Berufliche Schule

Duale Ausbildung in Betrieb und Schule

Im Gespräch mit Lehrkräften an Berufsbildenden Schulen

HLZ 2022/4: Berufsausbildung

Lehrerinnen und Lehrer an den Beruflichen Schulen sind Ansprechpersonen für ihre Schülerinnen und Schüler, auch wenn es um ihre Erfahrungen in der betrieblichen Ausbildung geht. HLZ-Redakteur Harald Freiling sprach mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Landesfachgruppe Berufsbildende Schulen der GEW regelmäßig über aktuelle Fragen der beruflichen Bildung austauschen:

  • Sebastian Breth (45) ist Lehrer am Beruflichen Schulzentrum Odenwaldkreis in Michelstadt und unterrichtet derzeit vor allem im kaufmännischen Bereich und das Fach Politik und Wirtschaft.
  • Frauke Matthes (57) ist Lehrerin an der Bergiusschule in Frankfurt und unterrichtet vor allem in Berufsschulklassen im Bereich der Gastronomie.
  • Katja Pohl (60) ist Lehrerin an der Konrad-Adenauer-Schule, einer kaufmännischen Berufsschule in Kriftel im Main-Taunus-Kreis, und unterrichtet dort vor allem in der Fachoberschule. Sie leitet die Landesfachgruppe der GEW im Team mit Carsten Leimbach und Markus Heberling.

HLZ: Der Trend zum Studium ist bei jungen Leuten ungebrochen, die Nachfrage nach einer Berufsausbildung im dualen System geht weiter zurück. 2020 lag erstmals die Zahl der jungen Menschen, die ein Studium begonnen haben, über der der neuen Ausbildungsverträge. 1992 war das Zahlenverhältnis noch 1 zu 2. Ihr unterrichtet Schülerinnen und Schüler, die eine Berufsausbildung begonnen haben oder sich auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Fühlen sich eure Schülerinnen und Schüler jetzt als Loser?

Frauke Matthes: Nein. Wer im Ausbildungsbetrieb auf ein gutes Team trifft, das junge Menschen ermutigt und unterstützt, das ihnen Vertrauen entgegenbringt, kann Stolz auf die gemeinsame Arbeit entwickeln. Ein solches Umfeld fördert die Neugier, die Identifikation mit der Arbeit und kommt letztlich auch dem Unterricht in der Berufsschule zugute. Dort können sich die Schülerinnen und Schüler über die betriebliche Praxis austauschen. Trotzdem spüren auch wir den Trend zum Studium, es ist das Maß der Dinge, nicht nur in der Schule, sondern in der gesamten Gesellschaft.

Katja Pohl: Junge Menschen, die sich für die Vollzeitschulformen und für das Studium entscheiden, schieben Entscheidungen über ihre berufliche Zukunft hinaus. Ich spüre eine große Verunsicherung, zumal Praktika, die Orientierung vermitteln können, unter Corona leiden. Aber ich finde es legitim, dass sie sich diese Zeit nehmen. Das ist allemal besser, als sich unter Zeitdruck zu setzen und einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben, weil man eben „nichts Besseres gefunden hat“.

Sebastian Breth: Ob sich Jugendliche überzeugt und motiviert auf eine betriebliche Ausbildung einlassen oder nicht, ist stark milieugebunden. Es gibt Jugendliche, die einen Familienbetrieb übernehmen und eine handwerkliche Tradition fortsetzen wollen, andere stehen unter dem Druck der Eltern, schnell Geld zu verdienen. Umgekehrt gibt es auch die Eltern, die erwarten, dass ihr Kind studiert. Wenn ich dann individuell eher zu einer betrieblichen Ausbildung rate, sind meine Worte Schall und Rauch. Und dass Berufe, bei denen man schwer körperlich arbeiten, früh aufstehen oder auch am Wochenende arbeiten muss wie in der Gastronomie, nicht die erste Wahl sind, ist ja nun auch nicht ganz verwunderlich.

Frauke: Dazu kommt, dass gerade in migrantischen Familien das deutsche System der dualen Ausbildung kaum bekannt ist. Dass man dort eine qualifizierte Berufsausbildung mit vielen Aufstiegsmöglichkeiten und nicht uninteressantem Einkommen erwerben kann, ist nicht verankert. Da ist noch viel Luft nach oben.

HLZ: Was könnt ihr als Lehrkräfte tun, um den Wert einer guten Berufsausbildung auch ohne Studium zu vermitteln?

Katja: Es ist ja nicht so, als ob es die Jugendlichen, die ihre Berufsausbildung motiviert absolvieren, nicht gäbe. In den FOS-Klassen, die ich unterrichte, wird mindestens die Hälfte der Schülerinnen und Schüler diesen Weg erfolgreich gehen. Andere entscheiden sich bewusst für ein Studium oder sie schieben die Entscheidung weiter hinaus, weil das System für sie zu unübersichtlich ist.

Frauke: Katja hat ja schon vorhin auf die Bedeutung von Praktika hingewiesen. Viele Schülerinnen und Schüler der FOS, die drei Tage in der Woche im Betrieb sind, finden dort auch den Betrieb, in dem sie die Ausbildung beginnen wollen. Aber solange die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung nicht in der Gesellschaft verankert ist, wird sich nicht viel ändern…

Katja: … von den Verdienstmöglichkeiten mal ganz zu schweigen…

Frauke: … aber da werden die Betriebe nachziehen müssen. In unserem Bereich haben der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA und die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten NGG gerade einen beachtlichen Tarifabschluss vereinbart...

HLZ: Hast du da die Zahlen im Kopf?

Frauke: Im hessischen Gastgewerbe steigen die Löhne zum 1. März 2022 um 8,5 Prozent, 2023 um weitere 6,5 Prozent. Auch die Ausbildungsvergütungen steigen auf 1.000 Euro im ersten, 1.100 Euro im zweiten und 1.200 Euro im dritten Ausbildungsjahr. Es nützt ja auch den Betrieben nichts, erst in die Ausbildung zu investieren, und dann laufen ihnen die Leute weg. Deshalb wissen gute Arbeitgeber, dass alle Beschäftigten, auch die Azubis, auch ein Privatleben haben wollen.

HLZ: Ich habe zur Vorbereitung auf das Gespräch mal in den Ausbildungsreports der DGB-Jugend geblättert (HLZ S.10-11). Ist nicht auch die unzureichende Qualität der Ausbildung im Betrieb ein Hemmschuh, sich für eine Facharbeiterausbildung zu entscheiden? Manche Jugendliche sind ja schon durch die Erfahrungen im Betrieb, die sie in den Schülerpraktika machen, demotiviert, diesen Weg zu gehen.

Frauke:  Das ist sicher so. Gerade die Berufe in der Gastronomie und im Hotelgewerbe schneiden in den Berichten der DGB-Jugend oft sehr schlecht ab. Obwohl es auch da sehr viele Betriebe mit hoch qualifizierten, hoch motivierten und von ihren Berufen überzeugten Ausbilderinnen und Ausbildern gibt. Aber es gibt auch die schwarzen Schafe, wo die Azubis viele ausbildungsfremde Tätigkeiten machen müssen, wo Vorschriften des Jugendarbeitsschutzgesetzes nicht eingehalten werden und Kritik unerwünscht ist. Jugendliche, die nie gelobt, nicht ermutigt und nicht wertgeschätzt werden, schmeißen irgendwann das Handtuch.

Sebastian: Dieselben Unterschiede erlebe ich auch, wenn die Schülerinnen und Schüler ein Praktikum absolvieren. Es gibt Betriebe, die signalisieren, dass sie eigentlich gar kein Interesse haben, und die Jugendliche mit eintönigen Arbeiten langweilen. Andere geben sich wirklich Mühe. Zu einem guten Praktikum gehört auch eine ausreichende Dauer, um die verschiedenen Aspekte des Betriebs und des Berufs zu erfahren und auszuprobieren. Und natürlich eine gute Anleitung.

Katja: Ich stelle immer wieder fest, dass bei der Suche nach einer Praktikumsstelle die Eltern eine entscheidende Rolle spielen. Hier bräuchten wir in den Schulen zusätzliche Ressourcen für eine Berufswegebegleitung. In der Berufsfachschule für den Übergang in Ausbildung ist das vorgesehen (HLZ S. 14). Wie gut es funktioniert, weiß ich noch nicht.

Sebastian: Sehr gute Erfahrungen haben wir besonders mit älteren Menschen gemacht, die Berufserfahrung haben und gut vernetzt sind. Solche Coaches oder Mentorinnen und Mentoren sind aber meistens ehrenamtlich aktiv, um einzelne Jugendliche zu unterstützen. Und die sind leider rar gesät.

HLZ: Welche Rolle spielen die Prüfungsanforderungen? Sind die auch ein Grund dafür, dass viele Ausbildungsverhältnisse vorzeitig beendet werden?

Katja: Ja, manchmal sind die Anforderungen zu hoch. Aber ich würde sagen: Oft sind es nicht zu hohe, sondern schlicht die falschen Anforderungen. Ich bin nicht für Schmalspurausbildungen, aber ich erlebe als Deutschlehrerin, dass es manchmal auch an der sprachlichen Formulierung von Prüfungsaufgaben liegt, mit Schachtelsätzen oder doppelten Verneinungen. Wenn ich dann den Wortlaut dekodiere, dann können die Schülerinnen und Schüler die Fragen ohne Probleme beantworten.

Frauke: Da kann ich dich aus meinen Erfahrungen im sprachsensiblen Unterricht nur unterstützen. Ich habe Schülerinnen und Schüler, die in ihrem Beruf, vor allem in der betrieblichen Praxis, absolut fit sind und dann aufgrund der sprachlichen Hürden in der Prüfung scheitern, manchmal sogar zwei- oder dreimal. Das sind bittere Schicksalsschläge. Der lange Distanzunterricht während der Schulschließungen muss bei den Abschlussprüfungen berücksichtigt werden. Aber da hat sich die IHK überhaupt nicht bewegt. Und es kamen auch Inhalte vor, die in der entsprechenden Verordnung gar nicht enthalten sind.

Sebastian:  Das, was ihr berichtet, gilt auch für meine Bankkaufleute, die ja durchaus einen anderen Bildungshintergrund haben und eigentlich eher keine sprachlichen Defizite haben sollten. Ich versuche einen Unterricht zu machen, der sich an anwendungsbezogenen Lernsituationen orientiert. Und trotzdem muss ich dann für die Prüfungsvorbereitung auf Multiple-Choice-Tests umswitchen, bei denen es manchmal nur auf ein Wort oder eine bestimmte Formulierung ankommt. Die Schülerinnen und Schüler fragen mich dann, warum ich auf einmal in den Klausuren so merkwürdige Aufgaben stelle. Manchmal habe ich den leisen Verdacht, dass es bei den Multiple-Choice-Tests nur darum geht, dass man in kurzer Zeit möglichst viele Tests mit einer vermeintlich hohen „Objektivität“ der Bewertung auswerten kann.

HLZ: Seht ihr denn auch ein Ungleichgewicht zwischen den schriftlichen Prüfungsleistungen und dem mündlichen und praktischen Teil der Prüfung?

Frauke: Das kann ich nicht beurteilen, da ich nicht Teil der Prüfungskommission bei. Aber die Schülerinnen und Schüler in meinem Bereich scheitern eher im theoretischen Teil mit den offenen und geschlossenen Fragen, seltener im praktischen Teil. Und bei einer praxisbezogenen beruflichen Ausbildung sollte doch das Hauptaugenmerk auf der Praxis liegen.

HLZ: Lasst uns jetzt noch über die Auswirkungen der Pandemie sprechen…

Katja: Wir registrieren, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den Klassen der Teilzeitberufsschule, die besonders vom Lockdown betroffen gewesen sind, deutlich zurückgeht, also vor allem bei den Friseurinnen und Friseuren und in der Gastronomie und Hotellerie. Da sind die Betriebe extrem zurückhaltend, Ausbildungsplätze anzubieten. Die örtlichen Zeitungen berichten besonders gern über die Ausbildung von Köchinnen und Köchen, denn bei deren praktischer Prüfung kann man schöne Fotos machen. Da gibt es inzwischen manchmal mehr Zeitungsartikel als Azubis! Fachkräfte werden gebraucht, deshalb geht es hier auch für uns darum, das Tal der Tränen zu durchlaufen, um die Angebote in der Teilzeitberufsschule aufrechtzuerhalten.
Sebastian: Das geht uns genauso. Die neuen Vorgaben des Kultusministeriums für die Mindestgruppengrößen machen uns große Sorgen…

HLZ: … über das Konzept einer „zukunftsfähigen Berufsschule“ und die Zukunft der Fachklassenstandorte werden wir auch in der HLZ berichten (S. 12f.) …

Sebastian: … und ich will das mal am Beispiel der Malerklassen erläutern: Die Klassen für die Malerberufe wurden bei uns in Michelstadt schon vor längerer Zeit geschlossen und in Dieburg konzentriert. Das Ergebnis ist aber nicht, dass die Malerinnen und Maler jetzt in die Berufsschule nach Dieburg fahren, sondern dass die Betriebe den Beruf überhaupt nicht mehr ausbilden. Denn sie finden keine jungen Leute mehr, die unter diesen Bedingungen im hinteren Odenwald den Beruf erlernen wollen. Sie wollen und können nicht umziehen und sie können die Fahrerei nicht bewältigen.

Frauke:  Das ist bei uns im Ballungsraum nicht anders. Wir haben bei einzelnen Berufen schon die beiden Ausbildungsjahre in einer Klasse zusammengefasst und trotzdem will man das auch nicht mehr zulassen. Dann wird auch der letzte Fleischereifachbetrieb die Ausbildung einstellen…

Sebastian: … und wenn die Strukturen erst einmal kaputt sind, kann man sie auch nicht einfach wieder aufbauen. Und ich dachte, das wäre nur im ländlichen Raum ein Problem. E-Learning ist gerade im Handwerk keine Alternative.

Katja:  Die GEW und der Hauptpersonalrat waren bei der Entwicklung für die Fachklassenstandorte beteiligt. Auch wir wollen nicht den Erhalt von Standorten um jeden Preis, aber wir brauchen Planungssicherheit und die Möglichkeit, auch die Corona-Delle zu überwinden. Irgendwann sind die Grenzen der Zentralisierung erreicht.

Sebastian: Vor allem brauchen wir eine ausreichende Beteiligung der Schulen, der Kollegien und der Personalräte. Da gibt es viele kreative Potenziale. Corona hat gezeigt, dass die Missachtung der Gremien und ihrer Mitbestimmungsrechte die Qualität der Entscheidungen beeinflusst und dass die Stimmung kippt. Das kann so nicht weiter gehen.

Frauke: Harald, du hast ja auch nach den Auswirkungen von Corona auf die Jugendlichen gefragt. Natürlich ist das den Azubis nicht gut bekommen. Ich kenne Schülerinnen und Schüler, da waren die Ausbilderinnen und Ausbilder in Kurzarbeit und die Azubis haben den verbleibenden Hotelbetrieb geschmissen. Es gab Azubis, denen die eh schon geringe Ausbildungsvergütung in der Kurzarbeit noch weiter gekürzt wurde. Das mit dem digitalen Distanzunterricht haben wir nach einiger Zeit hinbekommen, aber ich habe völlig das Gefühl dafür verloren, wie es meinen Schülerinnen und Schülern geht, was die eigentlich mitbekommen, wie meine Aufgaben und Fragestellungen ankommen.

Sebastian: Über Teams lief das dann irgendwie ganz gut, wir konnten den regulären Stundenplan weitgehend abdecken. Aber die Schere ist noch weiter auseinander gegangen. Die motivierten, disziplinierten Schülerinnen und Schüler waren aktiv dabei und haben sicher auch vom digitalen Unterricht mit den anderen Möglichkeiten profitiert. Aber die meisten hatten die Kamera aus und da weiß ich nicht mal, was die in der Zeit gemacht haben…

Frauke: Ich würde gern noch ein Problem ansprechen, das mich umtreibt und das nichts mit Corona zu tun hat: Wir haben überhaupt noch nicht darüber gesprochen, dass Jugendarbeitslosigkeit immer noch ein Thema ist. Offensichtlich ist das Ausbildungssystem in seiner derzeitigen Form nicht mehr zukunftsfähig, denn der Markt scheint nicht geeignet, die Probleme zu lösen. Irgendwie brauchen wir da mehr öffentliche, staatliche, schulische Verantwortung. Ich weiß ja nicht, ob das in diese HLZ passt….

HLZ:… aber sicher, denn der DGB argumentiert mit seiner Forderung nach einer Ausbildungsabgabe genau in diese Richtung und das sollte dann doch wohl in eine Gewerkschaftszeitung passen. Nur 20 Prozent der Betriebe bilden überhaupt aus, aber alle jammern über den drohenden Fachkräftemangel…

Sebastian: Das sind die berühmten Mitnahmeeffekte, dass sich Betriebe, die nicht ausbilden, gern bei denen bedienen, die in Ausbildung investieren, oder auch bei den vollschulischen Berufsausbildungsgängen. Eine Stärkung der Ausbildungsstrukturen, die durch eine Umlage aller Betriebe finanziert wird, könnte gerade dem ländlichen Raum helfen.

Frauke: Und was mich noch besorgt, ist die sinkende Bedeutung der Gewerkschaften für die Jugendlichen. Im Entwurf zum neuen Curriculum für die Fachoberschule Ernährung kommen sie gar nicht mehr vor. Der Achtstundentag, die Fünftagewoche, die Lohnfortzahlung bei Erkrankungen, das ist für die Jugendlichen irgendwie „normal“. Und wenn ihre Rechte im Betrieb beschnitten werden, dann wissen sie nicht, wohin sie sich wenden können, und trauen sich nicht, den Mund aufzumachen.

HLZ: Das ist jetzt kein versöhnliches Ende für unser Gespräch, aber ein Thema, das wir gerade in der März-Ausgabe der HLZ bearbeitet haben und das jetzt die nächste Gesprächsrunde einleiten würde. Ich danke euch für das heutige Gespräch und wünsche euch für eure Arbeit alles Gute.