Hohe Belastungen

Studien über die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern 

Belastungen in der Arbeitswelt wachsen, da geistige und psychosoziale Tätigkeiten einen immer größeren Raum einnehmen. Dies gilt auch für die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern in Kindertageseinrichtungen, Horten, Ganztagsschulen und Heimen. Seit Mitte der 1990er Jahre durchgeführte Studien zur Belastung und Gesundheit im Beruf der Erzieherin und des Erziehers zeigen übereinstimmend diverse gesundheitsgefährdende und leistungsbeeinträchtigende Belastungsfaktoren, die auf die Notwendigkeit der Prävention und Gesundheitsförderung hinweisen.

Multitasking unter Zeitdruck 

Erzieherinnen und Erzieher klagen über die Vielzahl der Arbeitsaufgaben. Nach unserer Kita-Studie in Baden-Württemberg (2004) schätzten 92 Prozent der Befragten ein, dass sie (zu) viele Arbeitsaufgaben bewältigen müssen. Dazu zählen Beobachtungen, Dokumentationen, Einschätzungen des Entwicklungsstands, Vorbereitung und Durchführung von Entwicklungsgesprächen, Qualitätsmanagement u.a.m. Diese verschiedenen Aufgaben müssen häufig zeitlich parallel (Multitasking) bei sich überschneidenden Personenkontakten und einhergehenden Störungen und Unterbrechungen, unter Daueraufmerksamkeit und mit hoher Verantwortung erledigt werden. Besonders belastend schätzen Erzieherinnen und Erzieher den Zeitdruck ein, der bei Erfüllung der Arbeitsaufgaben gegeben ist. Die Anzahl auszuführender Tätigkeiten und der Zeitdruck führen oft zur Überforderung. 

Als Belastungsfaktoren, die damit im engen Zusammenhang stehen, werden die unzureichende Zeit für Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit und die Schwierigkeit, alle pädagogischen und Verwaltungsaufgaben qualitätsgerecht zu erfüllen, angeführt. Rund 45 Prozent aller pädagogischen Fachkräfte kritisierten z.B. die fehlende Zeit für Vor- und/oder Nachbereitung der pädagogischen Arbeit. Die unzureichende Zeit für mittelbare pädagogische Arbeit (mpA) ist bei Kita-Erzieherinnen wie bei Erzieherinnen in Ganztagsschulen ein großes Problem.

Belastend wird die Arbeitszeitregelung eingeschätzt. Die störungsfreie Arbeitspause beträgt bei Kita-Erzieherinnen oft nur 20 Minuten. Sie können im Laufe des Arbeitstages keine Mini- oder Kurzpausen einlegen. Die Mittagspause ist selten gegeben, da ihre Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten auf Grund der pädagogischen Begleitaufgaben (Aufsicht, Ernährungsberatung u.a.m.) nicht als Arbeitspause zu werten ist. Fehlende Pausen sind der entscheidende Grund für unzureichende Entspannung und Erholung. Zum Beispiel meinten in einer Studie 72 Prozent der befragten Erzieherinnen und Erzieher, dass sie keine Möglichkeiten zur Entspannung haben. Dies ist auf Zeitmangel, aber auch auf fehlende oder ungeeignete Räume in der Einrichtung zurückzuführen. 

Fachkraft-Kind-Relation

Es wird häufig bemängelt, dass die Kinderanzahl pro Gruppe (Gruppengröße) zu hoch ist. Eine ungünstige Fachkraft-Kind-Relation hat vor allem negative Auswirkungen auf die Arbeit mit dem einzelnen Kind. Da die Anzahl der Kinder mit erhöhtem Betreuungs- und Förderbedarf zunimmt, können in großen Gruppen einzelne Kinder kaum gefördert werden. Im engen Kontext mit der Fachkraft-Kind-Relation ist der Personalmangel zu sehen. Besonders belastend wird dieser bei personellen Ausfällen wie Fortbildungen, Krankheiten oder Urlaub. 

Ein weiterer Belastungsfaktor ist die zunehmende Anzahl der Kinder mit erhöhtem Betreuungs- und Förderbedarf. Die Arbeit mit einzelnen Kindern wird notwendiger, da eine Zunahme psychischer Auffälligkeiten oder von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern festzustellen ist. Aber auf Grund der großen Gruppengrößen bzw. der geringen Fachkraft-Kind-Relation fehlt meistens die Zeit für die Arbeit mit solchen Kindern.

Körperliche Belastungsfaktoren

Die körperlichen Anforderungen unterteilen sich in drei Bereiche: Stimme, ungünstige Körperhaltungen sowie Heben und Tragen der Kinder. Rund 80 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher empfinden das häufige und laute Sprechen als belastend. Die stimmliche Belastung steigt mit zunehmendem Alter. Die Erzieherin sitzt rund 120 Minuten am Arbeitstag, und dies meistens in gebeugter bzw. gedrehter Körperhaltung. Oft beträgt der Anteil der sitzenden Körperstellung bis zu vier Stunden. Fast die Hälfte der Erzieherinnen erlebt das Heben und Tragen der Kinder als belastend. Dies gilt in erster Linie für Krippenerzieherinnen. 
Die sozialen Arbeitsbedingungen bei Erzieherinnen und Erziehern sind vielfältig. An erster Stelle steht der Kontakt mit den Kindern, der sich in einer emotionalen Nähe zeigt. Belastend ist oft, dass die Kindergruppen eine heterogene Sozialstruktur aufweisen. Sie kommen aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung und weisen unterschiedliche kulturelle Hintergründe auf. Diese emotionale Nähe führt dazu, dass Erzieherinnen und Erzieher mit Problemen und dem Leid ihrer Kinder umgehen müssen. Die Regulierung der eigenen Gefühle, d.h. die Emotionsarbeit, kann dabei als starke Belastung empfunden werden. 
So verschiedenartig Kinder sind, so verschiedenartig sind auch die Eltern. Die Arbeit mit den Eltern kann Konflikte hervorrufen, wenn diese verschiedenste, teilweise unrealistische oder gar keine Ansprüche an Erzieherinnen und Erzieher stellen, deren Arbeit nicht wertschätzen oder in der Zusammenarbeit unzuverlässig sind. 

Auch das Führungsverhalten der Leitung kann ein Belastungsfaktor sein. Dazu gehören der individuelle Führungsstil, die Kommunikation mit dem Team, vor allem fehlende Feedbacks über die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher, oder durch die Leitung ausgeübter Druck. Eine mangelnde Zusammenarbeit zwischen Erzieherinnen und Träger wird teilweise als Belastung erlebt. Erzieherinnen und Erzieher berichten, dass der Träger häufig ein falsches Bild von ihrem Arbeitsalltag hat, deren Arbeitspensum und Verantwortlichkeiten unterschätzt, sehr hohe Anforderungen stellt, eine Kommunikation zwischen Träger und Erzieherinnen jedoch häufig nicht stattfindet. 

Die Arbeitsumgebung umfasst die technischen, physikalischen und biologischen Bedingungen. Als Belastungsfaktor ragt hier der Lärm hervor. Tinnitus und Lärmschwerhörigkeit sind mit großer Wahrscheinlichkeit auf diese Lärmsituation zurückzuführen. Zu beachten ist ferner die Infektionsgefahr durch Mikroorganismen, Viren oder biologische Arbeitsstoffe. Es sind die klassischen Kinderkrankheiten Windpocken, Masern, Mumps und Röteln. Infektionen sind besonders ein Gesundheitsrisiko für schwangere Mitarbeiterinnen.

Für das Berufsimage der Erzieherinnen und Erzieher gibt es mehrere Ursachen. Grundsätzlich wird die Arbeitstätigkeit nicht als professionell angesehen, sondern vielmehr als eine familienähnliche „weibliche“ Tätigkeit. Während sich das Image der Kita-Erzieherinnen in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund der von der GEW initiierten Streiks in den Jahren 2009 und 2015, etwas verbessert hat, ist die Arbeit in der Ganztagsschule, im Hort, in der Tagespflege und im Heim in der Bevölkerung wenig bekannt und wird deshalb zu wenig geschätzt. Allgemein fehlt ein klares Berufsbild. Im Zusammenhang mit der unzureichenden Wertschätzung steht die Entlohnung. Das Einkommen zählt zu jenen Belastungsfaktoren, die wiederholt von Erzieherinnen und Erziehern problematisiert werden. 

Zu den Belastungsfaktoren zählen auch befristete Arbeitsverträge, insbesondere dann, wenn Verträge kurzfristig oder teilweise erst nach Ablauf des Erstvertrages verlängert werden. So berichten Erzieherinnen und Erzieher, dass stets die Gefahr bestehe, dass man selbst oder die Kollegin in andere Kitas des Trägers versetzt wird. Man wisse jedoch nie, wen es betrifft und wann der Zeitpunkt kommen werde. Nur etwa 75 Prozent der pädagogischen Fachkräfte verfügen über einen unbefristeten Arbeitsvertrag. 

Zufriedenheit trotz Belastung

Belastungsstudien haben in den letzten Jahren im Erzieherberuf zugenommen. Einerseits zeigten sich dabei gute Arbeitsbedingungen. Die Arbeitszufriedenheit der Erzieherinnen und Erzieher ist im Vergleich zu anderen Berufsgruppen relativ hoch. Sehr positiv wird die Arbeit mit den Kindern eingeschätzt, d.h. die Möglichkeit, bei der Erziehung und Bildung von heranwachsenden Menschen mitwirken zu können. Außerdem werden die Zusammenarbeit mit den Eltern, die kollegiale Zusammenarbeit (Teamklima) und persönliche Gestaltungsmöglichkeiten (Handlungsspielraum und Kreativität) überwiegend positiv beurteilt. Diese Faktoren führen zu einer hohen Identifikation mit dem Beruf und wirken als Ressource für die Arbeitsfähigkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit. 

Belastende, d.h. leistungs- und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen sind insbesondere die größere Anzahl von Arbeitsaufgaben, die Größe der Kindergruppen, die ungünstige Fachkraft-Kind-Relation, das heterogene Leistungsniveau der Kinder mit der Zunahme förderbedürftiger Kinder, die mangelhafte Zeit für die pädagogische Arbeit mit einzelnen Kindern, die unzureichende gesellschaftliche Anerkennung, die sich besonders in der Bezahlung ausdrückt, das nicht erwachsenengerechte Mobiliar und der Lärm. Sie führen in Kombination zur Mehrfachbelastung von Erzieherinnen und Erziehern.

Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation beziehen sich in erster Linie auf die Arbeitsgestaltung. Das größte Potenzial liegt in der gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, sozialen Interaktionen und Arbeitsumgebung. Dabei sind Besonderheiten in Krippe, Kindergarten, Hort, Ganztagsschule, Heim und in der Tagespflege zu beachten. 

Professor Bernd Rudow

Der Autor war bis zu seiner Emeritierung 2013 Professor für Arbeitswissenschaften an der Hochschule Merseburg.

Text zum Buchcover
Der Artikel stellt eine knappe Zusammenfassung des Kapitels zu Belastungen im Beruf der Erzieherin und des Erziehers aus dem neuen Fach- und Lehrbuch „Beruf Erzieherin/Erzieher – mehr als Spielen und Basteln“ von Prof. Dr. Bernd Rudow dar. Er betrachtet auf Grundlage empirischer Studien, die von ihm seit 2001 überwiegend in Zusammenarbeit mit der Max-Traeger-Stiftung der GEW durchgeführt worden sind, vorrangig die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in Kita und Ganztagsschule. Hauptkapitel sind (1) die Darstellung der Komplexität der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern, (2) Belastungen und Beanspruchung, (3) die Gestaltung guter und gesunder Arbeit, (4) Maßnahmen zur Förderung der Arbeitsfähigkeit und Gesundheit und (5) die Ressourcen als „schöne“ Seiten des Berufs.

Bernd Rudow: Beruf Erzieherin/Erzieher – mehr als Spielen und Basteln. Arbeits- und organisationspsychologische Aspekte. Münster & New York: Waxmann Verlag 2017, 365 Seiten, 38 Euro

100 Millionen Euro für Kitas

Von der neuen Landesregierung fordert die GEW, nach der Landtagswahl im Oktober 2018 ein „Sofortprogramm für gute Bildung“ aufzulegen. Im Bereich der frühen Bildung fordert die GEW, jährlich 100 Millionen Euro zusätzlich bereitzustellen, um die Fachkraft-Kind-Relationen zu verbessern. Damit könnten in einem ersten Schritt 3.500 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher eingestellt werden.