte erklären, warum im vergangenen Jahr Hochschulen vermehrt Bildungsangebote anstelle von Beratungen angefragt haben. Zusammenfassend ist zu sagen, dass hessische Hochschulen erstens die hohe Fachexpertise zu spezifischen Phänomenen nutzen, dass aber auch zweitens Betroffene die externe Beratung in Anspruch nehmen und drittens auf Leitungsebene die Beratung auf strukturelle oder organisationsbezogene Prozesse ausgerichtet ist.
Tina Dürr ist stellvertretende Leiterin des Demokratiezentrums Hessen, das an der Philipps-Universität Marburg angesiedelt ist. Das Beratungsnetzwerk Hessen – für Demokratie und gegen Rechtsextremismus wird durch das Demokratiezentrum Hessen koordiniert. Gefördert wird das Beratungsnetzwerk durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ (beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) sowie durch das Landesprogramm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ (beim Hessischen Ministerium des Innern und für Sport). Im Web ist es zu finden unter: https://beratungsnetzwerk-hessen.de
* Damat, Gamze (2023): Beratung und Prävention bei demokratiefeindlichen Vorfällen an Hochschulen. In: Becker et al.: Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit. Ausgabe 1/2023. Frankfurt/Main.