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Wenn die Fortbildung zur Zusatzbelastung wird | HLZ Juni 2026

 

Seit der Coronapandemie sind deutliche Einschnitte im Bereich der Fortbildung für Lehrkräfte spürbar – mit weitreichenden Folgen. Denn während die Anforderungen im schulischen Alltag stetig wachsen, komplexer und vielfältiger werden und einen intensiven fachlichen Austausch sowie gezielte Weiterbildung dringend erforderlich machen, verschlechtern sich gleichzeitig die Rahmenbedingungen für ebendiese Professionalisierung.

Akkreditierte Fortbildungsveranstaltungen, organisiert durch die Lehrkräfteakademie oder die Schulämter, finden inzwischen nahezu ausschließlich in der unterrichtsfreien Zeit statt. Die Konsequenz ist absehbar: Die Teilnahme bleibt aus. Das vielfach bemühte Motto „Es darf kein Unterricht ausfallen“ entfaltet dabei eine paradoxe Wirkung. Auch Schulleitungen fühlen sich genötigt, externe Fortbildungsangebote während der regulären Unterrichtszeit abzulehnen, obwohl Fortbildungen in der Unterrichtszeit rechtlich nach wie vor eindeutig zulässig sind (siehe dazu S. 34 in dieser HLZ).

Doch der Preis ist hoch. Nach einem ohnehin fordernden Schultag – geprägt von Unterricht, intensiver Vor- und Nachbereitung, Konferenzen und der fortlaufenden Arbeit an schulischen Konzepten – ist für viele Lehrkräfte die Belastungsgrenze längst erreicht. Die Erwartung, sich zusätzlich am Nachmittag, an Wochenenden oder gar in den Ferien fortzubilden, läuft an der Realität vorbei. Die notwendige Energie fehlt. Damit wird ausgerechnet das erschwert, was für die Qualität von Schule und Bildung zentral ist: die kontinuierliche Professionalisierung der Lehrkräfte. Vor diesem Hintergrund hat sich der Gesamtpersonalrat Schule in Fulda im Anschluss an ein Personalrätetreffen des Schulamtsbereichs intensiv mit der Problematik auseinandergesetzt und eine Umfrage initiiert, um ein genaueres Bild der Situation zu gewinnen.

Umfrage zur Fortbildung

Im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2025 beteiligten sich hessenweit insgesamt 2578 Personen. Die Umfrage wurde über die Gesamtpersonalräte in Hessen an die örtlichen Personalräte der Schulen weitergeleitet, verbunden mit der Bitte, sie an alle pädagogischen Beschäftigten – Lehrkräfte sowie sozialpädagogische Fachkräfte im Landesdienst – zu streuen.

Bezüglich der letzten Teilnahme an einer Fortbildung gab die Mehrheit an, dass diese innerhalb des letzten Vierteljahrs stattgefunden hat. Doch bei einem nicht unerheblichen Anteil lag die letzte Fortbildung mehr als ein halbes oder sogar mehr als ein ganzes Jahr zurück (siehe Diagramm 1). Es ist allerdings gut möglich, dass sich von unserer Umfrage überproportional viele angesprochen fühlten, bei denen die letzte Fortbildung noch nicht so lang zurücklag. Die Auswertung der eingegangenen Fragebögen bestätigt die Einschätzung, dass der Anteil von Fortbildungen innerhalb der Unterrichtszeit sehr gering war. Ein Großteil der besuchten Fortbildungen fand im Anschluss an den Unterricht statt (siehe Diagramm 2).

Lehrkräfte wissen um wirksame Lernprozesse. Sie kennen die Grenzen der Aufnahmefähigkeit des menschlichen Gehirns – insbesondere dann, wenn es durch Informationsfülle und anhaltende Anstrengung längst ausgelastet ist. Und doch ist es genau diese Situation, die ihnen selbst zugemutet wird. Entsprechend eindeutig fällt die Einschätzung auf die Frage aus, wie aufnahmefähig sie nach einem Schultag noch für Fortbildungsinhalte sind. Analog zur Schulnotenskala wurde die Aufnahmefähigkeit in dieser Situation am häufigsten als „mangelhaft“ bewertet (siehe Diagramm 3).

Ein zentrales Ergebnis der Umfrage ist demnach so eindeutig wie ernüchternd: Nach dem Schultag fehlt vielen Lehrkräften die Kraft, sich noch auf Fortbildungsinhalte einzulassen. Die angebotenen Themen der Lehrkräfteakademie und der Schulämter wurden hingegen mehrheitlich als befriedigend beurteilt. Gleichzeitig zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Viele der genannten Themen, für die sich Fortbildungen gewünscht werden, sind grundsätzlich bereits in den bestehenden Fortbildungskatalogen enthalten. Unter den aktuellen Bedingungen werden diese aber anscheinend kaum wahrgenommen. Die Bereitschaft beziehungsweise die Kraft- und Zeitressourcen, um Fortbildungsangebote außerhalb der Unterrichtszeit wahrzunehmen, sind offensichtlich sehr begrenzt.

Anforderungen

Die inhaltlichen Interessen der Befragten sind dabei breit gefächert und spiegeln die komplexen Anforderungen des schulischen Alltags eindrucksvoll wider. Im Kern lassen sich folgende Themenfelder benennen:
•    Austausch und Vernetzung
•    Digitalisierung, KI und Medienbildung
•    Unterrichtsentwicklung und Didaktik
•    Herausforderndes Verhalten und Classroom-Management
•    Inklusion, Sonderpädagogik und Neurodivergenz
•    Diagnostik, Sprachbildung und Förderung
•    Psychische Gesundheit, Kinderschutz und Prävention
•    Lehrkräftegesundheit, Resilienz und Entlastung
•    Schulrecht, Arbeitsrecht und Laufbahn
•    Demokratiebildung, Antidiskriminierung und gesellschaftliche Themen
•    Ganztag, Schulentwicklung & Kooperation
•    Fachspezifische Fortbildungen
•    Qualifikationen, Sicherheit und Erste Hilfe

Neben diesen thematischen Schwerpunkten formulieren die Lehrkräfte ebenso klare wie praxisnahe Forderungen an die Gestaltung von Fortbildungen:
•    Angebote möglichst vormittags bzw. innerhalb der Dienstzeit
•    mehr Präsenzformate sowie mehrtägige bzw. aufeinander aufbauende Qualifizierungen mit nachhaltigem Praxistransfer statt isolierter Kurztermine
•    mehr ganztägige Formate zur vertieften Auseinandersetzung statt fragmentierter Nachmittagsveranstaltungen
•    keine Verlagerung ganztägiger Angebote ausschließlich auf Ferien oder Samstage
•    dezentrale, wohnortnahe Angebote sowie verlässliche Kapazitäten für Qualifikationslehrgänge (z. B. Sport/Outdoor/Sicherheit)
•    Online-Formate für kompakte, informationsorientierte Inhalte
•    hybride Angebote zur flexibleren Teilnahme
•    abrufbare On-Demand-Formate für zeitunabhängiges Lernen

Damit Fortbildung tatsächlich wirksam und nachhaltig gestaltet werden kann, benennen die Befragten notwendige strukturelle Rahmenbedingungen:
•    generelle Freistellung vom Unterricht für Fortbildungen
•    Anerkennung von Fortbildung als Arbeitszeit
•    klare und verlässliche Regelungen zur Unterrichtsbefreiung
•    ein festes Kontingent an Fortbildungstagen pro Schuljahr
•    eine zentrale, übersichtliche Bündelung aller Angebote
•    einfache und einheitliche Anmeldeverfahren
•    frühzeitige und verlässliche Terminankündigungen
•    transparente Informationen zu Freistellung, Kosten und Rahmenbedingungen
•    kostenfreie bzw. weitgehend finanzierte Fortbildungen
•    Übernahme von Fahrt-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten
•    angemessene Räume, Verpflegung und Materialien als Ausdruck von Wertschätzung

Würden diese Forderungen ernst genommen und umgesetzt, wäre dies weit mehr als eine organisatorische Verbesserung. Es wäre ein entscheidender Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zur Anerkennung der zusätzlichen Belastungen, die viele Lehrkräfte tragen. Vor allem aber würde es den Weg dafür ebnen, dass Fortbildung wieder das sein kann, was sie sein sollte: eine echte Chance zur Weiterentwicklung. Gut qualifizierte, motivierte und gesunde Lehrkräfte sind keine Selbstverständlichkeit – sondern das Ergebnis von Rahmenbedingungen, die professionelles Lernen ermöglichen, statt es zu erschweren.

Cornelia Barby ist Vorsitzende, Holger Wehrle Mitglied des Gesamtpersonalrats Schule am Staatlichen Schulamt Fulda.