Wolfram Meyerhöfer: Der hessische Sozialindex

In Hessen werden im Schuljahr 2013/14 voraussichtlich 300 Lehrerstellen „über einen Sozialindex an die Schulen … verteilt, die im Landesvergleich unter besonders schwierigen sozialen Bedingungen arbeiten.“ Bei etwas über 50.000 Lehrerstellen ist das zwar nur ein Anteil von 0,6 Prozent, mit dem Sozialindex wird aber ein neues politisches Steuerungsinstrument etabliert, dessen Implikationen hier untersucht werden sollen.

Politische Implikationen des Sozialindex

Die Kultusministerin „unterstreicht“: „Mit diesem neu eingeführten Sozialindex schaffen wir einen Nachteilsausgleich für Schulen, die sich aufgrund ihres Umfelds bzw. ihrer Schülerschaft besonderen pädagogischen Herausforderungen stellen müssen. Also: Weg vom „Gießkannenprinzip“ und hin zu mehr individueller Förderung“. (ebenda, S. 2)

Es steht also die Frage, ob hier wirklich ein Nachteilsausgleich geschaffen wird, ob er jene Schulen betrifft, die sich besonderen pädagogischen Herausforderungen stellen müssen, ob vom Gießkannenprinzip weggegangen wird und ob individuelle Förderung geleistet wird.

Nichtmathematische Möglichkeiten der Umsetzung der politischen Implikationen

Es lassen sich viele Wege denken, die 300 Stellen sinnvoll im Sinne eines Nachteilsausgleichs zu verteilen, z.B.: 

  • Geht man von den 1.877 Schulen der Schulstatistik aus, so kann für etwa jede sechste Schule eine Stelle abfallen. Da man sich ohnehin vom „Gießkannenprinzip“ verabschieden will, ließen sich die Stellen grob auf jene Kreise verteilen, in denen man benachteiligte Schulen kennt. In den Kreisen könnten die Stellen „nach Gutsherrenart“ oder in Aushandlungsprozessen verteilt werden.
  • Ebenso wäre denkbar, dass Schulen sich mit Projektideen bewerben. Orientierung gäbe dabei der Katalog der „Gestaltungsmöglichkeiten“, der in der Ministeriums-Pressemitteilung aufgeführt ist. Auch hier könnte ein zentrales Gremium entscheiden oder aber die Antragsteller selbst finden sich zu einem Entscheidungsprozedere zusammen. Ebenso sind Priorisierungsprozeduren in Anlehnung an Bürgerhaushalte möglich.

Warum nutzt man ein mathematisches Verfahren für die Stellenverteilung?

Die von mir angedeuteten Verfahren haben eines gemeinsam: Sie zwingen diejenigen, die über die Stellenvergabe zu entscheiden haben, zu einem inhaltlichen Argument – zumindest nach innen. Entscheidet jemand „von oben“, so muss er Kriterien haben und sie eventuell offenlegen. Entscheiden die Betroffenen selbst, dann bedeutet dies, die Ideen des anderen als weniger sinnvoll, sein Leiden als weniger intensiv zu diskutieren als das Eigene. In diesem Prozess würde auch offensichtlich und diskutierbar, ob die 300 zusätzlichen Stellen eigentlich vom Bedarf her gedacht sind. (Die Notwendigkeit eines Index deutet bereits an, dass dies nicht der Fall ist.) Und es würde offensichtlich, dass die vermeintliche Individualisierung im Kern die Schaffung einer Konkurrenzstruktur ist.

Mit der Vorgabe eines Index – also einer mathematisierten Entscheidungsprozedur – wird dieser schmerzhafte Prozess nun auf geradezu wundersame Weise vermieden. Wenn Sie solche Entschmerzungsprozesse mit Ihren Schülern untersuchen möchten, dann empfehle ich Ihnen das Heft 4/2013 der Zeitschrift „Der Mathematikunterricht“ zu „Mathematischer Bildung als Staatsbürgerliche Erziehung“, wo viele anregende Beispiele der Mathematisierung des Menschlichen diskutiert werden.
Die geplante Einführung eines Sozialindex zeigt also, dass sowohl im politischen Raum als auch auf der Ebene der Betroffenen keine inhaltliche Auseinandersetzung damit stattfinden soll,

  • ob eine Schule eigentlich wirklich einen Nachteil hat oder sich nur als benachteiligt empfindet, ob also ggf. eine kollektive Fehlwahrnehmung vorliegt oder eben nicht;
  • ob eine Schule auf einem inhaltlich sinnvollen Weg der Bearbeitung einer Benachteiligung ist oder ob sie zusätzliche Mittel lediglich in Wirkungslosem verplempert.

Damit wird aber deutlich, dass es nicht um „individuelle Förderung“ von Schulen geht, sondern lediglich um eine neue Art der Gießkanne.

Nun muss man sich umgekehrt vor Augen halten, dass der Sozialindex lediglich die Fiktion erzeugt, dass man die Vergabe von Ressourcen schmerzfrei – vielleicht gar objektiv – hinbekommen könne. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob eine Schule einen inhaltlich sinnvollen Wege der Bearbeitung einer Benachteiligung geht, wird mit dem Index zwar vermieden, aber das heilt ja nicht das Problem, dass auf diese Weise Maßnahmen finanziert werden, die das zu bearbeitende Nachteilsproblem ggf. schlechter bearbeiten als dies an Schulen geschehen würde, welche leer ausgehen.

Die Frage wiederum, ob eine Schule einen Nachteil hat oder ob sie ihn nur verspürt, wird nicht vermieden, sondern nur verschoben: Irgendjemand muss ja die Entscheidung treffen, welche der vielen denkbaren Kennziffern für eine Nachteilsbestimmung herangezogen werden. Dabei ist im Grunde egal, ob man – wie beim hessischen Sozialindex – mit nur vier Kennziffern arbeitet und damit sehr gießkannenhaft, oder ob man mehr Kennziffern heranzieht. In jedem Fall muss jemand eine Wichtung zwischen den Kennziffern durchführen. Dieser Jemand trifft die zentralen inhaltlichen Entscheidungen des Prozederes. 

Die hessischen Entscheider

Wenn eine politische oder administrative Institution – hier also: die Ministerin und das Ministerium – eigene schmerzhafte Entscheidungen nicht treffen oder nicht rechtfertigen möchte, dann kann sie sich Autorität bei kulturellen Sympathie- oder Objektivitätsträgern leihen. Barack Obama setzt Shakira in seine Bildungskommission, ein Kultusministerium verpflichtet Professoren. So vermerkt die Präsentation des Kultusministeriums „Sozial indizierte Lehrerzuweisung“ (vom 21.2.2013) unter der Überschrift „Zuspruch durch Wissenschaft und Verwaltung“: „Zahlreiche fachliche Abstimmungen mit führenden Bildungsforschern“. Die Legitimation erfolgt also u.a. darüber, dass Autoritäten „Zuspruch“ spenden. Dabei muss „zahlreiche Arbeit“ geleistet werden und die Forscher müssen unbedingt auch „führend“ sein. Entsprechend werden zwar nicht ihre akademischen Titel angegeben, aber ihre Professorentitel. Die benannten Professoren haben den Index übrigens nicht selbst entwickelt. Er wurde von Hessischen Administratoren in Anlehnung an die Bertelsmannstiftung (!) und das DIPF entwickelt.

Bei Nutzung eines Index scheint ein weiterer Entscheider am Tisch zu sitzen, nämlich „die Mathematik“. Es wurde bereits gesagt, dass in der Index-Formel lediglich versteckt ist, dass „Jemand“ folgenreiche Entscheidungen getroffen hat. Man sollte sich jedoch auch vor Augen halten, dass hier vorausgesetzt wird, dass mit Hilfe der Mathematik eine soziale Frage beantwortet werden kann. Die Benachteiligung einer Schule wird in eine Zahl gegossen. Ob dies möglich ist, ist in sich keine wissenschaftlich beantwortbare Frage. Es ist eher eine Glaubensfrage im Sinne einer religiösen Überzeugung. Das klingt zunächst überspitzt. Wenn man aber – wofür hier nicht der Raum ist – durchdekliniert, warum man davon überzeugt ist, dass sich Benachteiligung in Form einer Zahl ausdrücken lässt, dann wird man bemerken, dass man schlussendlich an diese Möglichkeit glaubt – oder nicht. (Ich möchte nicht verschweigen, dass der Mathematikunterricht in dieser Sichtweise als eine Art religiöse Unterweisung erscheinen wird.)

Die hessischen Entscheidungen

Schauen wir uns also an, welche Entscheidungen bei der Festlegung des Sozialindex getroffen wurden. Worin besteht in Hessen die Benachteiligung einer Schule? In Klammern ist angegeben, mit welchem Anteil das Benachteiligungskriterium in den Index einbezogen wird:

  • Anteil der Zuwanderer unter den Schülerinnen und Schülern (28 Prozent)
  • Anteil der Wohnungen in Einfamilienhäusern (25 Prozent)
  • Anteil der SGB II-Empfänger (Hartz IV) an der Wohnbevölkerung (25 Prozent)
  • Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung (22 Prozent)

Als Nachteil gilt es also, wenn man Kinder von Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern, Zuwanderern und Leuten, die nicht in Einfamilienhäusern wohnen, beschulen muss.
 
Auch die Kriterien des Index sind offenbar unter Orientierung auf Widerstandsminimierung gewählt worden. Man hätte sich statt dessen zum Beispiel an den Laeken-Indikatoren orientieren können, mit denen die EU „die zentralen Ursachenfelder für soziale Ausgrenzung“ erfasst. Das sind u.a. Armutsgefährdungsquote, Ungleichheit der Einkommensverteilung, Quote der dauerhaften Armutsgefährdung, Streuung der regionalen Beschäftigungsquoten, Langzeitarbeitslosenquote und Anteil der Personen mit niedrigem Bildungsstand. Diese Daten werden ohnehin erhoben. (P. Krause, D. Ritz: EU-Indikatoren zur sozialen Inklusion in Deutschland. Vierteljahresh. zur Wirtschaftsforschg. 75 (2006), 1, S. 152–173)

Im Gegensatz zu solchen komplexen statistischen Konstrukten bilden die gewählten vier Indikatoren jedoch unmittelbar das allgemeine Vorurteil über „benachteiligte Schulen“ ab: Die Kinder der Zuwanderer, der Hartz-IV-Empfänger und der Arbeitslosen benachteiligen jene Schulen, die sie aufnehmen müssen. Der „Anteil der Wohnungen in Einfamilienhäusern“ erscheint im Vergleich zu diesen Annahmen geradezu als hochkreativer Indikator.

Ich möchte hier nicht die Sinnhaftigkeit der gewählten Indikatoren diskutieren. Man könnte dazu fragen, ob das Kind des kanadischen Professors oder des indischen Bankers wirklich eine Migrationsbenachteiligung begründet und ob die Arbeitslosenquoten in Gegenden, in denen gerade eine große Forschungsabteilung geschlossen wurde, wirklich ein guter Indikator ist. Hierbei ist aber der Prozess der Entscheidung für einen Indikator relevanter als das Ergebnis, denn im Prozess könnte man erkennen, dass es prinzipiell unmöglich ist, einen „gerechten“ Index zu konstruieren. Nach Festlegung der Indexierung ist die Sinnhaftigkeit der Indexelemente und die notwendige implizite Ungerechtigkeit für die Betroffenen nicht mehr diskutierbar – und genau das scheint das Ziel der Indexierung zu sein.

Ein ebensolches „Milchmädchenverfahren“ wurde für die Festlegung der Gewichtungen der Indexelemente gewählt. Man fragt sich ja, warum der Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung mit 22 % gewichtet ist und nicht z.B. mit 26%. „Die Auswirkungen der einzelnen Sozialindikatoren auf die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler einer Gemeinde, einer Region werden durch eine Korrelationsanalyse bestimmt.“ (Elmar Diegelmann, Dr. Gerd Jungblut, Wolfgang Söder: Zur Begründung des Sozialindex“, unveröff. Papier, wahrscheinlich HKM 2012)

Das heißt, dass man irgendeinen Leistungstest nimmt, dann korreliert man die Daten des Leistungstests mit den Indikatorelementen. Die Korrelationen werden in „Benachteiligungshöhen“ umgerechnet – was an Zahlenmystizismus grenzt. Korrelationen  beschreiben einen Zusammenhang, aber keinen Wirkmechanismus. Das bekannteste Beispiel ist die historisch wirklich vorhandene Korrelation der Anzahl von gesichteten Störchen mit der Anzahl von geborenen Kindern. Man kann aus dieser Korrelation mit dem Hessischen Sozialindex-Verfahren errechnen, wie viele Kinder jeder Storch bringt. Ein solches Verfahren ist nicht sinnvoll zu begründen – es sei denn man sagt: Irgendwie muss man es ja machen! Mit einer Theorie von „Vielfalt als Bereicherung“ würde man ja z.B. einen hohen Zuwandereranteil als positiv soziale Bedingung der Schule deuten. Wenn man nun eine Korrelation findet, nach der ein hoher Zuwandereranteil mit einer schlechten Testleistung korreliert, dann könnte man das so deuten, dass der Test das Falsche misst oder dass die Schulen die positiven sozialen Bedingungen kontraproduktiv nutzen.

Mir scheint, dass gerade die Beliebigkeit des Hessischen Verfahrens dafür sorgt, dass man über den Index kaum streiten kann. Allerdings würde ich – wenn man schon jede inhaltliche Debatte vermeiden will – ein faireres und transparenteres Verfahren vorschlagen, nämlich ein Losverfahren. Dabei werden nichtbenachteiligte Schulen gebeten werden, sich nicht für das Verfahren zu bewerben.

Wie weit darf die Institution Schule gehen?

Vielleicht bin ich überempfindlich, aber die Selbstverständlichkeit, mit der der Staat hier einmal mehr Methoden von Auskunfteien und Finanzsyndikaten übernimmt, besorgt mich. Der Sozialindex wird für jeden einzelnen Schüler berechnet, dann wird der Mittelwert über alle Schüler einer Schule berechnet, das ist der Sozialindex der Schule (ebenda, S.1). Einem schlecht indexierten Schüler würde eine Bank einen Kredit verweigern, weil er „aus einer schlechten Gegend“ kommt.
Dass die Schule nun umgekehrt einen Nachteilsausgleich für diesen Schüler bekommt, stellt eine positive Diskriminierung dar. Allerdings ist die staatliche Zwangsindexierung des Schülers strukturell etwas anderes als die im Grundsatz freiwillige Indexierung desselben Schülers, wenn er einen Kredit beantragt.
Im Grunde reiht der Index sich ein in die Kultur der Einschnürung der Beteiligten in ADHS-, IQ-, LRS-, Dyskalkulie-, PISA-, IQB-Werte. Unter der Fahne des Guten wird hier der Glaube zelebriert, die Vermessung des Menschen brächte mit dem Heil des sterilisierten Schülers die Erfüllung der pädagogischen Menschenformungs- und wirtschaftlichen Menschenverwertungsträume.
 
Zusammenfassend lässt sich konstatieren:
Mit dem Sozialindex erfolgt keine Abkehr von der Gießkanne, sondern es wird eine neue Gießkanne etabliert. 
Es findet keine individuelle Förderung von Schulen statt, die „Individualität“ der Schulen wird bei der Mittelzuweisung gerade explizit außen vor gelassen.
Man verzichtet auf eine Berücksichtigung jeglicher inhaltlicher Aspekte der schulischen Arbeit vor Ort.
Der Index verfolgt das Ziel, die Mittelvergabe unter Umgehung von inhaltlichen Konflikten zu mechanisieren.
Die Auswahl der Indikatoren zeigt, dass die Institution Schule die Kinder von Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern, Zuwanderern und Leuten, die nicht in Einfamilienhäusern wohnen, als Nachteil konstruiert.
Der Index ist entlang von bereit geteilten Vorurteilen konstruiert und somit widerstandminimiert, im Grunde aber beliebig.
Der Index vertieft die Ausrichtung der Institution Schule an Menschenmesserideologie.