Leserbrief "Sozialindex. Schnöder Zynismus?"

HLZ September-Oktober 2013

In seinem Artikel beklagt der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer die Beliebigkeit und die mangelnde inhaltliche Fundierung der Vergabe von Lehrerstellen über einen Sozialindex, der die Anteile der Zuwanderer unter der Schülerschaft, der Wohnungen in Einfamilienhäusern sowie der Hartz-IVEmpfänger und der Arbeitslosen an der Wohnbevölkerung berücksichtigt.

Für ihn bilden diese Kriterien zudem „das allgemeine Vorurteil über ‚benachteiligte Schulen‘ ab“. Die kritische Begleitung der mathematischen Manöver und Nebelkerzen der hessischen Schulpolitik zumal von kompetenter Seite, wie sie Wolfram Meyerhöfer zweifelsohne darstellt, ist wichtig und prinzipiell zu begrüßen.
Jedoch kann ich als Lehrerin an einem Wiesbadener innerstädtischen Gymnasium mit in vielfacher Hinsicht heterogener Schülerschaft, für die die im gleichen Heft von Jürgen Weiler dargestellte „sozial indizierte Lehrerzuweisung“ besondere Chancen bietet, Meyerhöfers Kritik nicht unkommentiert lassen. So hätte Meyerhöfer fairerweise erwähnen müssen, dass die eingangs genannten Kriterien durchaus wissenschaftlich bestätigt sind und auch in anderen Bundesländern verwendet werden, weshalb sie keineswegs so willkürlich gewählt sind, wie er behauptet. Zudem dürften eben diese Kriterien letztlich auch den von ihm präferierten Laeken-Indikatoren wie z. B. Armutsgefährdungs- und Langzeitarbeitslosenquote zugrunde liegen. Die hierbei von Meyerhöfer an verschiedenen Stellen erwähnte „Benachteiligung von Schulen“ ist zudem ungenau, denn nicht primär die Schulen sind benachteiligt, sondern vielmehr die betroffenen Schülerinnen und Schüler, was auch kein Vorurteil, sondern wissenschaftlich belegte Realität in Deutschland ist.

Aufgrund meiner Erfahrungen würde  ich im Sinne von Jürgen Weiler eher von „Herausforderungen dieser Schulen“ sprechen. Meiner Erfahrung nach können diese z. B. darin bestehen, die Textaufgaben eines Mathematiklehrbuchs für Lernende mit Deutsch als Zweitsprache sprachlich zu entschärfen oder als Klassenlehrerin Schülerinnen, Schüler und Eltern aus englischsprachigen Ländern in die dort weitgehend unbekannte Heftführung einzuführen. Meyerhöfers Unterscheidung zwischen dem Kind „des kanadischen Professors oder des indischen Bankers“ und den übrigen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ist viel zu simplifizierend.

Seine Vorstellung der Vergabe der Stellen über die Entwicklung von „Projektideen“ ist ebenso nicht zielführend: Integration und Chancengleichheit sind nicht nur „Projektvorhaben“, sondern erfordern in erster Linie tägliches, den Erziehungsprozess begleitendes und sehr schüler-, lerngruppen- und auch schulspezifisches Engagement. Zu Recht verweist Jürgen Weiler in diesem Zusammenhang auf die Eigenverantwortung der Schulen bei der pädagogischen Ausgestaltung. Aus Sicht der betroffenen Schülerinnen und Schüler und der Schulen, die sie ausbilden, ist die Maßnahme richtig. Mit Blick auf den wünschenswerten nachhaltigen Erfolg ist es viel wichtiger, zu diskutieren, ob die 300 Stellen ausreichen und wie man die Kollegien durch passende Fortbildungsangebote unterstützen kann, statt über noch elaboriertere Indizes oder gar ein schnödes „Losverfahren“, das der Mathematiker Meyerhöfer für ein probates Mittel hält – falls es sich hierbei nicht schlicht um Zynismus handeln sollte.

Meike Knappe-Maas, Wiesbaden