Orte der Begegnung

Digitaler Distanzunterricht ist kein Zukunftsmodell

HLZ 11/2021: GEW-Landesdelegiertenversammlung

Der öffentliche Diskurs zur Digitalisierung der Schule ist insbesondere seit der Coronakrise von einer einseitigen Euphorie geprägt. Vor allem aus der Wirtschaft und der IT-Industrie wurde die Digitalisierung des Bildungsbereiches und der Schulen auch schon vor Corona vorangetrieben. Nun aber wird, allen Schwierigkeiten, die durch die Erfahrungen in der Coronakrise deutlich wurden, zum Trotz, die Notfalloption des Wechsel- und Hybridunterrichts als Zukunftsmodell offensiv gepriesen (1). Dieser Behauptung und der dahinter liegenden Ökonomisierung und Kolonialisierung von Bildung durch Digitalisierung des Unterrichts und digitale Tools möchten wir unsere pädagogische Sichtweise entgegensetzen.  

Leben und Lernen ohne Normalität

Die schmerzhaften Erfahrungen der vergangenen 18 Monate haben gezeigt, wie bedeutsam Schule als Ort der sozialen Begegnung ist. Der Verlust der Normalität führt vor Augen, was Kindern und Jugendlichen fehlt: die Schule als Ort der Begegnung und der sozialen Auseinandersetzung sowie des sozialen Miteinanders. Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen vermissen die Begegnung mit Gleichaltrigen und Lehrpersonen nicht nur in Schulstunden, sondern vor allem auch auf dem Pausenhof. Es geht um viel mehr als um fachliches Lernen, es geht um sozialen Austausch, Identitätsentwicklung im direkten Kontakt mit anderen, Entwicklung von Sozialverhalten und Empathie. Die soziale Deprivation hat sich im Coronajahr in vielerlei Form gezeigt:

  • Insbesondere die vielen digital verbrachten Stunden tragen zur Isolation vieler Schülerinnen und Schüler und dem Verlust sozialer Strukturen bei. Zu sieben Stunden digitaler Freizeitbeschäftigung der 12- bis  18-Jährigen (2) kommen bis zu sechs Stunden Online-Unterricht, was bedeutet, dass die Jugendlichen 13 Stunden pro Tag digital beschäftigt sind.  Schule muss sich hier ganz offen fragen, inwiefern die Verlagerung des Unterrichts ins Digitale der kindlichen Entwicklung und Bildung im ganzheitlichen Sinne zuträglich ist.  
  • Lernen am Bildschirm führt zur Verringerung haptischer Fähigkeiten durch mangelnde Ausbildung der Feinmotorik und zu einer Verkümmerung der Phantasie durch Mangel an Anreizen, Zusammenhänge zu (be-)greifen.
  • Das Fehlen von Bewegung, und dies reicht von einfacher Bewegung im Klassenraum bis zum sportlichen Training, hat erhebliche motorische Mängel zur Folge und fördert Adipositas.
  • Der Mangel an musischen und künstlerischen Anreizen und die kognitive Verengung auf die Bildschirme führen zu mangelhafter Verknüpfung von Synapsen im Gehirn und verhindern letztlich abstrakte Denktätigkeiten (3).

Lernen in Beziehungen

Dass Lernen in Beziehungen stattfindet, weiß man nicht erst seit Hatties „Visible Learning“ (2012). Beziehungen können aber am Bildschirm nicht oder wenn überhaupt nur bruchstückhaft hergestellt werden, da soziale Auseinandersetzungen im gleichen Raum nicht geführt werden können, das Körperliche wird ausgeblendet. Die vertikalen Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden sind hier ebenso bedeutsam wie die horizontalen Beziehungen der Kinder und Jugendlichen untereinander:

„Das Eigentliche, was man in der Schule lernt, ist Balance in sozialen Beziehungen: Es gibt eine Bezugsgruppe der Gleichrangigkeit – die Gleichaltrigen. Und eine Bezugsgruppe der nicht gleichrangigen Personen – die Lehrpersonen. Dazwischen den Ausgleich zu finden, ist wahnsinnig wichtig für die individuelle Entwicklung. Schule ist eine Form der Vorbereitung aufs weitere Leben, es geht um die Fähigkeit antizipatorischer Sozialisation.“ (4)

Soziale Spaltung als Folge

Möglicherweise ist es ein kleiner positiver Nebeneffekt in dieser endlos währenden gegenwärtigen Krise, zu beobachten, wie das Ansehen der Schule beständig steigt. Schülerinnen und Schüler sehnen sich danach, in die Schule gehen zu dürfen, ebenso wie Eltern, die ihren Kindern nichts sehnlicher wünschen, und Lehrerinnen und Lehrer, die vor dem Bildschirm versauern. Überall ist eine Aufwertung der Institution Schule zu beobachten.

Die schichtenspezifischen Auswirkungen der aktuellen Lage sind enorm. Der Schule wird die Möglichkeit zugeordnet, Chancengleichheit herzustellen. Homeschooling hingegen befördert die soziale Ungleichheit. Die soziale Spaltung unserer Gesellschaft wird massiv verstärkt.

Der Marburger Erziehungswissenschaftler Eckhard Rohrmann warnt vor einer Verstärkung der Defizite durch Homeschooling und damit vor einer Verschärfung der sozialen Ungleichheit. Es geht beileibe nicht nur um die technische Seite, das heißt die bessere Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler: Es geht um Wohnverhältnisse, um mangelnde Möglichkeit von Eltern, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen, unterschiedliche Anregungen:

„Das Resultat von all dem ist, dass bei faktisch geschlossenen Schulen diejenigen, die es ohnehin schon schwer haben, weiter abgehängt werden. Das kann nicht im Interesse der Gesellschaft und es darf nicht im Interesse der Schulen und Lehrer sein.“ (5)

Unser Fazit

Distanz- oder Wechselunterricht, der nur unter Hinzunahme von digitaler Kommunikation notdürftig funktioniert, ist mitnichten das Modell der Zukunft, sondern vielmehr eine neue Form des Frontalunterrichts, der  Empathiefähigkeit und Soziales Lernen weiter einschränken wird.
Wir appellieren an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft, die psychosozialen Folgen der Krise schon jetzt im Blick zu haben, Präsenzunterricht, soweit es geht, anzubieten, alle hybriden Formen nur als vorübergehende Notlösung zu sehen, alles dafür zu tun, dass sich Kinder und Jugendliche wieder kognitiv, affektiv und motorisch entwickeln und entfalten können.

Dr. Angela Schmidt-Bernhardt
und Dr. Christine Bär


Dr. Angela Schmidt-Bernhardt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Schulpädagogik an der Philipps-Universität Marburg. Dr. Christine Bär ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Erziehungswissenschaft der Universität Gießen.

(1) Thomas Straubhaar: Schule der Zukunft jetzt! In: Handelsblatt, 2. 9. 2020, S. 48.
(2) JIM-Studie Jugend, Information, Medien: https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2020
(3) Gertraud Teuchert-Noodt: Der digitale Wahnsinn und seine irreparablen Schäden. Download:www.erziehungskunst.de/artikel/fruehe-kindheit/der-digitale-wahnsinn-und-seine-irreparablen-schaeden, Kurz­link: https://bit.ly/3nNdz8q
(4) Heinz Bude: „Es gibt ein Problem, wenn Kinder Schule verlernen.“ In: Die Zeit vom 10.3.2021
(5) Oberhessische Presse vom 18.12.2020, Kurzlink: https://bit.ly/3lIBEKT