Bildungseinrichtungen: Hormonell wirksame Substanzen

Ein heißes Thema

Aus: WLZ 2/2017

Natürliche Hormone sind im Körper zuständig für die Steuerung von Fortpflanzung, Entwicklung und Wachstum des Organismus, für den Stoffwechsel und für die Anpassung an die Umwelt.

Hormonell wirksame Chemikalien werden auch als endokrine Disruptoren (ED) bezeichnet (endokrin = das Hormonsystem betreffend, Disruptoren = Störenfriede). Sie können den Hormonabbau verzögern oder beschleunigen, die Hormonbildung hemmen oder aktivieren oder aber die körpereigenen Hormone verändern.
Das gesundheitliche Risiko, das von hormonell wirksamen Chemikalien ausgeht, ist seit 1960 durch Untersuchungsergebnisse über eine die gestörte Fortpflanzung bei Vögeln bekannt. Über Störungen der menschlichen Fortpflanzung durch Anomalien, durch Krebs, durch Abnahme der Spermienzahl und über
Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern wegen der Wirkungen solcher Substanzen ist berichtet worden (z. B. in der „ÄrzteZeitung“ vom 19.8.2015)

Zu den endokrinen Disruptoren zählen verschiedene Stoffgruppen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Auch hierzu einige Beispiele: PCB, PCP, Bisphenol A, Phthalate (Weichmacher), Alkylphenole, Dioxine, Furane, Flammschutzmittel, Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber, Arzneimittel.

Da mindestens 800 chemische Stoffe aus dem Alltag zu den endokrinen Disruptoren gehören und diese in das Hormonsystem eingreifen, können sie in sehr niedrigen Konzentrationen schwere Störungen im Stoffwechsel oder im Nerven-und Immunsystem einschließlich des Gehirns verursachen.

Bei manchen Kunststoffen ist auch eine Kombinationswirkung, wie z. B. mehrerer Phthalate = Weichmacher, möglich, mit der Folge, dass eine Wirkungsverstärkung auftritt. Chemikalien können daher zu epigenetischen
(Epigenetik ist die Wissenschaft von der Regulation der Genaktivität) Modifikationen mit bleibenden Veränderungen im Genexpressionsmuster führen, die auch über mehrere Generationen weitervererbt werden (Vererbung erworbener Eigenschaften).

Welche Stoffe finden wir nun in Schulen, Klassenräumen und Turnhallen? In relativ vielen Bodenbelägen, die meist aus PVC gefertigt werden, in Teppichen und in Linoleum mit Beschichtung gehören die Weichmacher mit
zu den Hauptverursachern hormonell wirksamer Belastungen.

Als Quelle solcher Belastungen sind weiterhin Tische und Schränke mit einer Kunststoffbeschichtung und auch Stoffvorhänge mit einer Flammschutzmittelbelastung denkbar. Aber auch die verwendeten Materialien, wie z. B. PCB, PCP, Farben und Deckenplatten, enthalten die hormonaktiven und toxischen Stoffe.

Es gibt jedoch Alternativen zum Einsatz aller dieser Stoffe!

Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass das Gütesiegel „Der Blaue Engel" keine Gewähr für eine gesundheitliche Unbedenklichkeit gibt. Weiter ist zu sagen, dass auch das Trinkwasser zunehmend mit
Medikamentenrückständen von Antibabypillen und Schmerzmitteln belastet ist. Chlor, Nitrate, PFT und Pestizide aus der konventionellen Landwirtschaft finden sich ebenso im Trinkwasser. Die Wasserwerke sind allerdings bemüht, vorgeschriebene Grenzwerte einzuhalten.

Weil es eine so große Zahl von wichtigen Umwelteinflüssen gibt, ist es schwierig bis fast unmöglich, korrekt zu beurteilen, welche Einflussnahme dem einzelnen Faktor zukommt. Es ist deshalb die erste Forderung, dass bei Neubau oder bei Sanierungen von Schulen oder von anderen Bildungseinrichtungen ausschließlich gift- und schadstofffreie Materialien verwendet werden! Der Kreisvorstand der GEW-Wiesbaden hat bereits 1992 (!!) in einem Antrag die damalige Landesregierung dazu aufgefordert! Das ist lange her! „Warten auf Godot“ ist der Titel eines nun auch schon älteren Theaterstücks.

Die Schulpersonalräte sollten daher folgende Schritte jeweils an ihrer Schule einleiten: 

  • - Gründung einer Gesundheits-AG an der Schule auf der Grundlage des Arbeitsschutzgesetzes („Arbeits-und Gesundheitsschutz an Schulen“, Leitfaden für PR&SL, Prof. Kohte und RA Faber)
  • - Örtliche Parteiorganisationen oder Ortsbeiräte sind aufzufordern, ein umfassendes Schadstoff-Kataster der im Ortsbezirk arbeitenden Bildungseinrichtungen erstellen zu lassen!
  • - Gegebenenfalls müssen Hausstaubproben untersucht werden!

Sinnvoll ist weiterhin das Anlegen eines Verbandbuches, wie es in jedem Unternehmen und in jeder Behörde vorhanden sein muss (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse, BG ETEM). Hier sollten auch kleine Verletzungen und ihre Behandlungen festgehalten werden, auch Tätigkeiten in belasteten Räumen wären zu verzeichnen. Denn aus vermeintlich harmlosen Verletzungen können sich ernsthafte Probleme, etwa bei einer Infektion, ergeben. In solchen Fällen ist es für die Einstufung als Arbeitsunfall sinnvoll, wenn die Verletzung von Anfang an dokumentiert ist.

Bei der Neubeschaffung von Möbeln oder anderen Einrichtungsgegenständen muss es sich ausschließlich um Produkte aus ökologisch einwandfreien Material handeln. Möbel können z. B. von der Wiesbadener Jugendwerkstatt anfertigt werden. Ebenso sind nur Wandfarben mit ökologischer Zertifizierung aufzubringen Elektromagnetische Felder im Klassenraum sind zu vermeiden Die Schadstoffeinbringung von außen ist zu
beschränken.

Menschen müssen nicht Krankheiten ertragen, damit ein bestimmtes Wirtschaftsmodell weiterbesteht, oder? 

Jürgen Jäger, Beratung zu Umwelt- und Schadstoffen

GEW Hessen