Frühe Bildung im Bildungsbericht

Chancengleichheit erreicht man nur mit Qualität | HLZ 12/24 - 1/25

Der Nationale Bildungsbericht, der alle zwei Jahre über den Stand der Bildung in Deutschland berichtet, liefert ernüchternde Ergebnisse: Der Bildungserfolg bleibt weiterhin stark von der familiären Situation abhängig. Diese bekannte Tatsache wird erneut wissenschaftlich untermauert, und es zeigt sich, dass sich trotz leicht steigender Bildungsausgaben nur sehr wenig in Bezug auf die ungleichen Startchancen geändert hat.

Besonders hervorgehoben wird im Bildungsbericht 2024 die zentrale Rolle der frühkindlichen Bildung. Das ist umso erstaunlicher, als der Schwerpunkt des diesjährigen Bildungsberichts auf der Beruflichen Bildung lag (siehe HLZ 9-10/2024, S. 20-21). Dennoch kommt der Bildungsbericht zu einem deutlichen Ergebnis: Ohne eine starke Fokussierung der bildungspolitischen Anstrengungen auf die ersten Lebensjahre sind keine nachhaltigen Fortschritte beim Abbau von Ungleichheiten zu erwarten, so die Autor:innengruppe des Berichts.

Diese Erkenntnis sollte als Weckruf verstanden werden: Die Weichen für den Bildungserfolg eines Kindes werden bereits in den ersten sechs Lebensjahren gestellt. In dieser Phase ist es entscheidend, gezielte Bildungsangebote zu machen, um die soziale Schere zu schließen, die sich sonst im Laufe des Lebens weiter öffnen könnte. Schule – auch die Grundschule – kann diese Schere nicht schließen, sondern allenfalls verhindern, dass sie größer wird, so einer der Autoren des Bildungsberichts, Professor Kai Maaz vom in Frankfurt ansässigen DIPF. Dies entbindet natürlich die Schulen und die Pädagog:innen, die in Schule tätig sind, nicht von ihrer Verantwortung. Die Erwartung, dass die Schule alles richten kann, ist demnach aber begrenzt.


Ausgangslage

Der Nationale Bildungsbericht weist darauf hin, dass Deutschland ein starkes Bevölkerungswachstum hat, welches sich hauptsächlich durch fluchtbedingte Zuwanderung erklärt. Ohne diese hätten wir einen starken Bevölkerungsrückgang. Zudem befinden sich mehr Kinder im Kita- und im Grundschulalter: Die Zunahme in den letzten zehn Jahren beträgt 20 Prozent bei den Drei- bis Sechsjährigen und 16 Prozent bei den Grundschulkindern. Davon haben mehr als ein Viertel eine Einwanderungsgeschichte. Ein zentraler Befund des Nationalen Bildungsberichts 2024 ist, dass bei 60 Prozent der Kinder aus Familien mit Einwanderungsgeschichte eine „Risikolage“ vorliegt, während dies bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte bei 20 Prozent der Fall ist. Eine Risikolage wird angenommen, wenn einer oder mehrere von drei Faktoren gegeben sind: Kinder leben in einem Haushalt ohne erwerbstätige Eltern, die Familie ist armutsgefährdet, beide Eltern verfügen weder über eine Berufsausbildung noch über eine Hochschulreife.

Positiv lässt sich vermelden, dass der Ausbau der Kindertagesbetreuung weiter anhält: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Einrichtungen um 14 Prozent auf bundesweit 60.000 gestiegen. 67 Prozent liegen dabei in freier Trägerschaft. Mit einem Plus von 48 Prozent hat der Kita-Bereich in den letzten Jahren den größten Personalzuwachs im Bildungssektor zu vermelden. Das liegt sicherlich auch am Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Unter-Dreijährige. In der frühen Bildung nehmen 24 Prozent mehr Kinder an Angeboten teil (Unter-Dreijährige sogar 41 Prozent). Der Bereich der frühkindlichen Bildung ist also ausgebaut worden und wird auch von mehr Kindern genutzt. Gleichzeitig wissen wir aus anderen Studien, dass der Bedarf damit weiterhin nicht gedeckt ist.


Unterfinanzierung

Die Bildungsausgaben sind laut Nationalem Bildungsbericht in den letzten zehn Jahren zwar gestiegen, erreichen jedoch noch immer einen im internationalen Vergleich geringen Anteil von nur 6,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2022. Mit rund 123 Milliarden Euro entfällt die größte Position dabei auf die Schulen sowie den schulnahen Bereich. Auf den Elementarbereich entfallen rund 40 Milliarden Euro. Der Anteil des Elementarbereichs am gesamten Bildungsbudget ist in den vergangenen zehn Jahren von 12 auf 16 Prozent angestiegen. Doch dieses Wachstum bei den finanziellen Mitteln hielt nicht mit den zunehmenden Bedarfen mit, so dass dieses unterm Strich keinen signifikanten Unterschied macht.

Obwohl die Bedeutung der frühkindlichen Bildung weithin anerkannt ist, sieht die Realität anders aus. In Deutschland fehlen nach wie vor ausreichend Kita-Plätze. Diese Situation ist besonders dramatisch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die am meisten von frühkindlicher Bildung profitieren würden. Der Bildungsbericht weist darauf hin, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Kindertagesbetreuung deutlich unterrepräsentiert sind. Aus anderen Zusammenhängen wissen wir, dass Kita-Plätze oft an berufstätige Eltern vergeben werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen. Kinder, deren Eltern nicht oder nur gering erwerbstätig sind, erhalten seltener einen Betreuungsplatz. Das trifft auf Menschen mit Migrationsgeschichte besonders häufig zu. Die Folgen sind gravierend: Kinder ohne frühkindliche Bildung starten mit erheblichen Nachteilen in die Grundschule. Was in der Kita nicht gelernt wurde, muss nachgeholt werden. Das kann dazu führen, dass andere Lerninhalte auf der Strecke bleiben. Besonders Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben ohne frühkindliche Bildungsangebote schlechtere Startbedingungen.

 

Fachkräftemangel

Die Zahl der pädagogisch Tätigen in Kindertageseinrichtungen ist laut Bildungsbericht deutschlandweit in den letzten zehn Jahren um 54 Prozent auf über 700.000 gestiegen. Erzieher:innen stellen weiterhin die Hauptberufsgruppe, während der Anteil von Personen mit fachfremdem Abschluss oder (noch) ohne Abschluss seit Jahren bei etwa 10 Prozent liegt. Trotz dieses Wachstums wird der Zuwachs an neu Ausgebildeten den zukünftigen Bedarf in Westdeutschland nicht decken können. Prognosen zufolge wird auch im Jahr 2035 eine große Personallücke bestehen.

Der Nationale Bildungsbericht benennt drei gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, die Auswirkungen unter anderem auf das Bildungssystem haben: Einwanderung beziehungsweise Integration, Digitalisierung und Personalmangel. Dabei geht es beim Thema Personal nicht nur um die Ausbildung und Bindung von qualifizierten Beschäftigten, sondern auch darum, beispielsweise durch die Anerkennung ausländischer Abschlüsse Fachkräfte zu gewinnen. Das Bildungssystem, das vom Fachkräftemangel sehr stark betroffen ist, konkurriert dabei nicht nur mit anderen Sektoren, es gibt auch eine Konkurrenz um pädagogische Fachkräfte innerhalb des Bildungssystems. Unsere Befürchtung: Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Schule wird die Situation in den Kitas verschärfen, da hier zwei Systeme um die gleichen Fachkräfte werben. Oder noch schlimmer: Es werden immer mehr Menschen in den Bildungseinrichtungen eingesetzt, die keine pädagogische Ausbildung haben.

Ein zentraler Punkt für den Bildungsbericht ist die Qualifikation des pädagogischen Personals. Gut ausgebildete Fachkräfte sind unerlässlich, um die Qualität der frühkindlichen Bildung zu sichern. Es darf nicht gespart werden, wenn es um die Ausbildung und Bezahlung von Erzieher:innen geht. Die GEW fordert schon seit langem unter anderem den Ausbau der praxisintegrierten vergüteten Ausbildung (PivA), einen echten Quereinstieg mit Weiterbildungsmöglichkeiten, keine weitere Öffnung des Fachkräftekatalogs und ein Ganztagskonzept, das mehr als nur Betreuung am Nachmittag bietet. Der Bildungsbericht formuliert ganz deutlich: „Je schärfer der Fachkräftemangel, desto größer ist die Gefahr, Qualifizierungsaspekte und Qualitätsdimensionen nicht ausreichend in den Fokus zu nehmen.“ (S. 27)

 

Ein Appell an die Politik

Der Bildungsbericht 2024 sollte als dringender Handlungsaufruf verstanden werden, insbesondere angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl 2025. Es reicht nicht aus, die Bedeutung der Bildung in Sonntagsreden zu betonen, sondern es bedarf konkreter Maßnahmen und einer ausreichenden Finanzierung, um die frühkindliche Bildung nachhaltig zu stärken. Es ist dabei elementar, nicht nur über kurzfristige Maßnahmen und „kreative Lösungen“ nachzudenken, sondern zu überlegen, was mittel- und langfristig für unsere Gesellschaft wichtig ist. Der Bildungsbericht kommt zu dem Schluss, dass es trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation nicht sinnvoll ist, bei den Bildungsausgaben zu kürzen und unterstützt damit wissenschaftlich fundiert unsere politische Forderung.

Die Probleme im Bildungssystem sind tief verwurzelt und können nicht über Nacht gelöst werden. Doch der Bildungsbericht gibt eine klare Richtung vor: Frühkindliche Bildung muss in den Fokus rücken, nicht nur in politischen Reden, sondern durch konkrete Maßnahmen und Investitionen. Es ist an der Zeit, dass die Politik den Wert der frühkindlichen Bildung erkennt und dementsprechend handelt – im Interesse der Kinder und der Zukunft unseres Landes.

Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2024. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu beruflicher Bildung, Berlin 2024, wbv.
Der vollständige Bericht, zusätzliche Daten sowie eine Kompaktfassung sind online verfügbar: www.bildungsbericht.de