Leserbrief "Meyerhöfer kritisiert Sozialindex. Blanker Hohn"

HLZ September-Oktober 2013

Vorab: Auch ein „Sozialindex“ kann soziale Ungleichheit und deren Folgen für die schulische Bildung von Kindern und Jugendlichen nicht nivellieren.

Er kann jedoch die Bemühungen der Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in ihrer täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unterstützen: bei der Förderung elementarer sprachlicher Voraussetzungen, bei der Vermittlung von differenzierten  Umwelterfahrungen und positiven sozialen Erfahrungen, bei persönlicher Zuwendung und individueller Lernförderung, grundsätzlich bei dem Bemühen, Bildungserfahrungen zu ermöglichen, die einem Teil der Schülerinnen und Schüler ansonsten versagt bleiben.

Vor dem Hintergrund empörender Ungleichheit hinsichtlich der Bildungsund Ausbildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Wolfram Meyerhöfer in seiner Kritik des hessischen Sozialindexes von „gefühlter Benachteiligung“ spricht. Dass ein solcher „Nachteilsausgleich“ lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, ist gewiss allen Verantwortlichen bewusst. Richtig ist es auch, die Kriterien für die Zuweisung zu hinterfragen und regelmäßig zu überprüfen. So ist die Anrechnung der DaZ-Stunden sozial ungerecht, führt sie doch im Einzelfall dazu, dass ein Gymnasium mit wenig DaZ-Stunden und wenig Sprachförderbedarf eine höhere Zuweisung nach dem Sozialindex erhält als eine Grundschule mit hohem Migrantenanteil und hohem Sprachförderbedarf.

Trotzdem halte ich diesen korrigierbaren Fehler im hessischen Konzept für eine Marginalie im Vergleich zu den Überlegungen Meyerhöfers, wie „Alternativen“ zum hessischen Sozialindex aussehen könnten. So könne man den Zuschlag grob auf die Kreise verteilen, „in denen man benachteiligte Schulen kennt“. Wer ist „man“ und was bedeutet „kennen“? Für besser als das neue hessische Verfahren hält Meyerhöfer ernsthaft (?) die Verteilung „nach Gutsherrenart“ oder „in Aushandlungsprozessen“.

Wer handelt da mit wem nach welchen Kriterien und mit welchem Durchsetzungsvermögen etwas aus?
Der Vorschlag, Schulen sollten sich mit „Projektideen“ bewerben, ist genauso wenig hilfreich, da er für die Schulen erheblichen bürokratischen Aufwand mit sich brächte, ohne verlässliche Aussicht, dass die Ideen auch einen Zuschlag erhalten. Aberwitzig ist auch die Vorstellung, dass sich die Antragsteller „zu einem Entscheidungsprozedere“ zusammenfinden. Schulen und Lehrkräfte brauchen dringend Zeit für die Arbeit mit Kindern, nicht für noch mehr aufwändige Gremienarbeit, Papierfluten und Kommissionen. Und auf welcher Ebene sollten sich die Antragsteller verständigen: kreisweit, stadtweit, schulamtsbezogen, schulformbezogen?

Für „schmerzlich“, aber notwendig hält Meyerhöfer die Auseinandersetzung mit der Frage, „ob eine Schule eigentlich wirklich einen Nachteil hat oder sich nur als benachteiligt  mpfindet“. Für mich klingt dies wie blanker Hohn, genauso wie seine Kritik, Vielfalt werde möglicherweise an den Schulen nicht genügend als Chance und Vorteil genutzt. Sicher werden Schulen mehr oder weniger sinnvolle Wege des „Nachteilsausgleichs“ gehen. Aber kann dies ein Argument dafür sein, dass die Schulen, deren Wege irgendjemand für nicht so gut“ hält, leer ausgehen und mit ihren „besonderen pädagogischen Herausforderungen“ allein gelassen werden? Die bloße Vergabe zusätzlicher Mittel kann sicher nicht alle Probleme lösen, ist aber eine wesentliche Basis hierfür.

Und wer bitte soll denn entscheiden, ob eine Schule wirklich einen Nachteil hat oder ihn nur „empfindet“? Diese Frage schreit doch geradezu nach objektivierbaren Kriterien, die sicher in den nächsten Jahren noch verändert werden können und müssen. Entscheiden kann nur eine demokratisch legitimierte Regierung unter Beteiligung der regionalen Entscheidungsträger, insbesondere aller für schulische Belange zuständigen Mitbestimmungsgremien. Ob dann eine Gesamtzuweisung an die Schulämter erfolgt, die dann unter Beteiligung der Gesamtpersonalräte, der Elternvertretungen und Schulträger auf die Schulen verteilt wird, um die Unterschiede innerhalb der einzelnen Kommunen bzw. Stadtteile noch differenzierter zu berücksichtigen, oder ob das HKM die Verteilung an die Einzelschulen vornimmt und dabei vielleicht differenziertere Parameter verwendet, kann und muss man diskutieren.

Meyerhöfers Kritik an den hessischen Indikatoren ist wohlfeil, denn er selbst hält einen „gerechten“ Index für unmöglich. Aber warum soll man dann nicht wenigstens um eine „bestmögliche bestmögliche“ Indexierung ringen, die ja nicht auf ewig festgeschrieben werden muss. Seine Kritik am „Zahlenmystizismus“ ist unfair und inhaltlich nicht haltbar, da grundsätzlich lediglich Korrelationen zwischen den Auswirkungen von Sozialindikatoren auf Lernergebnisse ermittelt und keine eindeutigen Wirkmechanismen beschrieben werden können. Sicher kann jede Lehrkraft Beispiele von „Wohlstandsverwahrlosung“ nennen und umgekehrt muss ein schwieriges soziales Umfeld im Einzelfall nicht zu schlechten schulischen Leistungen führen, aber Korrelationen zwischen beiden sind eben durchaus nachweisbar.

Gekrönt wird Meyerhöfers Kritik von dem Vorschlag für ein „Losverfahren“, das er für „fairer und transparenter“ hält als den hessischen Sozialindex. Weshalb es dann überhaupt eine sozial indizierte Zuweisung geben sollte und wie der Widerspruch, „nichtbenachteiligte Schulen zu bitten, sich nicht zu bewerben“, wo man doch gar nicht wissen kann, welche das sind, zu lösen ist, bleibt sein Geheimnis.

Judith Mohl, Mörfelden-Walldorf