Bouffier will Ausbildung der Erzieher_innen verkürzen

GEW widerspricht

In Hessen fehlen Fachkräfte – für die von der GEW geforderte Fachkraft-Kind-Relation (1:3 für die unter Dreijährigen, 1:8 für die Altersgruppe bis sechs Jahre und 1:10 für die  Hortbetreuung) sind dies 7.500 Fachkräfte,  so neuere wissenschaftliche Studien. Es fehlt aber auch an guten Arbeitsbedingungen und guten Ausbildungsbedingungen.

Bei einem Kita-Besuch in Bad Vilbel (Wetterau) sagte der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Volker Bouffier: "Wenn wir Lehrer in sechs Semestern zu einem Abschluss bringen, dann müsste das vielleicht auch für Erzieherinnen gelingen.“ Das sei eine Debatte Wert.*1 Auf dem DGB-Kongress in diesem Frühjahr wurde ein Antrag eingebracht, der eine duale Ausbildung auch für Erzieherinnen und Erzieher unter Einbezug in das Berufsbildungsgesetz (BBIG) fordert.  Wie wichtig eine gute, fundierte Ausbildung ist, wissen alle die, die in der Fach-Praxis jeden Tag ihre Frau oder ihren Mann stehen. Ist nun eine mit dieser Forderung einhergehende einfache Verkürzung der Ausbildung an den Schulen für Sozialpädagogik die Lösung? 

Die Fachschulen für Sozialpädagogik stammen aus den 70iger Jahren, als es darum ging, den Beruf zu professionalisieren – weg vom „Kindergarten-Tanten-Image“ und weg vom „die spielen ja nur“- Bild, das damals herrschte. In dem damaligen Reformprozess wurden Fachhochschulen für Sozialpädagogik breit diskutiert. Dies scheiterte an den Zugangsvoraussetzungen für die Fachhochschulen, die mindestens ein Fachabitur verlangen.  Als Kompromiss aus der Diskussion erfand man die Fachschulen für Sozialpädagogik. Allerdings um den Preis, dass der Ausbildung zu staatlich anerkannten Erzieher*innen eine zweijährige vollschulische Ausbildung zur Sozialassistenz vorgeschaltet wird. Und um den Preis, dass es 4 Jahre lang keinerlei Ausbildungsvergütung gibt, an einigen privaten Schulen sogar noch Schulgeld gezahlt werden muss und erst das Anerkennungsjahr Praxis und ein Praktikant*innen-Entgelt bringt. 

Der Modellversuch PIA (Praxisintegrierte Ausbildung) in Baden-Württemberg  zeigt, dass es mit dieser Ausbildungsform gelingt, bis zu 30% mehr Nachwuchskräfte  zu gewinnen, so die Evaluation des Modellversuchs.  Der Anteil der männlichen Absolventen sei gegenüber der herkömmlichen Ausbildung um 5 Prozent  leicht gestiegen. Besonders interessant sei die praxisintegrierte Ausbildung für Menschen, die einen eigenen Haushalt führen und zum Haushaltseinkommen beitragen müssen. Auch seien viele dabei, die bereits eine andere Berufsausbildung absolviert hätten. Bei PIA werden das Anerkennungsjahr und die zweijährige vollschulische Erzieher*innen-Ausbildung so aufgeteilt und miteinander verzahnt, dass eine Art duale Ausbildung entsteht, die auch vergütet wird. Die Ausbildung wird also nicht einfach „verkürzt“, wie dies Ministerpräsident Bouffier so flockig gefordert hat. Angesichts der Aufgaben, der Problemstellungen und der Verantwortung für die Entwicklung der Kinder ist dies nach Meinung der GEW auch nicht sinnvoll. 

Im Gegenteil wird seit der oben beschriebenen Reformdebatte die Ausbildung der Erzieher*innen auf Hochschulniveau diskutiert, was die GEW befürwortete. Im Laufe der Entwicklung der Bildungspläne der Bundesländer bis etwa 2010 legten verschiedene Universitäten Modellstudiengänge unter dem Stichwort „Frühe Bildung“ auf – so beispielsweise auch den der Kindheitspädagogik. Leider folgten der Hochschulausbildung aber nicht die besser eingruppierten Arbeitsplätze für Erzieher*innen. 
Dazu bedarf es offensichtlich einer grundsätzlichen, gesellschaftlichen Neubewertung und Anerkennung der pädagogischen Arbeit mit den jüngsten Kindern. In den EGO-Tarifrunden 2009 und 2015 haben Erzieher*innen einen guten Schritt in diese Richtung getan und die Öffentlichkeit für den Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Wert und materieller Bewertung der Arbeit sensibilisiert. Nun in der Fachkräfte-Not allerdings zu einer Verkürzung der Ausbildung zu greifen, würde bedeuten, den Beruf langfristig abzuwerten und abzuqualifizieren. 

Gut ist, dass die PIA´s bzw. deren Ausbildungsvergütung von den Gewerkschaften in der vergangenen Tarifrunde zum TVöD tariflich vereinbart worden sind. Diese Regelung des TVÖD für PIA´s  muss als Maßstab auch für nicht-tariflich gebundene Träger gelten. Allerdings steigen die Absolvent*innen dann im ersten Jahr nach der Ausbildung auch nicht mehr in die zweite Erfahrungsstufe ein, weil das Anerkennungsjahr als berufliches Praxisjahr fehlt. 

Im Modellversuch wurde die Arbeitswoche in zwei Praxistage und drei Fachschultage geteilt. Die Möglichkeit, die Erfahrungen in der Praxis direkt in der Fachschule reflektieren und bearbeiten zu können, wurde von den Teilnehmer*innen des Modellversuchs positiv bewertet. Diese Aufteilung brachte aber auch einen erhöhten Koordinierungsaufwand der Einrichtungen mit den Fachschulen einerseits und auch in den Einrichtungen selbst mit sich. Es werden andere Anforderungen an die Anleitung gestellt, es entsteht ein höherer Kommunikationsaufwand, um die PIA´s in den Arbeitsalltag einzubeziehen und ihre Beteiligung am Einrichtungsgeschehen sicher zu stellen. Um all dies zu gewährleisten, müssten in Hessen die Freistellungen der Leitungen deutlich angehoben werden, die Fachpraxisanleiter*innen entlastet werden. Bisher, so der Eindruck, ist dies jedoch nicht der Fall und die Anforderungen der neuen Ausbildungsform müssen von den Einrichtungen und ihren Teams irgendwie zusätzlich geschultert werden. 
Bessere Arbeitsbedingungen in den Kindereinrichtungen sind unabdingbar, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Eine Verkürzung der Ausbildungszeiten und die damit notwendig einhergehende Verschlechterung  der Ausbildung ist dagegen mit Sicherheit der falsche Weg.

*1 www.hessenschau.de/politik/bouffier-ueberrascht-mit-erzieher-vorschlagwww.hessenschau.de/politik/bouffier-ueberrascht-mit-erzieher-vorschlag, 
20.8.2018, 11:49