Selbstständiges Lernen

HLZ 11/2019: 50 Jahre IGS in Hessen

Unter den Konzepten zur zeitgemäßen Weiterentwicklung des Unterrichts wird die Individualisierung und Personalisierung des Lernens gerade besonders heiß diskutiert. Ein Ergebnis ist, dass an immer mehr Schulen Stunden eingerichtet werden, in denen Schülerinnen und Schüler „selbstgesteuert“, „selbstkontrolliert“ und dadurch motivierter und effizienter lernen sollen. Viele hessische Gesamtschulen sammeln Erfahrungen mit „Persönlichen Lernzeiten“, „Selbstorganisiertem Lernen“ oder „Individuellem Lernen“ und beurteilen die Erfolge sehr unterschiedlich. Auch bei einer Diskussionsveranstaltung der Landesfachgruppe Gesamtschule der GEW Hessen und der Bezirksfachgruppe Gesamtschule der GEW Nordhessen vor den Sommerferien in Kassel gingen die Meinungen der zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer weit auseinander. Ralph Wildner und Martin Gertenbach akzentuieren die unterschiedlichen Sichtweisen in einem Pro und Contra.

„Endlich Schule für mich!“

Zeitreise: „Wenn alles schläft und einer spricht, dann nennt man so was Unterricht.“ Viele von uns kennen das noch aus ihrer eigenen Schulzeit, erinnern sich an endlos langweilige Unterrichtsstunden mit Frontalberieselung. Viele von uns wurden Lehrerinnen oder Lehrer, um genau das zu ändern, um vieles anders und alles besser zu machen. Die Schülerinnen und Schüler, das Lernen an sich sollte befreit werden, welthaltiger, praxisnäher, relevanter werden. Selbsttätiges Entdecken, Erschließen und Erobern der Welt sollte an die Stelle abgestandener Lehrervorträge treten.

Seitdem hat sich vieles geändert: Das Wissen der Welt kann per Fingertipp auf den Touchscreen geholt werden. You-Tube-Tutorials vertiefen das Abiturwissen. Interaktive Lernprogramme geben schneller individuelle Rückmeldung, als jede Lehrkraft es könnte.

Die Lebenswelt der Kinder wandelt sich rasch, das schließt Veränderungen in der klassischen Familie und Nachbarschaft mit ein; vieles davon muss die Schule auffangen. Der Wunsch vieler Eltern nach der Ganztagsschule ist die logische Konsequenz davon. Ein Unterricht, der über den ganzen Tag verteilt ist, muss aber anders gestaltet werden als der an der „Halbtagsschule“, wenn er pädagogisch wertvoll sein soll. Ganztagsschule heißt eben nicht „den ganzen Tag Schule“! Der Unterricht wird rhythmisiert und phasiert. Belehrung, Anwendung, Spiel und Bewegung wechseln sich ab und ergänzen einander. Gleichzeitig erfordert die zunehmende Heterogenität der Lerngruppen vor allem in der Gesamtschule mehr innere Differenzierung.

Individuelle Lernzeiten sollen ein Schritt in diese Richtung werden. In einer Mischung aus fachkundig betreuter Hausaufgabenzeit und differenzierten Einzel- oder Gruppenaufgaben soll den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben werden, genau das zu bearbeiten, was sie am dringendsten brauchen, dort zu üben, wo sie den größten Bedarf sehen oder, wenn alles andere getan ist, ihre Kenntnisse da zu vertiefen, wo ihr Interesse geweckt worden ist. Das löst unter anderem auch das Hauptproblem der klassischen Hausaufgaben: Wer es im Unterricht schon kapiert hat, der verbessert sich durch langweilige Wiederholungen auch nicht, und wer es noch nicht kapiert hat, scheitert daran auch zu Hause. Dass die einen zu Hause Unterstützung erfahren, während die anderen oft nicht einmal einen Tisch zum Arbeiten haben, verschärft das Problem. In den Persönlichen Lernzeiten kann die fachkundige Fachlehrkraft individuell passende Aufgaben zuteilen, beraten, korrigieren, weiterhelfen. Digitale Medien können dabei das Lernen abwechslungsreicher, bunter und nachhaltiger machen.

Die Digitalisierung hat Schattenseiten, doch sie beschert uns auch die Erfahrung, dass Kinder am Computer unglaublich schnell lernen. Kann man dieses selbstmotivierte, hocheffiziente Lernen auch für die Schule fruchtbar machen? Kann man durch die Möglichkeit, den Unterricht wenigstens ein Stück weit selbst zu gestalten, für mehr Motivation zum Lernen sorgen?

Früher haben wir „we don´t need no education“ gesungen: Also was genau stört uns an Bestrebungen, mehr Freiheit und Selbststeuerung in die Schule hinein zu bringen? Damit individuelle Lernzeiten den Schülerinnen und Schülern helfen, ohne die Lehrkräfte über Gebühr zu belasten, müssen folgende Bedingungen erfüllt werden:

  • Es muss Raum geben, Unterrichtsinhalte zu vertiefen, zu wiederholen oder auch darüber hinauszugehen.
  • Es muss qualitativ hochwertiges Unterrichtsmaterial zur Verfügung stehen, das die Schülerinnen und Schüler anspricht, gerne mit Möglichkeit zur Selbstkontrolle, gerne auch multimedial. All das ist Mangelware und kann nicht von der einzelnen Lehrkraft erstellt werden.
  • Die Schülerinnen und Schüler müssen Fachlehrkräfte ansprechen können; bloße Beaufsichtigung durch Vertretungskräfte ist nicht zielführend. Nur dann könnnen Lernzeiten  mehr leisten als eine unqualifizierte Hausaufgabenbetreuung.
  • Die Hinführung zum selbstständigen Lernen erfordert mehr Aufwand als eine klassische Unterrichtsstunde. Daher müssen Fortbildungen und Koordinationsstunden für die kooperative Erstellung der Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stehen. Unbetreutes Ausfüllen beliebig zusammenkopierter Arbeitsblätter ist verschwendete Lebenszeit.
  • Für die multimediale Unterstützung des Lernens müssen Computerarbeitsplätze oder unkompliziert ausleihbare Laptops oder Tablets zur Verfügung stehen. Anschaffung, Wartung, Pflege und zeitnaher Ersatz defekter Geräte kosten viel Geld. Durch Computer unterstützter Unterricht ist kein Modell, um Geld zu sparen.
  • Damit die Lernzeiten wirklich zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit Lernstoff werden können, müssen sie von der Benotung befreit werden. Das schließt auch ein, dass Schülerinnen und Schüler, die individuelle Prioritäten innerhalb oder außerhalb des Unterrichtsstoffes setzen, nicht sanktioniert werden. Lehrkräfte müssten neue Ideen entwickeln, um weniger bildungsaffine Schülerinnen und Schülern trotzdem in Kontakt mit schulisch erwünschtem Wissen zu bringen.

Ralph Wildner, Gießen

„Ich bleibe skeptisch“

An vielen Gesamtschulen werden Zeitfenster eingerichtet oder sind bereits eingerichtet, in denen Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten und lernen sollen. Diese Modelle tragen klangvolle Namen und unterscheiden sich allerdings in Details. Vorrangig scheint es darum zu gehen, dass Fachlehrkräfte Materialien erstellen, die die Schülerinnen und Schüler selbstständig, nach eigener Interessenlage und Motivation bearbeiten sollen. Eine Stunde, zwei oder manchmal auch mehr Stunden werden die Schülerinnen und Schüler von der Klassenlehrkraft oder einer anderen Lehrkraft beaufsichtigt. Den Lehrerinnen und Lehrern werden diese Stunden an einigen Schulen voll, an anderen nur zu 50 Prozent oder gar noch weniger angerechnet. Die Schülerinnen und Schüler sollen so selbstständiges Arbeiten erlernen und Zeit für individuelle Schwerpunktsetzungen erhalten. An Ganztagsschulen oder Schulen mit Ganztagsangeboten handelt es sich um Stunden, mit denen die Stundentafel der Schülerinnen und Schüler erweitert wird. In der Außendarstellung der Schulen werden solche Angebote als Werbemittel genutzt.

In den Diskussionen, die die Bezirksfachgruppe Gesamtschulen der GEW Nordhessen seit über einem Jahr führt, wurde deutlich, dass die Kolleginnen und Kollegen diese Stunden sehr kritisch sehen:
Die in einigen Fällen nur halbe Anrechnung führt zu einer verlängerten Arbeitszeit.

  • Die Fachlehrkräfte haben einen hohen Arbeitsaufwand für die Erstellung der Materialien.
  • Die betreuenden Lehrkräfte erleben die Stunden als unruhig und wenig effektiv, dafür aber für sich selbst als besonders anstrengend.
  • Da sie die Schülerinnen und Schüler zum Teil nicht kennen, ist es für sie schwierig, eine angemessene Lernatmosphäre herzustellen.
  • Da Lehrkräfte nicht Expertinnen und Experten für alle Fächer sein können, können sie den Schülerinnen und Schülern nicht in allen Fächern ernsthaft helfen.

Unterm Strich bringen diese Stunden entweder einen deutlich erhöhten Arbeitsaufwand mit sich, da man versucht, allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden, oder sie werden als Entlastung vom Unterrichtsalltag genutzt, indem man die Schülerinnen und Schüler sich selbst überlässt und abschaltet oder anderen Tätigkeiten wie Kopieren und Korrigieren nachgeht.

Der zunächst positiv scheinende Gedanke der Stärkung der Selbstständigkeit der Lernenden wird so nicht erreicht. Selbstständiges Lernen setzt zunächst Wissen und Kenntnisse voraus, es entsteht nicht aus sich selbst heraus. In diesem Sinn ist Selbstständigkeit nicht der Beginn, sondern das Ende eines Lernprozesses. Mit der Einführung von Lernzeiten sind die Schülerinnen und Schüler nicht von selbst in der Lage, mit diesen auch etwas anzufangen. Daher ist es fraglich, ob sie in diesen Zeiten etwas lernen.

Das mit den Lernzeiten verbundene Verständnis von Selbstständigkeit entspringt einer neoliberalen Gedankenwelt, in der jede und jeder ihres und seines Glückes Schmied ist - oder eben auch der Schmied ihres und seines Pechs. Die Verantwortung für den Lernerfolg wird in nicht unerheblichem Ausmaß auf die einzelnen Lernenden verlagert. Gemeinsame, von der Lehrkraft angeleitete Lernprozesse im Klassenverband werden zugunsten einer Vereinzelung der Schülerinnen und Schüler aufgegeben. Leistungsstarke Schülerinnen und Schülern mögen diese selbstständigen Lernformen erfolgreich für sich nutzen können, aber was ist mit allen anderen? Geht hier am Ende die Schere des Bildungserfolgs weiter auseinander?

Außerdem ist zu befürchten, dass Eltern, denen der Bildungsweg ihrer Kinder am Herzen liegt, hieraus ihre eigenen Konsequenzen ziehen. Dies wird den Weg zum Gymnasium und zu privaten Bildungsanbietern verstärken. Die öffentliche Schule und vor allem die Gesamtschule werden weiter geschwächt.

Die Tätigkeit der Lehrkraft wird zerlegt, Taylor lässt grüßen. Eine erstellt Arbeitsmaterialien, eine verteilt sie, eine passt auf die Schülerinnen und Schüler auf. Der Kern der Lehrtätigkeit, die Beziehung zu und die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern verschwindet. Konsequent zu Ende gedacht, braucht man für diese Art der Unterrichtsorganisation keine voll ausgebildeten Lehrkräfte mehr. Wem dies nützt, ist offensichtlich!

Vor diesem Hintergrund ist die Einführung selbstständiger Lernzeiten in der heutigen Form ein Angriff auf den Kern unserer Profession und auf das öffentliche Bildungswesen. Sie sind daher abzulehnen. Was wir brauchen, ist eine Debatte über eine Schule, in der selbstständig denkende und handelnde Menschen heranwachsen können. Die Wirkung der Lehrkraft und ihrer Persönlichkeit ist hierbei nicht zu unterschätzen.

Martin Gertenbach, Kassel

Zum Weiterlesen:Bildung in der Effizienzfalle? Herausgegeben von der Arbeitsgruppe gegen die Ökonomisierung des Bildungswesens in der GEW Hessen. 2016.