Erfolgsmodell Gesamtschule

GEW-Gesamtschultag zu Vergangenheit und Zukunft der Schulform | HLZ 2/25

Die Zahl der Gesamtschulen ist in den letzten Jahrzehnten ebenso angestiegen wie die Zahl der sie besuchenden Schüler:innen. 1969 wurde die erste integrierte Gesamtschule in Hessen gegründet. 55 Jahre später bestehen landesweit 131 integrierte und 117 kooperative Gesamtschulen. Sie stehen für das gemeinsame Lernen und für innovative pädagogische Ansätze. Doch andererseits müssen sie sich aktuellen Herausforderungen stellen und haben mit Problemen wie dem Lehrkräftemangel zu kämpfen.
 

Der Einladung zum ersten Gesamtschultag der GEW Hessen folgten am 26. November 2024 rund 50 Personen nach Dietzenbach. Dort wurden sie von Tina Breidenich, Martin Gertenbach und Ralph Wildner im Namen der Landesfachgruppe, welche die Veranstaltung initiiert hatte, begrüßt. In seinen einleitenden Worten betonte Thilo Hartmann als Vorsitzender des Landesverbandes:

„Für uns als GEW steht das Ziel eines gerechten Schulsystems im Mittelpunkt der bildungspolitischen Arbeit. Seit knapp 60 Jahren ist die GEW daher eine, wenn nicht die treibende Kraft der Entwicklung einer Schulform, die nicht nach der 4. Klasse bereits aufteilt, welche Schüler:innen in für sie ferner Zukunft welchen Abschluss erlangen können. Bereits in der Darmstädter Entschließung im März 1965 bekannte sich die GEW Hessen zu einem Schulsystem, das längeres gemeinsames Lernen ermöglichen sollte.“

In seinem Vortrag zu „Stabilität und Wandel der deutschen Schulstruktur“ gab Dr. Benjamin Edelstein einen historischen Rückblick seit dem 19. Jahrhundert. Doch dabei blieb Edelstein, der am Wissenschaftszentrum Berlin arbeitet, nicht stehen: Er zeigte auf, dass auch in den „Post-PISA“-Jahren eine Expansion der Gesamtschulen festzustellen ist, während die Dreigliedrigkeit erodiert. An diesen setzen sich zudem Formen der Binnendifferenzierung gegenüber der äußeren Fachleistungsdifferenzierung immer weiter durch. Allen, die große bildungspolitische Ziele verfolgen und mitunter frustriert sein mögen, spendete er Trost: Erfolge seien oftmals erst im Rückblick deutlich erkennbar.
 

Es folgte Prof. Dr. Katja Scharenberg, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt. Sie zeigte „Konzeptionen, Befunde und Desiderate in der empirischen Bildungsforschung“ mit Blick auf „institutionelle Unterschiede zwischen Schularten“ auf. Als besonders einprägsames Beispiel für die in einem gegliederten Schulsystem entstehenden Gerechtigkeitsprobleme sei auf den „Schereneffekt“ verwiesen: Während die gemessenen Kompetenzen in der 7. Jahrgangsstufe im Durchschnitt der Schulformen noch recht dicht beieinander liegen, öffnet sich die Schere bis zur 10. Klasse immer weiter. Am Gymnasium ist vom höchsten Ausgangsniveau der größte Zuwachs zu beobachten. Das Versprechen konservativer Bildungspolitik, dass von leistungshomogenen Lerngruppen alle profitieren, ist mit Blick auf den deutlich geringeren Zuwachs an Haupt- und Realschulen nicht eingelöst.
 

Am Nachmittag wendeten sich die Teilnehmenden in insgesamt vier Arbeitsgruppen der Praxis zu.

Ganztag: Aktuell wird dieser angesichts des kommenden Rechtsanspruchs eher mit Fokus auf die Grundschule diskutiert. Gleichwohl sind Gesamtschulen aufgrund ihrer pädagogischen Konzepte bezüglich der Entwicklung von guten Ganztagskonzepten schon seit vielen Jahren besonders engagiert.

Seiteneinsteiger:innen: Ein überproportionaler Anteil der Intensivklassen für Schüler:innen ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen ist an Gesamtschulen angesiedelt. Helena Schmitt berichtete über die Rahmenbedingungen, unter denen so in der Regel über zwei Jahre Deutsch als Zweitsprache vermittelt wird. Sie plädierte für eine schnellere Integration in die Regelklassen.

Berufsorientierung: Andrea Michel und Dirk Nöding stellten den an der Offenen Schule Waldau erfolgreich angewendeten Ansatz vor. Dort gibt es mit dem „Kasseler Übergangsmanagement Schule-Beruf“ ein dreistufiges Modell. An jeder der teilnehmenden acht Schulen wurde eine sozialpädagogische Fachkraft für das Übergangsmanagement eingestellt.

Christoph Baumann informierte über den Sozialindex und das Startchancen-Programm. Dabei wurde deutlich, dass es sich um grundsätzlich sinnvolle Instrumente handelt, doch weder die Ermittlung des Indexwerts noch die Auswahl der Schulen ist transparent. Die zusätzlichen Ressourcen bleiben zudem hinter dem Bedarf zurück.

Abschließend richteten die Teilnehmenden zusammen mit Anja Bensinger-Stolze, die den Organisationsbereich Schule auf Bundesebene leitet, den Blick nach vorne. Sie stellte den aktuellen Stand bezüglich der „Weiterentwicklung der schulpolitischen Positionen der GEW“ vor. Dazu haben bereits mehrere Veranstaltungen stattgefunden. Das anhand der dort geführten Diskussionen entwickelte Papier soll vom Gewerkschaftstag im Mai beschlossen werden. Auch wenn es gilt, dabei zahlreiche neuere Entwicklungen aufzugreifen, soll gleichwohl „eine Schule für alle“ das klare Ziel der GEW bleiben.