„Investition in die Zukunft“

Ein Gespräch über Nebenjobs, Mensapreise und Interessenvertretung | HLZ 3-4 2025

Die Lebensbedingungen sind für viele Studierende prekär. Der sozialen Infrastruktur an den Hochschulen kommt daher eine zentrale Bedeutung zu. Über diese Themen sprach Sascha Wellmann (Referat Hochschule und Forschung) für die HLZ mit Michael Dreps (Verwaltungsrat des Studierendenwerks Kassel), Roxana Sierocki (Landes-Asten-Konferenz, Asta Kassel) und Sebastian Ehlers (Landes-Asten-Konferenz, Senat und Studierendenparlament der Universität Kassel).

Sascha Wellmann: Wie bewertet ihr die gegenwärtige Preisentwicklung an den hessischen Hochschulstandorten und bei den Studierendenwerken?

Michael Dreps: Die Preissteigerungen haben zur Folge, dass das Studium erschwert und zunehmend zur Nebensache wird, weil Themen wie Miete und nebenbei arbeiten immer wichtiger werden. Es gab jetzt zum Beispiel wieder mal eine Erhöhung der Versicherungsbeiträge für die Krankenkasse – so schnell kann man seine Arbeitszeiten überhaupt nicht anpassen, um das auszugleichen. Und das ist für viele einfach zermürbend, dass dann durch die Steigerungen wirklich nicht mehr viel übrigbleibt.

Sebastian Ehlers: Ich kann nachvollziehen, dass die Studierendenwerke gezwungen sind, auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zu reagieren. Allerdings kann ich nicht nachvollziehen, dass unsere Landesregierung die ursprünglich angedachten Nothilfen und die Ausfinanzierung der Studierendenwerke streicht – hier ist die staatliche, also die ordnungspolitische Komponente vollkommen ausgefallen. Dabei ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden im Studierendenwerk eine angemessene und vor allem auch eine entfristete Beschäftigung haben, damit der Service, der für Studierende angeboten wird, langfristig erhalten bleibt.

Sascha Wellmann: Welche Folgen haben die Preissteigerungen insbesondere für zukünftige und finanziell nicht so stark aufgestellte Studierende?

Roxana Sierocki: Weil das Studium immer teurer wird und diese Preissteigerungen auch bei weitem nicht durch Erhöhungen des BAföG abgefangen werden, müssen immer mehr Leute abwägen, ob sie sich das überhaupt leisten können. Ein Studium ist oft mit einem Wohnortwechsel verbunden. Als ich 2020 nach Kassel gekommen bin, war es noch leichter, etwas zu finden. Jetzt ist die Wohnungsnot deutlich schlimmer und Studierende sind aufgrund der knappen Kapazitäten an Wohnheimen auf den freien Markt angewiesen. Verbunden mit Preissteigerungen bei Lebensmitteln sehe ich da als Folge, dass mehr Studierende über den Abbruch eines Studiums nachdenken oder ein Studium im Vorhinein ausschließen, insbesondere Arbeiter:innenkinder.

Sebastian Ehlers: Salopp gesagt ist das Studium eine gesellschaftliche Investition in die Zukunft, bei der es auch um Teilhabe geht. Wenn wir ins Arbeitsleben kommen, werden wir einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Ich meine jetzt nicht nur Lohnarbeit damit, sondern zivilgesellschaftliches Engagement. Dann geben wir der Gesellschaft auch was zurück. Dass das vollkommen verkannt wird, ist für mich ein sehr großer Fehler.

Sascha Wellmann: Wo werden Studierende in die Entscheidungen der Studierendenwerke einbezogen und müsste sich daran etwas verändern?

Michael Dreps: Der Einfluss der Studierenden ist nicht besonders groß. Als Vertreter kann ich natürlich die Stimmen und Meinungen, Gedanken und Ängste der Studierendenschaft mitteilen, aber am Ende ist es ein gefühlt autonom agierendes Wirtschaftsunternehmen, auch wenn es ein öffentlicher Träger ist. Wir sind so aufgestellt, dass wir drei Mal im Jahr tagen, und das Tagesgeschäft des Studierendenwerks ist für mich dementsprechend sehr weit weg. Man bekommt dann die großen Entscheidungen mit, aber letztlich bin ich das letzte Glied in dieser Kette. Die Menschen im Verwaltungsrat wissen oft gar nicht, wie die Studierenden so leben und dass wir es uns zum Beispiel nicht leisten können, regelmäßig für 15 Euro auswärts zu essen.

Roxana Sierocki: Es fehlt den Studierenden, zum Beispiel im Studierendenparlament, ein bisschen an Initiative, sich vielleicht auch nochmal innerhalb der Liste zu überlegen, was der Standpunkt ist, und sich mit dem Mitglied im Verwaltungsrat auseinanderzusetzen, um mehr studentische Themen dort einzubringen.

Sebastian Ehlers: Das andere ist, ja wirklich ganz klassisch: die Machtarithmetik. Zwar kann man durchaus kleine Verbesserungen erreichen, wenn aber da die größten Erfolge sind, dass die Pommesportionen an allen Standorten gleich sind, dann ist das vielleicht vergleichsweise mau. Deswegen ist meine persönliche Forderung eine Vollparität und das schließt für mich den Verwaltungsrat mit ein.

Sascha Wellmann: Was fordern die Studierendenvertretungen von der Landes- und Bundespolitik?

Roxana Sierocki: Vom Bund fordern wir, was das BAföG angeht, dass die Wohnkostenpauschale auf jeden Fall abhängig von den Wohnorten gemacht wird. Von der Landesregierung fordern wir eine Unterstützung der Studierendenwerke und dass wir mit unseren Anliegen von der Politik ernst genommen werden. Also vor allem bei Dingen, die uns betreffen, sollte auch mit uns gesprochen werden. Genau was wir auch fordern bezüglich der Hochschulfinanzierung: eine Teilhabe an der Hochschulpaktverhandlung.

Michael Dreps: Zusätzlich zur wohnortabhängigen Pauschale im BAföG sollten die Rückzahlungsmodalitäten justiert werden. Also auch weniger Hürden, dass mehr Menschen in Zukunft elternunabhängiger studieren können. Beim Semesterticket wäre es gut, wenn der aktuelle Preis von 29,40 Euro pro Monat bestehen bleiben würde, weil bezahlbare Mobilität für Studierende besonders wichtig ist. Um‘s kurz zu fassen: einfach die Themen der jungen Leute berücksichtigen, Aufmerksamkeit dafür haben. Denn ich glaube, so verhindern wir auch, dass eventuelle Lösungen an anderen politischen Rändern gesucht werden, was wir leider immer wieder feststellen müssen.

Sebastian Ehlers: Was ich eingangs erwähnte: die Vollparität und die Anerkennung der Institutionen, insbesondere eines Studierendenwerks, als Träger der öffentlichen Daseinsfürsorge und nicht als Kostenfaktor. Ganz im Sinne einer Investition in die Zukunft, das würde ich als Kernforderung an die Landesregierung sehen.

Sascha Wellmann: Wie sehen eure Pläne aus, die Forderungen weiter voranzubringen und sie möglichst durchzusetzen?
Roxana Sierocki: Als erster Vorstand der Landes-Asten-Konferenz Hessen sind wir mit dem Landesminister, den Hochschulpräsidien und den Parteien – außer der AfD – im Austausch. Wir versuchen schon, unsere Fühler in alle Richtungen auszustrecken. Auch mit den Gewerkschaften sind wir im Gespräch, weil unser Standpunkt ist, dass eine gute Lehre beziehungsweise gute Bildung nicht gegen eine faire Bezahlung aufgewogen werden sollte. Das muss beides Hand in Hand gehen: Die Tarifsteigerungen müssen ausfinanziert werden, aber darunter darf die Bildung oder die Lehre nicht leiden.

Sebastian Ehlers: Das Wichtigste ist jetzt, dass wir eine Allianz aufbauen. Der erste Schritt muss dabei sein, sich zu vergegenwärtigen, dass wir derzeit nicht dazu in der Lage sind, kritische Massen zu mobilisieren. Da sind viele Faktoren zusammengekommen – die Pandemie, prekäre Beschäftigungen, die Bologna-Reform –, die jetzt dazu geführt haben, dass das Studium praktisch zu einer Ausbildungsvorbereitung verkommen ist. Viele Studierende sind in diesem neoliberalen Käfig mit seinem Leistungsdruck gefangen, und dagegen anzukommen, ist verdammt hart. Wir müssen wirklich mit den Basics anfangen, um dann erstmal die Möglichkeit zu bekommen, überhaupt diesen Einfluss nehmen zu können.

Sascha Wellmann: Was erwartet ihr von der GEW Hessen?

Roxana Sierocki: Die GEW ist uns sehr viele Schritte voraus, alleine weil es sie schon länger gibt. Vor allem beim Mobilisierungspotential ist es wichtig, dass wir gemeinschaftlich und solidarisch Hand in Hand zusammenarbeiten – das wünsche ich mir auf jeden Fall von der GEW und das hat sich ja auch in der Vergangenheit schon gezeigt, dass das gut funktioniert.

Sebastian Ehlers: Wir wissen, dass bei der GEW viele aktive Menschen sind und dass dort viel wichtige Arbeit geleistet wird. Auch zu anderen Aspekten, die jetzt nicht notwendigerweise direkt Studierende betreffen. In den nächsten Jahren liegt sehr viel Arbeit vor uns: Das beginnt bei der politischen Bildung und dem Rechtsruck. Das endet dabei, dass wir ganz konkrete Sachen haben, wie zum Beispiel das unsägliche Wissenschaftszeitvertragsgesetz oder andere Dinge, wo es dringenden Reformbedarf gibt. Unser Anliegen – insbesondere an die GEW gerichtet – ist eher eine Einladung. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und das Rad nicht neu erfinden. Gemeinsam sind wir mehr.

Michael Dreps: Ich erwarte sowieso gar nichts, aber ich würde mir wünschen, dass die Gewerkschaft gewissermaßen vorangeht. Für mich ist das so ein bisschen wie Lobbyarbeit für Studierende, die auch manchmal ausgelagert wird, wenn man gerade selbst nicht in der Lage ist, Menschen auf die Straße zu bringen. Wir haben durch Corona gelernt, dass Studierende komplett vergessen wurden. Die GEW als eine Art Claus Weselsky für die Studierendenschaft wäre sehr begrüßenswert.