Nachteile ausgleichen | Zur sozial indizierten Lehrerzuweisung in Hessen

HLZ Juli-August 2013

In dem Beitrag in der HLZ 6/2013 zur neuen sozial indizidierten Lehrerzuweisung ("Sozialindex: Schön wär‘s!") wird der Begriff „Unsozialindex“ verwendet. Dieser Begriff ist unzutreffend. Bei der üblichen regionalen Verteilung der 300 Stellen nach der Grundunterrichtsversorgung würde zum Beispiel die Bildungsregion Frankfurt nur rund 30 Stellen und Kassel-Stadt nur 13 Stellen erhalten.

Durch die sozial indizierte Lehrerzuweisung erhält Frankfurt jedoch 104 und Kassel-Stadt 32 Stellen für den Nachteilsausgleich.

Nach der bisherigen Berechnungsmethode des Sozialindexes, die sich auf Sozialdaten der Wohngemeinden sowie den schulformspezifischen Zuwandereranteil der Schülerinnen und Schüler bezieht, variiert der Sozialindex beispielsweise der Frankfurter Schulen von -191 bis +19 und bildet damit schon jetzt die geforderte Differenzierung ab. Wenn von Seiten der GEW die Einbeziehung von stadtteilbezogenen Daten gefordert wird, so ist das ganz in unserem Sinne. Wir würden es sehr begrüßen, wenn die GEW die Pflege dieser Daten in der LUSD unterstützen würde. Der folgende Beitrag soll die Konstruktion des Sozialindexes transparent machen.

Wozu dient der Sozialindex?

Wer Hessen mit dem Auto durchquert, sei es in Nord-Süd- oder in Ost-West-Richtung und irgendwann die Skyline von Frankfurt vor sich auftauchen sieht, nachdem er gerade noch Felder, Wälder und Wiesen mit kleinen, manchmal scheinbar menschenleeren Dörfern durchstreift hat, bekommt einen nachhaltigen Eindruck von der Heterogenität dieses Landes.

Wie heterogen sind die sozialen Verhältnisse in Hessen? Und haben sie – nach vielen Reformansätzen im Schulbereich, die mit dem Ziel begründet wurden, die Bildungschancen insbesondere der sozial Benachteiligten zu verbessern – noch einen Einfluss auf die Leistungsergebnisse hessischer Schülerinnen und Schüler? Trifft auch auf das „Bildungsland Hessen“ die Kritik der OECD am deutschen Schulwesen zu, dass im Verlauf der Schulzeit soziale Ungleichheit eher verstärkt als abgebaut wird?

Dies wäre ein massiver Vorwurf gegenüber unserem Schulwesen und trifft die im Schulbereich Verantwortlichen umso härter, als er konträr zu ihrem pädagogischen Selbstverständnis steht. In der Substanz geht es hierbei um nicht mehr und nicht weniger als die Verwirklichung des Gleichheitsgrundsatzes unseres Grundgesetzes in den Schulen. Es ist daher eine genuine und äußerst wichtige pädagogische Aufgabe von Schule, vorhandene soziale Benachteiligungen beziehungsweise den „sozialen Effekt“ auszugleichen.

Wie können die unterschiedlichen sozialen Ausgangslagen hessischer Schulen erfasst und dargestellt werden? Und hat der soziale Kontext Einfluss auf die schulischen Ergebnisse? Können Schulen diesen Einflüssen entgegenwirken? Unter diesen Aspekten haben wir uns in den letzten Jahren mit der Konstruktion eines Sozialindexes für die Schulformen der Schulen befasst. Dabei wollten wir nur auf Daten zurückgreifen, die bereits erfasst worden sind, um nicht zusätzlichen Erhebungs- und Verwaltungsaufwand zu erzeugen. Deshalb verwenden wir die vom Hessischen Statistischen Landesamt jährlich veröffentlichten Sozialdaten der 426 Gemeinden sowie die aktuellen Zuwandererdaten für jede Schulform der Schulen nach der Lehrer- und Schülerdatenbank (LUSD).

Wie errechnet sich der Sozialindex?

Durch den Sozialindex soll für jede Schulform der Schulen eine Zahl zur Bestimmung des sozialen Umfelds ihrer Schülerinnen und Schüler zugeordnet werden. Hierzu verwenden wir folgende Merkmale:

  • Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung (1)
  • Anteil der SGB II-Empfänger (Hartz IV) an der Wohnbevölkerung (1)
  • Anteil der Wohnungen in Einfamilienhäusern (1)
  • Anteil der Zuwanderer unter den Schülerinnen und Schülern (2) 

Auch in Nordrhein-Westfalen wird der Sozialindex auf der Basis dieser vier soziodemographischen Merkmale Arbeitslosenquote, Sozialhilfequote, Migrantenquote und Quote an  Wohnungen in Einfamilienhäusern ermittelt. Durch den Einfluss dieser Sozialindikatoren auf die Leistungsergebnisse (Korrelationen) werden ihre Gewichtungen bei der Berechnung des Sozialindexes wie folgt vorgenommen:

  • Anteil der Zuwanderer unter den Schülerinnen und Schüler: 28 Prozent
  • Anteil der SGB II-Empfänger (Hartz IV) an der Wohnbevölkerung: 25 Prozent
    Anteil der Wohnungen in Einfamilienhäusern: 25 Prozent
    Anteil der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung: 22 Prozent. 

Jeder Schülerin und jedem Schüler wird der Sozialindikator-Index seines Wohnorts zugeordnet. Der Sozialindikator-Index einer Schulform und Schule wird dann durch den  Mittelwert der Sozialindikator-Indexe aller Schüler und Schülerinnen dieser Schulform und Schule bestimmt. Dieses Verfahren ist nur bei den auf Gemeindeebene erhobenen Sozialindikatoren und nicht für das auf Schulform bzw. Schule erhobene Merkmal Zuwandereranteil notwendig.

Der Sozialindex einer Schulform bzw. Schule wird dann durch den gewichteten Mittelwert der Sozialindikator-Indexe dieser Schule bzw. Schulform bestimmt. Die Gewichtungsfaktoren sind oben angegeben. Durch dieses Verfahren wird nach Schulformen differenziert. Bei einer kombinierten Grund-, Haupt- und Realschule wird deshalb der Sozialindex für jede Schulform einzeln ermittelt, da sich hierbei erhebliche Unterschiede ergeben können. Ein Herunterbrechen der  Sozialindikatoren von Gemeindeebene auf die Ebene der Ortsteile ist beabsichtigt. Hierzu bedarf es jedoch weiterer Angaben zum Wohn-Ortsteil der Schülerinnen und Schüler in der LUSD sowie der Unterstützung durch die großen Städte, da das Statistische Landesamt die Ortsteildaten nicht liefern kann.

Zum Kompensationsansatz

Um die sozialen Benachteiligungen von Schulen und ihrer Schülerinnen und Schüler kompensieren zu können, bedarf es eines Nachteilsausgleichs im Sinne der Überlegung, „dass Schulen, die durch eine für den Kompetenzerwerb ungünstige soziale Lage gekennzeichnet sind, einen Mehraufwand an Ressourcen haben, um die Bildungsbenachteiligung im Vergleich zu Schulen in privilegierten Ausgangslagen kompensieren und Chancengerechtigkeit gewährleisten zu können.“ (3)

Vor diesem Hintergrund hat die Hessische Landesregierung entschieden, dass mit Beginn des Schuljahres 2013/2014 300 Stellen mit Hilfe des Sozialindexes an Schulen, die im Landesvergleich unter schwierigen sozialen Bedingungen arbeiten, verteilt werden sollen (Presseerklärung des Hessischen Kultusministeriums vom 6.2.2013). Die am stärksten belasteten Schulformen der Schulen erhalten einen Zuschlag von 10 % der Grundunterrichtsversorgung unter Anrechnung von 20 % der für die Migrantenförderung zugewiesenen Stellen. Weniger belastete Schulen bzw. Schulformen (bis Indexwert -20) erhalten einen linear abnehmenden Zuschlag.

Berechnung der Stellen

Die am stärksten belasteten Schulen und Schulformen (Sozialindex -240) erhalten einen Zuschlag von 10 % ihrer Grundunterrichtsversorgung. Somit wird der Umfang des Grundunterrichts bei der Berechnung dieser Sonderzuweisung berücksichtigt. Allerdings werden 20 % der nachfolgend genannten Sonderzuweisungen aus der Migrantenförderung angerechnet, da das Sozialmerkmal „Zuwanderer“ bereits 28 % im Sozialindex enthalten ist: Deutsch als Zweitsprache, Deutsch-Fördermaßnahmen, Vorlaufkurse, Schule mit hohem Zuwanderungsanteil, Intensivkurse, weitere Zuweisungen zur Förderung für Kinder zugewanderter Eltern.

Unter Berücksichtigung der vorgenannten Fördermaßnahmen und der sozial indizierten Lehrerzuweisung erhalten 205 hessische Schulen einen Zuschlag von mindestens 10 % auf die Grundunterrichtsversorgung. Davon erhalten 30 Schulen einen Zuschlag von mehr als 20 % auf die Grundunterrichtsversorgung. Dies steigert sich bis zu einer zusätzlichen Zuweisung von 41 %.
Zur Evaluation der Maßnahme

Ziel der Maßnahme „Sozial indizierte Lehrerzuweisung“ ist, den Schülerinnen und Schülern an den sozial am stärksten belasteten Schulen im Sinne eines Nachteilsausgleichs durch verstärkten Ressourceneinsatz bessere Bildungschancen zu eröffnen und ihre Leistungsergebnisse zu verbessern. Im Sinne der pädagogischen Eigenverantwortung von Schulen ist die Entscheidung über einen effektiven Mitteleinsatz Aufgabe jeder einzelnen Schule im Rahmen der mit dem Staatlichen Schulamt getroffenen jährlichen Zielvereinbarungen. Da die Wahrnehmung der Fach- und Ressourcenverantwortung auch bei dieser Maßnahme ganzheitlich gestaltet werden sollte, kann von einer Rechenschaftspflicht der Schulen nicht Abstand genommen werden.

Die mit Hilfe der zusätzlich zugewiesenen Ressourcen geplanten Fördermaßnahmen sollten daher ein fester Bestandteil des jährlichen Schulentwicklungsgesprächs und der darauf aufbauenden Zielvereinbarungen zwischen Schule und Schulamt sein. Die Einführung der sozial indizierten Lehrerzuweisung hat in Politik und Öffentlichkeit eine breite Unterstützung erfahren, so auch auf einer GEW-Tagung der Landesfachgruppe Grundschulen in Frankfurt-Nied. Auch bei den bisher geführten Abstimmungsgesprächen mit Schulaufsicht und Schulleitungen erfolgte eine positive Rückmeldung. Nachfragen einzelner Schulen konnten geklärt werden.

Zur aktuellen Diskussion

Durch die sozial indizierte Lehrerzuweisung wird ein substantieller Ausgleich geschaffen: Frankfurt erhält zusätzlich 104, Offenbach-Stadt 54 und Kassel-Stadt 31 Stellen. Mit dieser sozial indizierten Lehrerzuweisung wird erstmals in Hessen der unterschiedlichen sozialen Belastung von Schulen Rechnung getragen. Dies ist ein vielversprechender Ansatz, der weiter ausgebaut werden sollte. Wie man angesichts dieser Sachverhalte von einem „Unsozialindex“ und einer „Farce“ (HLZ 6/2013, S. 34) sprechen kann, ist für uns nicht nachvollziehbar.

Jürgen Weiler, Referatsleiter im Hessischen Kultusministerium

(1) Bezugsquelle: Hessisches Statistisches Landesamt

(2) Bezugsquelle: Lehrer- und Schüler-Datei des HKM (LUSD)

(3) Entwurf des Ergebnisberichts einer Studie „Ressourcenorientierte Ressourcensteuerung für Schulen mit benachteiligter Schülerschaft“ – Bertelsmann-Stiftung und DIPF – Stand: 30. November 2012, S. 2