Die Arbeitsbelastung in hessischen Kindertageseinrichtungen ist hoch. Ursächlich dafür ist insbesondere der Mangel an Fachkräften. Neben personellen Problemen ist im Kita-Bereich ein zunehmender Investitionsstau auszumachen, der die Arbeit erschwert.
Schon wieder hat ein Kind in ihrer Kita Klara zum Geburtstag eingeladen. Sie muss lachen: „Das freut mich natürlich, aber annehmen kann ich die Einladung nicht.“ Klara ist 22 Jahre alt und arbeitet als Werkstudentin in einer Marburger Kindertageseinrichtung. Sie studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaften im 5. Semester. Schon ihre Schulpraktika und ihr Freiwilliges Soziales Jahr hat sie in Kindertageseinrichtungen absolviert.
In dieser Woche sind alle Erzieher:innen in Klaras Kita gesund. Die Arbeitssituation für sie und das gesamte Team ist einigermaßen entspannt: „Das überträgt sich auf die Kinder. Wenn wir jedoch krankheitsbedingte Ausfälle haben, ist die Personaldecke schnell zu dünn. Wir müssen dann zum Beispiel auf den Morgenkreis verzichten und können nicht alle Räume aufmachen, so wie es unser Konzept eigentlich vorsieht.“ Häufig können die Erzieher:innen dann keine Pausen machen, schließlich müssen die Kinder beaufsichtigt werden. Fehlen besonders viele Kolleg:innen, wird die Kita schon einmal früher geschlossen.
Problem Personalmangel
Die personelle Situation in Klaras Kita ist keine Ausnahme, sondern entspricht der typischen Situation in einer hessischen Kita. Laut aktuellen Zahlen der Bertelsmann-Stiftung arbeiten zwei Drittel der Gruppen mit Kindern unter drei Jahren mit weniger Personal, als dies die Stiftung mit einem Personalschlüssel von 1 zu 3 empfiehlt. In Gruppen mit Kindern, die älter als drei Jahre sind, unterschreiten sogar fast drei Viertel der Gruppen die Empfehlung von 1 zu 7,5. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beschäftigten in Kitas relativ häufig krank sind: In Hessen lag die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage bei gut 30. Das sind zehn Fehltage mehr als der Durchschnitt. Infektionskrankheiten, aber auch psychische Erkrankungen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Zu den Folgen der personellen Unterbesetzung für die Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen forscht Marina Lagemann. Sie arbeitet an der Universität Gießen und hat zu diesem Thema im vergangenen Jahr eine umfangreiche Befragung von 20.000 Personen durchgeführt. Jede zweite Fachkraft fühlt sich überlastet. Überlastung und Arbeitszufriedenheit auf der einen sowie die Personalbesetzung auf der anderen Seite hängen eng miteinander zusammen. Das Gefühl der Überlastung sinkt und die Arbeitszufriedenheit steigt im Trend, je besser die Personalbesetzung ist. Insbesondere das hohe Abwanderungsrisiko hat Marina Lagemann überrascht: „Jede vierte Fachkraft hat die Tendenz, das Berufsfeld wegen der Arbeitsbedingungen zu verlassen. Dabei weist ausgerechnet die recht junge Altersgruppe der 26- bis 30-Jährigen das höchste Abwanderungsrisiko auf.“
Der Mangel an Erzieher:innen hängt mit dem Rechtsanspruch auf Tagesbetreuung für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr zusammen. Dieser gilt seit August 2013. So entstanden deutschlandweit allein zwischen 2006 und 2013 etwa 250.000 Betreuungsplätze für Unter-Dreijährige. Und auch die Zahl der Beschäftigten hat sich stark erhöht – allerdings ohne mit dem wachsenden Bedarf Schritt halten zu können. In Ostdeutschland besteht aufgrund einer sinkenden Kinderzahl zwar Aussicht auf Entspannung. Für die westdeutschen Bundesländer aber ist in den kommenden Jahren weiterhin von einem Fachkräftemangel auszugehen. Die Nachfrage nach Erzieher:innen wird auch durch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an Grundschulen steigen, denn hier werden ebenfalls Fachkräfte gebraucht.
Problem marode Gebäude
Klaras Kita musste ihr angestammtes Gebäude vor mehreren Jahren aufgrund eines Wasserschadens räumen. Jetzt befindet sie sich in einem Gebäude, das früher einmal als Kita genutzt, danach jedoch umfassend umgebaut wurde. Zuletzt war eine Beratungseinrichtung darin untergebracht. „Hier erfüllt kaum noch etwas die Anforderungen an eine Kita. Es gibt zum Beispiel aus Platzmangel keinen Garderobenbereich für die Kinder. Wir können ihnen nicht beibringen, Verantwortung für ihre Sachen zu übernehmen und Ordnung zu halten.“
Für die Kinder über drei Jahre stehen vier rund 15 Quadratmeter große Räume zur Verfügung. Wenn aufgrund von Personalmangel nicht alle Räume geöffnet werden können, befinden sich unter Umständen zehn Kinder in einem Raum. „Es ist dann für uns Beschäftigte aufgrund des Lärms und des fehlenden Schallschutzes eine unheimliche Belastung. Für die Kinder ist die Enge auch problematisch, sie können sich nicht zurückziehen.“ Der Sozialraum und das Büro der Kindergartenleiterin befinden sich im Keller. Hier schmücken Leitungen und Rohre die Decken. Die Toilette für die Erzieher:innen – ein provisorisch aufgestelltes Toilettenhäuschen – befindet sich hinter dem Haus.
Zwar mag die räumliche Situation in Klaras Kita besonders schlecht sein. Gleichwohl weisen viele Kitas in Deutschland bauliche Mängel auf oder stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Generell hat sich der Investitionsrückstand im Bereich der Kindertageseinrichtungen stark erhöht und ist mittlerweile ein flächendeckendes Problem. So klagte zum Beispiel Mitte März die Arbeitsgemeinschaft der Bürgermeister im Landkreis Marburg-Biedenkopf öffentlich über den gewaltigen Investitionsstau bei Kinderbetreuungseinrichtungen in ihrem Landkreis.
In der Vergangenheit hat das Land Hessen die Kommunen beim Kita-Bau mit Zuschüssen unterstützt, auch mit Mitteln des Bundes. Zurzeit fließen noch Gelder aus diesen Investitionsprogrammen. Allerdings sind sie ausgelaufen – Zuschüsse für neu geplante Kitas können nicht mehr beantragt werden. Lediglich zinsgünstige Kredite bietet das Land noch an. Nach Einschätzung von David Rauber, Geschäftsführer beim Hessischen Städte- und Gemeindebund, kann das Problem des Investitionsstaus in den Kitas nur durch dauerhafte Mittelzuweisungen – also durch ein entsprechendes Landesprogramm – gelöst werden. Alleine seien die Gemeinden nicht in der Lage, die erforderlichen investiven Mittel aufzubringen. Bundesweit beläuft sich der Investitionsrückstand im Bereich der Kindertageseinrichtungen laut dem Deutschen Institut für Urbanistik mittlerweile auf fast 13 Milliarden Euro.
Perspektiven und
Handlungsoptionen
Das Hessische Sozialministerium sei sich, so Meike Usmar, der Problemlagen in den hessischen Kitas durchaus bewusst. Usmar leitet das Referat Kinderbetreuung im Hessischen Sozialministerium. Der Arbeitsmarkt für Erzieher:innen sei angespannt, und in den nächsten Jahren gingen zudem die starken Babyboomer-Jahrgänge in Rente. Insbesondere der Ausbau der Plätze für Unter-Dreijährige bleibe eine Herausforderung. Usmar verweist in diesem Zusammenhang auf die Praxisintegrierte vergütete Ausbildung, kurz PivA. Deren Förderung wurde durch das Land auf 1.050 Stellen aufgestockt, was einem Drittel der Gesamtzahl der Erstauszubildenden entspreche. PivA sei ein wichtiger Beitrag, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Auch den erheblichen Investitionsstau bestreitet Usmar nicht. Sie räumt ein, dass eine Unterstützung durch das Land in Form von Zuschüssen hilfreich wäre. Dies sei leider aufgrund der finanziellen Lage im Landeshaushalt nicht durchsetzbar gewesen. Die Hoffnung ruht nun auf dem neu im Grundgesetz verankerten Sondervermögen für Infrastruktur. Hiervon soll nach den Vorstellungen des Sozialministeriums ein Teil in ein entsprechendes Investitionsprogramm fließen.
Isabel Carqueville, Referentin für den Kita-Bereich bei der GEW Hessen, teilt in vielen Punkten die Problemanalyse des Ministeriums. Sie rechnet ebenfalls mit Geld aus dem Sondervermögen für die hessischen Kitas. Wie auskömmlich diese Mittel dann ausfallen, müsse abgewartet werden. Auch die Förderung der PivA-Stellen sei eine sinnvolle Sache. Kritisch sieht Carqueville, dass immer mehr Personal in den Kitas ohne einschlägige Qualifikation arbeitet: „Nach der Veränderung beim Fachkräftekatalog durch die Landesregierung vor rund zwei Jahren können bis zu 25 Prozent des Personals in Kindertageseinrichtungen faktisch ohne fachlich einschlägige Ausbildung arbeiten. Das ist keine gute Antwort auf den Fachkräftemangel. Der Aspekt der Chancengleichheit für Kinder gerät so in den Hintergrund, der Bildungsaspekt bleibt auf der Strecke. Es geht dann nur noch um Betreuung, damit die Eltern arbeiten können.“
Aus Sicht von Carqueville wäre ein qualifizierender Quereinstieg richtig und wichtig, um die personelle Situation möglichst schnell zu verbessern. Dieser sollte berufsbegleitend erfolgen und müsste über Fort- und Weiterbildungen in einen Abschluss als staatlich geprüfte Erzieherin oder staatlich geprüfter Erzieher münden. Zwar würde dem das Sozialministerium nicht widersprechen, so Carqueville, aber es gäbe keine ernsthaften Bestrebungen, so etwas im großen Maßstab umzusetzen. Dabei sei es nur auf diesem Wege möglich, schnell Fachkräfte zu gewinnen und Abwanderungen zu verhindern.
Die Marburger Werkstudentin Klara ist eine solche potenzielle Fachkraft – nach ihrem Studium könnte sie in einer Kita arbeiten. Das wird Klara wahrscheinlich nicht machen: „Ich arbeite unheimlich gerne mit Kindern im Vorschulalter, und mein Kita-Team ist toll. Aber die Arbeitsbedingungen sind sehr belastend. Auf Dauer kann ich mir diese Tätigkeit unter den derzeitigen Bedingungen nicht vorstellen.“