In unserem Artikel „Vorklassen sind viel zu groß“ (HLZ 3-4/2026, S. 20-21) haben wir uns ausführlich mit dem dringenden Handlungsdruck hinsichtlich der Reduzierung der Vorklassengrößen auseinandergesetzt. Weil die statistischen Daten des Landesamtes (1) und der Schulämter in unseren Augen nicht die gesamte Wirklichkeit abbilden, wollten wir Genaueres wissen und haben die Vorklassenleitungen zur Teilnahme an einer GEW-Umfrage zu Vorklassen an Grundschulen aufgerufen.
Die Resonanz war überwältigend. Die hohe Beteiligung von fast 80 Prozent (245 von 320 Vorklassenleitungen) zeigt die Brisanz der Lage und den Leidensdruck der Beteiligten. Nun zu den Ergebnissen:
Schülerzahl
Die Vorklassenleitungen unterrichten im Durchschnitt 15 Schüler:innen. Das sind deutlich mehr als der Durchschnitt von 13,4 Kindern, der sich aus den Daten des Statistischen Landesamtes ergibt. Die Differenz erklärt sich durch die nicht erfassten Rückstellungen aus den ersten Klassen. Mehrere Klassen überschreiten derzeit sogar die vorgeschriebene Obergrenze von 20 um bis zu drei Kinder!
Aber 15 Schüler:innen im Durchschnitt, das scheint doch eine kleine, gut steuerbare Gruppe – oder? Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um eine Gruppe von Kindern, die aus den unterschiedlichsten Gründen erst auf den Schulbesuch und das gemeinsame Lernen in der Gruppe vorbereitet werden müssen. Um den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, ist sehr viel individuelle Hilfestellung und Zuwendung unumgänglich. Das geht nur in kleinen Gruppen.
Einzugsgebiet
Die Vorklassen setzten sich in über 80 Prozent der Fälle aus Schüler:innen mehrerer – im Extremfall von bis zu zehn, und dazu noch wechselnden – Grundschulen zusammen. Das bedeutet einerseits, dass die im Erlass zur Organisation der Vorklassen an Grundschulen vorgesehene notwendige Zusammenarbeit der Vorklassenleitung mit den Kindergärten und den 1. Klassen der Grundschulen massiv erschwert und kaum umzusetzen ist. Das bedeutet andererseits, dass der Grundsatz „Kurze Beine, kurze Wege“ – ein zentrales Leitmotiv, das Grundschulkindern das Recht auf eine wohnortnahe, fußläufig erreichbare Schule sichert – gerade für die noch nicht „schulreifen“ Kinder nicht gilt. Ein kurzer Schulweg (idealerweise unter zwei Kilometern), zu Fuß zurückgelegt, fördert die Eigenständigkeit und erleichtert Verabredungen mit Klassenkamerad:innen sowie die Einbindung in die Nachbarschaft.
Die GEW-Umfrage hat ergeben, dass gerade die noch nicht „schulreifen“ Kinder stattdessen Schulwege von zum Teil über 30 Kilometern zurücklegen müssen. Annähernd 15 Prozent von ihnen müssen Busse und Bahnen benutzen. Weitere 25 Prozent sind auf Minibusse oder Taxis angewiesen. Das reißt diese Kinder aus ihren sozialen Zusammenhängen und belastet diese vulnerable Gruppe massiv.
Besonderheiten des Schülerklientels
Die Rückstellung in die Vorklasse soll es den Kindern ermöglichen, anschließend erfolgreich am Anfangsunterricht teilzunehmen. Oft zeigt sich aber bereits in der Vorklasse die Notwendigkeit einer längeren Förderung bis hinein in die Grundschule (siehe Diagramm 1). Annähernd die Hälfte der Kinder wird eine solche noch in der Grundschule benötigen.
Weitere Antworten zeigten Schwierigkeiten durch unregelmäßigen Schulbesuch (10 Prozent der Kinder), durch familiäre Belastung und Verwahrlosung (17 Prozent) sowie durch Verständigungs- und Verständnisprobleme wegen Deutsch als Zweitsprache (44 Prozent), aber auch bei deutschsprachigen Kindern (7 Prozent). Auch diese Probleme werden zu einem intensiven Unterstützungsbedarf auch noch in der Grundschulzeit führen.
Belastung der Lehrkraft
Die Vorklassen weisen in der Regel eine sehr heterogene und betreuungsintensive Schülerschaft auf. Deswegen geben 90 Prozent der Vorklassenleitungen an, sich stark, überwiegend aber sehr stark belastet zu fühlen.
Die genannten Belastungsgründe zeigt das nebenstehende Diagramm 2. Zu große Gruppen, fehlende Differenzierungsmöglichkeiten und mangelnde Zeit stechen hervor. Erschwerend kommt hinzu, dass die 27,8 Unterrichtsstunden, die einer Vorklasse zugewiesen werden, nicht an allen Schulen vollständig dafür verwendet werden.
Was muss geschehen?
Der im Juni 2026 erschienene nationale Bildungsbericht (2) zeigt: Je früher gegengesteuert wird, desto effektiver sind die Maßnahmen. Die Vorklassen sind hier ein ganz wesentliches Instrument, das als präventive Maßnahme eingesetzt wird und diesem Anspruch – unter den richtigen Rahmenbedingungen – auch gerecht werden kann. Die Gruppengröße ist dabei entscheidend, gefolgt von der zur Verfügung stehenden Zeit – sowohl für die Gruppe im Gesamtverband als auch für die zusätzliche Förderung im kleineren Verband. Mit der wachsenden Gruppengröße schwindet der Handlungsspielraum, bedarfsorientiert und situativ auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes einzugehen.
Die restriktive Wirkung, die von zu großen Lerngruppen ausgeht, steht dem besonderen Förderanspruch, der den Kindern mit dem Vorklassenbesuch zugestanden wird, eindeutig entgegen. Geht es doch in erster Linie darum, den Kindern durch Feinfühligkeit, angemessene Anregung und die Gewissheit, wahrgenommen zu werden, emotionale Sicherheit zu vermitteln, und damit die Grundlage für Explorationsverhalten, Neugierde, Zuversicht, ein stabiles Selbstkonzept und erfolgsorientiertes Lernen zu schaffen. Die Schülerhöchst- und -mindestzahlen sind in der Grundschule in den letzten Jahrzehnten aus guten Gründen mehrfach gesenkt worden, für die Vorklassen jedoch nicht, obwohl es dort ganz besonders notwendig wäre.
Die Schülermindestzahl der Vorklassen muss endlich auf 8 und die Schülerhöchstzahl auf 15 Kinder abgesenkt werden!
Damit würden sich die Gruppengrößen denen der Förderschulen annähern. Das wäre angebracht, denn den Vorklassenkindern wird mit der Zurückstellung ein besonderer Förderanspruch zugestanden. Eine Absenkung der Obergrenzen vermindert darüber hinaus die Hauptbelastungen der Vorklassenleitungen erheblich, nämlich die zu hohe Gruppengröße, die mangelnden Differenzierungsmöglichkeiten und die zu geringe Zuwendungszeit pro Kind. Damit stellt sie den entscheidenden Gelingensfaktor für effektive Förderung und eine erfolgreiche Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben dar – die Basis für einen erfolgreichen Start in die Anfangsklasse und gute Voraussetzung für den weiteren Bildungsverlauf.
Eine erfolgreiche Förderung in einer überschaubaren, deutlich kleineren Lerngruppe kommt nicht nur den Kindern der Vorklasse zugute, die mit möglichst positivem Selbstkonzept emotional stabil in die kommende Anfangsklasse übergehen, sondern auch allen Kindern ebendieser Anfangsklasse. Der dadurch entstehende Bedarf an zusätzlichen Kräften dürfte im unteren zweistelligen Bereich liegen. Das haben Auskunftsersuchen an die Landesregierung aus dem Jahr 2020 ergeben. (3)
Eine Politik, die angesichts des geringen Aufwandes und der Problemlage nicht handelt, agiert verantwortungslos und degradiert eine sehr wichtige Einrichtung in vielen Fällen zu einem reinen Aufbewahrungsort. Die Vorklassen betreffen nur einen kleinen Teil der Schüler:innen für einen begrenzten Zeitraum. Dadurch ist ihre Lobby naturgemäß sehr klein. Umso wichtiger sind unsere gemeinsame Unterstützung und Solidarität für gute Lern- und Arbeitsbedingungen in Vorklassen.
(1) Hessisches Statistisches Landesamt, Vorklassen an Grundschulen nach Verwaltungsbezirken und Frequenzgruppen im Schuljahr 2025/26.
(2) Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026), Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft, wbv Publikation.
(3) Auskunftsersuchen Christoph Degen (SPD) – Haushaltsansatz zur Verkleinerung der Klassengröße von Vorklassen – Drucksache 20/89.