50 Jahre IGS in Hessen

HLZ 11/2019: 50 Jahre IGS in Hessen

Vor 50 Jahren, im August 1969 und im August 1970, entstanden durch die Umwandlung schulformbezogener Gesamtschulen mit einem Hauptschulzweig, einem Realschulzweig und einem Gymnasialzweig auch in Hessen die ersten schulformunabhängigen, integrierten Gesamtschulen: die 1968 in Ernst-Reuter-Schule umbenannte ehemalige Nordweststadtschule in Frankfurt-Niederursel, die Gesamtschule Babenhausen, die Theodor Heuss-Schule in Baunatal und die Wilhelm Leuschner-Schule in Mainz-Kastel. Nur drei Schulen der ersten Generation, die Gesamtschulen in Bruchköbel, Busecker Tal und Gießen-Ost, wurden von vornherein als Integrierte Gesamtschulen (IGS) geplant.

Der Begriff der Gesamtschule entstand bereits in den 50er Jahren, als im Rahmen der „Landschulreform“ dörfliche und kleinstädtische Volksschulen zu Mittelpunktschulen zusammengefasst wurden, die auch Kindern im ländlichen Raum den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen ermöglichen sollten. Einen neuen Auftrieb bekam die bundesweite Diskussion durch die Veröffentlichungen von Georg Picht über die „deutsche Bildungskatastrophe“ (1961) und die Studentenbewegung 1968, die auch die innere und äußere Struktur der Bildungseinrichtungen in den Blick nahm.

Darmstädter Entschließung der GEW Hessen

Eine Leitfigur der Debatte war der Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers (1922-2010), der Anfang der sechziger Jahre drei Gesamtschulen als Modellschulen einrichten ließ und für die Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems und autoritärer innerer Strukturen zum „roten Tuch“ wurde. Ausgerechnet diesen Senator lud die GEW Hessen ein, um am 2. April 1965 das Hauptreferat auf ihrer Landesvertreterversammlung in Darmstadt zu halten. Die Rede und die im Anschluss verabschiedete „Darmstädter Erklärung“ findet man bei Fachgruppe Gesamtschulen (rechte Spalte).

Evers geißelte den sozialen, pädagogisch-strukturellen und didaktischen „Modernitätsrückstand“ der Schulen und forderte, „die herkömmliche Dreigliedrigkeit des deutschen Sekundarschulwesens“ zu überwinden und „durch eine viel weitergehende Differenzierung entsprechend der unterschiedlichen Befähigung der vielen einzelnen Jugendlichen“ zu ersetzen. Sein Modell waren die „Gesamtoberschulen“ in Berlin, die bis zur 10. Klasse auf eine vertikale Gliederung verzichten und eine gemeinsame Unterrichtung in festen Stammgruppen vorsahen.

Der – ebenfalls sozialdemokratische – Staatssekretär im Hessischen Kultusministerium Dr. Walter Müller sah sich daraufhin veranlasst, in einem empörten Grußwort einer solchen „Einheitssekundarschule“ eine Absage zu erteilen. Als Müller aus den Reihen der – 1965 noch sehr gediegen und brav agierenden – Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Hessischen Lehrertags“ der GEW ein „abweisendes Gemurmel“ (so das Protokoll) vernahm, brach er sein Grußwort ab. Die Frankfurter Rundschau meinte sogar ein „Werft den Mann raus“ vernommen zu haben (FR vom 5. 4. 1965). Der vom GEW-Landesvorstand vorgelegte Entwurf einer „Darmstädter Entschließung“ wurde – möglicherweise auch als Reaktion auf diesen Eklat – deutlich präzisiert. Die GEW bekannte sich zu einem „systematischen Aufbau“ von Gesamtschulen insbesondere in der Mittelstufe, in der „die Bildungsaufträge der seitherigen Volksschuloberstufe, der Realschule, der Berufsfachschule und der Mittelstufe des Gymnasiums integriert werden“ sollen. Verknüpft wurde diese Forderung mit klaren Aussagen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte und zum Ausbau der akademischen Lehrerbildung. Dabei ging es der GEW nicht nur um die ökonomisch notwendige Ausschöpfung „vorhandener Begabungen“ und die „Leistungsfähigkeit der Wirtschaft“, sondern um „die Fähigkeit des einzelnen zur verantwortungsbewussten Teilnahme am politischen und kulturellen Leben“ und die Förderung der „Gleichheit der Bildungschancen“. Bereits im Januar 1966 schloss sich der DGB Hessen den Forderungen der GEW einstimmig an.

1967 wurde Walter Müller als Staatssekretär durch die liberale, in Bildungsfragen hoch engagierte Hildegard Hamm-Brücher (FDP) abgelöst. Sie übernahm im Auftrag von Kultusminister Ernst Schütte (SPD) die Leitung  einer Arbeitskreises für Gesamtschulfragen, in den sich die GEW mit mehreren Publikationen engagiert einbrachte. Ergebnis war eine grundlegende Novellierung des Hessischen Schulgesetzes, die am 26. März 1969 mit den Stimmen von SPD und FDP gegen die Stimmen von CDU und NPD verabschiedet wurde. Hoffnungen, dass die Integrierte Gesamtschule neben den bestehenden Schulformen zur Regelschule werden könne, erfüllte das Gesetz nicht. Die Errichtung von Förderstufen ohne Differenzierung nach Schulzweigen und mit einem eigenständigen „pädagogischen Leiter“ wurde an die Erfüllung der „persönlichen, sächlichen und schulorganisatorischen Voraussetzungen“ geknüpft. Die Regelform der Gesamtschule war die additive Gesamtschule, die „mindestens einen Hauptschul-, einen Realschul- und einen Gymnasialzweig“ haben sollte. Integrierte Gesamtschulen waren zunächst ausschließlich als „Schulversuche“ bzw. „Versuchs- oder Modellschulen“ vorgesehen. Für sie gab es eine Sonderbestimmung, besondere Regelungen für Schulleitungsfunktionen auf Zeit oder durch Wahl zu treffen (HLZ S.18).
Bereits der erste Referentenentwurf hatte die Kritiker auf den Plan gerufen. Ende Mai 1968 meldete sich eine „Aktionsgemeinschaft zur Wahrung der Elternrechte“ zu Wort, aus der 1972 der Hessische Elternverein entstand. Im September 1968 informierte der Hessische Philologenverband über diese Aktivitäten und rief indirekt zu ihrer Unterstützung auf. Der spätere Frankfurter  Oberbürgermeister und Ministerpräsident Walter Wallmann (CDU) kritisierte, dass die – im Gesetz gar nicht vorgesehene – „obligatorische Förderstufe“ das „Wahlrecht der Eltern auf Auswahl der Schulart“ zur „Fiktion“ werden lasse. Die Debatte über das Förderstufenabschlussgesetz von 1985 war bereits hier angelegt. Der GEW-Vorsitzende Wolfgang Becker lobte die Schulgesetznovelle dagegen als Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die „sehr viel rascher, sehr viel konsequenter gelaufen ist, als wir selber, auch wir als Verantwortliche, dies vor vier Jahren zu hoffen oder anzunehmen wagten“.

Die euphorische Aufbruchstimmung und die vielfältigen, von jungen Gesamtschullehrerinnen und Gesamtschullehrern mit großem Engagement vorangetriebenen Entwicklungsvorhaben zur Veränderung der Schule wurden bald getrübt – nicht nur durch die fortbestehende Konkurrenz mit den additiven Gesamtschulen und Gymnasien, sondern auch durch die unterschiedliche Bezahlung und unterschiedliche Pflichtstundenregelungen für die Lehrkräfte mit unterschiedlichen Lehrämtern, unzureichende räumliche Bedingungen, schlechte Lehrerzuweisung und Lehrkräftemangel, unbesetzte Leitungsstellen und Bildungspläne, die die Ziele und Strukturen einer IGS in keiner Weise abbildeten.1971 legte die GEW ein „gewerkschaftliches Sofortprogramm für Gesamtschulen“ vor. Im Juni 1973 fand der erste Gesamtschulkongress der GEW Hessen statt, bei dem der GEW-Vorsitzende Gustav Ludwig eine deutliche Ernüchterung konstatierte: „Die großartigen Pläne und Reformversprechungen von realer Chancengleichheit, optimaler Förderung und curricularer Innovation verflüchtigen sich unter dem Hinweis auf ‚Sachzwänge‘ und ‚realistische Bedingungen‘ zu einem reduzierten Grundmodell von Gesamtschulen, das de facto nicht mehr als Gesamtschule anzusehen ist, sondern ein additives Schulzentrum darstellt.“

Trotz aller Kritik halte die GEW jedoch an ihrem Ziel fest, dass „die integrierte, differenzierte Gesamtschule als Ganztagsschule“ im Mittelpunkt der hessischen Bildungspolitik stehen müsse. Ein Kollege aus Gießen verschärfte die kritische Beschreibung in einem Beitrag in der HLZ mit dem Hinweis, dass die Gesamtschulentwicklung aufgrund der „Bildungsnotstandsverwaltung, die uns durch die ökonomischen Bedingungen des Systems und die politischen Rahmenentscheidungen des Bundes aufgezwungen wurde“, von einer Krise der Gesamtschule zur „Krise des Gesamtschullehrers“ geworden sei.

1969 hatte Ludwig von Friedeburg (1924-2010) das Kultusministerium von Ernst Schütte übernommen. Auf die Kritik des Gesamtschulkongresses der GEW reagierte er in einem Schreiben vom 2. Mai 1973 mit einem Bekenntnis zu den Zielen des Reformprozesses, „die integrierte Gesamtschule als die zukünftige Regelschule im Bereich der Sekundarstufe I einzurichten“.  Auf keinen Fall solle es um „einige wenige in jeder  Hinsicht optimal ausgestattete Modellschulen“ gehen. Alle Forderungen zur Ausweitung der Zahl der Gesamtschulen und ihrer Ausstattung müssten jedoch „in realistischer Weise auf die jeweilige schulpolitische, personelle und finanzielle Situation Rücksicht“ nehmen.

1974 setzte die FDP in der neuen Koalition unter Ministerpräsident Osswald den Verzicht Ludwig von Friedeburgs auf eine weitere Amtszeit durch. Nachfolger wurde Hans Krollmann (SPD), die Einrichtung weiterer Integrierter Gesamtschulen wurde gestoppt. In den ersten fünf Jahren waren 64 Integrierte Gesamtschulen entstanden, die sich in den folgenden Jahren bis zur Aufhebung dieses Stopps auf ihre innere Entwicklung konzentrierten und auch Fehlentwicklungen der Anfangsphase korrigierten. Über das Konzept der „Offenen Schule“ berichtet Achim Albrecht auf den folgenden Seiten der HLZ.

Harald Freiling

Quellen:
Michael Ebenau (Herausgeber): Vom Kämpfen lernen. 40 Jahre GEW Hessen. Verlag Mensch und Leben. 1989

Jürgen Pyschik: Schulkampf in Frankfurt 1966 bis 1987. Neobooks 2014

Dokumente aus der Anfangszeit der IGS

Die in diesem Artikel zitierten Dokumente, unter anderem den Vortrag von Carl-Heinz Evers bei der Vertreterversammlung der GEW am 2.4.1965 und die anschließend verabschiedete „Darmstädter Erklärung“, findet man bei Fachgruppe Gesamtschulenin der rechten Spalte.

 

Bildunterschriften

Titelseite der HLZ 5/1968 mit dem Foto der Baustelle für die Ernst-Reuter-Schule in der Frankfurter Nordweststadt

 

Ausriss: HLZ 4/1969