Frühe Bildung

2019: Zum Koalitionsvertrag in Hessen

„Wenn Symbole Konzepte ersetzen, bleibt die Sache auf der Strecke.“

Der Koalitionsvertrag enthält viel Richtiges, zum Beispiel zum Wesen der Demokratie:

„Wenn das Vortragen der eigenen Position zum Ritual wird, wird Politik zur Qual. Wenn Symbole Konzepte ersetzen, bleibt die Sache auf der Strecke.“ (S.7)

In Sachen Bildung bleibt allerdings vieles symbolisch, auch bei der Frühen Bildung. Zwar werden die dringendsten Probleme benannt, die dafür vorgeschlagenen Lösungswege sind jedoch weder neu, noch greifen sie die zahlreichen Vorschläge der Profis im Bildungswesen auf. Ein Beispiel: Zur Sprachförderung in Kitas will die Koalition „das auf Kiss 3 weiterentwickelte Sprachscreening für alle Kinder (…) verbindlich einführen und mit einem Förderkonzept versehen“. Die breit von der Fachwelt vorgetragene Kritik an dem alle Kinder im Alter von vier Jahren erfassenden Screening und seinem defizitorientierten Ansatz ist den Koalitionären offensichtlich unbekannt.

Die Bundesmittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ sollen durch das Land verdoppelt werden. Damit will die Koalition insbesondere „die Plätze im Ganztag ausbauen (…) und weitere Schritte in Richtung Beitragsfreiheit gehen“ (S.8). Der für gute Arbeitsbedingungen und Bildungsqualität in den Einrichtungen dringend erforderlichen Verbesserung des Personalschlüssels, die die GEW in ihrem „Sofortprogramm für Bildung“ eingefordert hatte, trägt der Koalitionsvertrag lediglich mit einer „Verbesserung der Personalausstattung der Kitas unter Berücksichtigung der spezifischen Herausforderungen der Einrichtungen“ Rechnung (S.13). Übersetzt heißt dies wohl: Zu selten und zu wenig!

Dass in den Kindertageseinrichtungen Fachkräfte fehlen, ist den Regierungsparteien bekannt. Sie wollen deshalb prüfen, ob man die Ausbildung „straffen“, eine duale Ausbildung ermöglichen und Praxiszeiten „angemessen entlohnen“ kann. Über Freiwilligendienste will die Koalition „junge Menschen für die Tätigkeit im Bereich der Kinderbetreuung begeistern“ und durch eine „angemessene Ausbildungsvergütung“ auch „mehr Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger“ für den Beruf gewinnen. Ob diese Maßnahmen ausreichen werden, bleibt abzuwarten. Die vorgesehene Anrechnung von Auszubildenden auf den Fachkraftschlüssel sieht die GEW sehr kritisch, zumal bei einer neuen dualen Ausbildung auf die Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen erhebliche Zusatzbelastungen zukommen, wenn sie die Verantwortung für die Praxisanleitung der Auszubildenden schultern müssen.

Durch Fortbildungen, Supervision und Coaching will die Koalition den „Teamgedanken in den Kitas stärken“. Vordringlich wäre die Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Senkung der Gruppengrößen und eine höhere Eingruppierung der Fachkräfte. Hierfür müsste das Land den Kommunen in Hessen mehr Mittel zur Verfügung stellen.

Die Koalitionsregierung will zukünftig „verstärkt prüfen, dass der Bildungs- und Erziehungsplan zielgerichtet umgesetzt wird“. Doch der droht ohne Maßnahmen zur Anhebung der Qualität in der Kita auf der Strecke zu bleiben. Übrig bliebe das, was in der Überschrift des Kapitels zur Frühen Bildung steht: „Verlässliche Betreuung unserer Kinder“. Das war wenigstens ehrlich!

Karola Stötzel

Karola Stötzel ist stellvertretende Landesvorsitzende der GEW und Referentin für sozialpädagogische Berufe.