Sozialindex: Schön wär‘s!

HLZ Juni 2013

In einem Interview mit der Offenbach Post erläuterte Kultusministerin Nicola Beer (FDP) am 14. Februar ihre Absicht, „Schulen in sozialen Brennpunkten anhand entsprechender Indikatoren einen Zuschlag von bis zu maximal zehn Prozent auf die Unterrichtsversorgung zuzuweisen“ und dafür rund 300 Lehrerstellen zur Verfügung zu stellen:
 
„Es wird mehr Lehrer geben – und die Probleme an den Schulen mit Seiteneinsteigern und Migrantenkindern werden sich im neuen Schuljahr wesentlich verringern. (...) Schulen, die unter den Sozialindex fallen, können dann zum Beispiel auch Sozialpädagogen oder Psychologen einstellen. (...) Dabei gilt grundsätzlich: Wir können von Wiesbaden aus nicht alles regeln. Die Schulen müssen individuell reagieren.“
 
Wie wird zugewiesen?
 
Der Sozialindex beschreibt das soziale Umfeld einer Schule anhand von vier Indikatoren (1). Drei Indikatoren beziehen sich auf die Gemeinde oder Stadt, in der die Schülerinnen und Schüler einer Schule wohnen:

  • der Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung
  • der Anteil der SGB II-Empfänger (Hartz IV) an der Wohnbevölkerung
  • der Anteil der Einfamilienhäuser an der Gesamtzahl der Wohnungen 

Auf der Grundlage dieser auf eine Stadt oder Gemeinde bezogenen Daten sind beispielsweise für Frankfurt 101 Stellen und für Offenbach 75 Stellen vorgesehen. Für die Verteilung der Stellen auf die einzelnen Schulen wird ein weiterer schulbezogener Indikator herangezogen, nämlich der Anteil der Schülerinnen und Schüler, deren „Familiensprache“ nicht Deutsch ist.

Für den Sozialindex werden die Zahlen des Statistischen Landesamts für das Kalenderjahr 2012 verwendet, für den Wohnort und die „Familiensprache“ der Schülerinnen und Schüler die Lehrer- und Schülerdatenbank (LUSD) für das Schuljahr 2012/13. Die Zuweisung wird auf drei Jahre festgelegt, um den Schulen eine größere Planungssicherheit zu geben. Der maximale Zuschlag beträgt 10 Prozent der Grundunterrichtsversorgung.
 
Steinbruch Sozialindex
 
„Mit diesem neu eingeführten Sozialindex schaffen wir einen Nachteilsausgleich für Schulen, die sich aufgrund ihres Umfelds bzw. ihrer Schülerschaft besonderen pädagogischen Herausforderungen stellen müssen.“ So heißt es in der Pressemitteilung der Kultusministerin vom 6. Februar. Und so klingt es gut. Seit langem fordert die GEW, die Schulen im sozialen Brennpunkt bei der Lehrerzuweisung ausreichend zu versorgen. Doch wie sieht die Umsetzung aus?
Bei der Zuweisung des Zuschlags nach dem Sozialindex müssen 20 Prozent der Stunden, die die Schule für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) bekommt, „angerechnet“ werden. Bei kleineren Schulen kann diese Anrechnung den gesamten Zuschlag nach Sozialindex auffressen. Nehmen wir das Beispiel einer Sekundarstufenschule in Frankfurt mit 590 Schülerinnen und Schülern, von denen 90 Prozent einen Migrationshintergrund haben und 50 % mit einem Frankfurt-Pass als sozial bedürftig gelten. Aus dem Sozialindex wurden der Schule 37 Stunden zugewiesen.

Die 43 DaZ-Stunden wurden zu 20 Prozent angerechnet, so dass sich die Zuweisung nach dem Sozialindex um 9 Stunden auf 28 Stunden reduziert. Gleichzeitig wurde die Zuweisung von bisher 72 Stunden für zwei Intensivkurse für Seiteneinsteiger um 8 Stunden gekürzt, so dass von dem Zuschlag nach Sozialindex nur noch ein echtes Plus von 20 Stunden verbleibt, das heißt nicht einmal eine Stelle!

Eine weitere Schieflage ergibt sich aus der Tatsache, dass sich drei der vier Indikatoren auf die politische Gemeinde beziehen. Dort können 10.000 Menschen mit einer relativen sozialen Homogenität wohnen, aber auch 600.000 Menschen mit Schulen in wohlhabenden Vierteln und Schulen in abgehängten Problemvierteln. Eine Sekundarstufenschule in Offenbach mit 540 Schülern erhält 60 Stunden aus dem Sozialindex und damit deutlich mehr als die beschriebene Frankfurter Schule mit vergleichbarer Schülerzahl und -zusammensetzung, weil der Grundindexwert für Offenbach deutlich höher ist als für Frankfurt. 

Je kleiner eine Gemeinde ist, desto eher stimmt die Korrelation des Wertes mit der Situation vor Ort überein. Dass in der Großstadt Frankfurt alle Schulen in allen Stadtteilen bei der Berechnung des Anteils von Arbeitslosen, Hartz-IVEmpfängern und Einfamilienhäusern gleich behandelt werden, macht den Index zur Farce. Der Migrantenanteil liegt im Stadtteil Gallus mit 69,6 Prozent am höchsten, in Harheim beträgt er gerade 15,7 Prozent. Die Arbeitslosenquote schwankt zwischen 14 Prozent (Innenstadt) und 1,3 Prozent (Riedberg), der Anteil von SGB II-Bezugsempfängern bewegt sich zwischen 26,8 Prozent in Zeilsheim-Nord und 0,9 Prozent am Riedberg (1). Auf der Basis der Durchschnittsparameter für ganz Frankfurt zuzuweisen und die Stadtteilzahlen zu ignorieren, macht aus dem Sozialindex einen Unsozialindex.

Eine weitere Schieflage dokumentiert die Verteilung auf die Schulformen: Den Löwenanteil von 68 Stellen nach dem Sozialindex erhalten die Grundschulen, gefolgt von den Gymnasien (!) mit 41 Stellen, obwohl diese nicht dafür bekannt sind, ihre Türen für Schülerinnen und Schüler aus sozial prekären Verhältnissen besonders weit zu öffnen. Aber wenn der Anteil der Migranten (vorzugsweise aus bildungsnahen Elternhäusern) hoch ist und es in der Stadt insgesamt (vorzugsweise anderswo) viele Arbeitslose, Hartz-IVEmpfänger und Hochhaussiedlungen gibt, dann landet der Zuschlag eben auch bei den Gymnasien.

Was für Frankfurt gilt, dürfte tendenziell auch für alle anderen größeren hessischen Städte gelten. Deshalb haben GEW und Hauptpersonalrat recht, wenn sie statt 300 mindestens 2.000 Stellen für schulische Brennpunkte fordern, ebenso die Beteiligung der Schulämter und Gesamtpersonalräte an der Verteilung.

Christoph Baumann, Harald Freiling

(1) Alle Zahlen und Daten beziehen sich auf den Informationsstand der Autoren am 15. Mai 2013.
(2) Alle Zahlen aus: Monitoring 2011 – zur sozialen Segregation und Benachteiligung in Frankfurt am Main, hrsg. vom Dezernat Soziales, Senioren, Jugend und Recht