Wie der Berufseinstieg gelingen kann

Erfahrungen an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden

HLZ 9-10/2017: Schuljahr beginnt

Nach dem Studium und dem Vorbereitungsdienst endlich die erste Stelle, vielleicht befristet und als angestellte Lehrkraft, aber dennoch ein Start ins Berufsleben. Viele KollegInnen erleben diese erste Zeit aber nicht nur positiv, sondern sehen sich mit zahlreichen Situationen konfrontiert, für die sie nicht oder nur unzureichend ausgebildet wurden. Schnell entwickelt man da Routinen, die eher dem „Überleben“ mit einer vollen Stelle, in großen und sehr heterogenen Lerngruppen und weiteren zahlreichen schulischen Anforderungen geschuldet sind als einem professionellen Handeln. Umso wichtiger ist es da, der Berufseinstiegsphase oder auch „dritten Ausbildungsphase“ eine große Beachtung zu schenken. Neben den Protagonisten selbst sind es aber eher die Kollegen und die Schulleitung, die hier gefragt sind und die Neuen weder überfordern noch sich selbst überlassen sollten.

Drei Säulen der Unterstützung für den Berufseinstieg

An der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ruht die Begleitung der Berufseinsteiger auf drei Säulen:
Der Einbettung der jungen Lehrkräfte in ein Jahrgangsteam, das mit erfahrenen KollegInnen gut gemischt ist, einer guten Vorbereitung auf das neue Schuljahr, die neue Klasse und einem „Treffen der Neuen“, einer Art Begleitung der Berufseinsteiger über die ersten drei Jahre hinweg.

Teamstrukturen

Die Organisation der Schule in Jahrgangsteams bringt viele Vorteile für junge Lehrkräfte, da sie viele Stunden im „eigenen“ Jahrgang unterrichten, durch die kleinen (6-8 KollegInnen) Einheiten schnell mit anderen KollegInnen warm werden und so Vieles in informellen Gesprächen gefragt und geklärt werden kann und man sich weniger als Einzelkämpfer wahrnimmt, sondern ein im Idealfall stützendes Team hinter sich weiß. Hinzu kommt die Möglichkeit, in den unteren Jahrgängen (Klassen 5-7) sogenannte Klassenleitungstandems zu bilden. Immer zwei KollegInnen, wenn möglich unterschiedlichen Geschlechts, nehmen Klassenleitungsfunktionen wahr und haben natürlich möglichst viel Unterricht in ihrer Klasse. Wichtig bei diesem Modell der gemeinsamen Klassenleitung sind regelmäßige Absprachen und Koordinationen. Dafür wird an unserer Schule allen KollegInnen, die im 5er oder 6er-Team sind, im Stundenplan eine Doppelstunde (montags 5./6. Stunde) freigehalten, damit sie koordinieren können. Für die SchülerInnen dieser Jahrgänge gibt es in dieser Zeit ein umfangreiches AG-Angebot, so dass auch an diesem Tag eine verlässliche Betreuung der SchülerInnen bis 13.15 Uhr sichergestellt ist. Diese Koordinationen sind aber nicht nur für junge KollegInnen von großer Bedeutung, sondern auch erfahrene Lehrkräfte profitieren hier von neuen Ideen und Innovationslust der „Neuen“.

Vorbereitungswoche

Eine gute Vorbereitung auf das neue Schuljahr und evtl. auf eine neue Klasse erspart im laufenden Alltag viel Stress. Gerade für junge Lehrkräfte kann sie noch fehlende Erfahrung und Souveränität ausgleichen. Da sich ja jeder irgendwie vorbereitet, sollte man gleich einen Schritt weitergehen und die Vorbereitung gemeinsam und geplant angehen. An der HLS ist eine Vorbereitungswoche für das neue 5er-Team in der letzten Woche der Sommerferien obligatorisch, d.h. alle Klassen- und Ko-KlassenlehrerInnen der neuen 5. Klassen sind in der letzten Ferienwoche täglich von 9.00 Uhr bis ca. 15.30 Uhr in der Schule. Unter der fachkundigen Anleitung des Stufenleiters 5/6 bereiten die KollegInnen den Einstieg in den Berufsalltag und in die Funktion einer Klassenlehrkraft für eine neue 5. Klasse an der Helene-Lange-Schule vor. Dabei geht es vor allem um die Aufgaben einer Klassenführung, die Absprache auf gemeinsame Regeln und Rituale im Jahrgang, die Organisation der Teamarbeit, die Planung der ersten Unterrichtswoche sowie die Absprachen zu Diagnose- und Fördermöglichkeiten für die neuen SchülerInnen. Zusammen mit dem Stufenleiter und den anderen (erfahrenen) KollegInnen fällt es den „Neuen“ wesentlich leichter, sich auf den Alltag mit einer neuen Klasse und den weiteren vielfältigen Aufgaben innerhalb der Schule vorzubereiten. Deshalb „fädeln“ wir unsere neuen und jungen KollegInnen an der HeLa immer im neuen Jahrgang 5 ein, damit sie genau diese Unterstützung für ihren Berufseinstieg bekommen. Einziger „Nachteil“ dieser Organisationsform ist, dass die KollegInnen ihre letzte Ferienwoche dafür „opfern“ – die Rückmeldungen zeigen aber, dass es als sehr lohnenswert empfunden wird, da man sich ohnehin vorbereiten muss.

Begleitung durch regelmäßige Treffen

Mit der Vorbereitungswoche endet aber nicht die Unterstützung für den Berufseinstieg; wir begleiten unsere neuen KollegInnen während der ersten 3 Jahre durch Angebote und Unterstützungsmaßnahmen, von denen hier zwei genauer skizziert werden sollen: die kollegiale Fallberatung und die sich daraus ergebenden Fortbildungsbedarfe. Darüber hinaus erhalten unsere „Neuen“ die sogenannte Handreichung, die über spezielle Regelungen, Rituale, Organisationsformen und Praktiken an unserer Schule kurz und verständlich informieren. Das Besondere an dieser Handreichung ist, dass sie von KollegInnen für KollegInnen geschrieben und teilweise auch aktualisiert werden. Dies organisieren wir in unserem Intranet (Fronter), zu dem jede Lehrkraft an unserer Schule Zugang hat. Die Handreichung ist in einem Wiki eingerichtet, pro Stichwort ungefähr eine Seite und kann von jeder Kollegin und jedem Kollegen angesehen, ausgedruckt und natürlich bearbeitet werden. So ist zum einen sichergestellt, dass die Handreichung nicht zu einem verdeckten „Anweisungskatalog der Schulleitung“ wird und zum anderen kann sie dadurch stets aktuell gehalten werden. So gibt die Handreichung hilfreiche und schnelle Information zu Stichworten, die im Alltag an unserer Schule eine wichtige Rolle spielen. (Stichworte der Handreichung sind beispielsweise: Förderkonferenz, Aufnahme- und Abschiedsfeiern, Ausstattung der Klassenräume, Englisch-Wagen, Epochenunterricht, Exkursionen und Wandertage, Didaktisches Archiv (Lehrerlernwerkstatt und Fronter), Fachraumbelegung usw.).

Die dritte Säule der Berufseinstiegsphase sind die sogenannten „Treffen der Neuen“, die in regelmäßigen Abständen ca. 2-3 Mal im Schuljahr stattfinden. Eingeladen werden alle KollegInnen, die nicht länger als drei Jahre im Lehrberuf stehen, bzw. neu an unserer Schule sind oder auch nach einer längeren Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen. Die Teilnahme ist freiwillig und die Termine werden für das erste Treffen zu Beginn des Schuljahres im Jahreskalender festgelegt und für die weiteren Treffen mithilfe eines Termindoodles unter den Teilnehmern ermittelt. Beim ersten Treffen geht es vor allem um Ankommen, Kennenlernen, Fragen stellen und Rückmeldung an die Schule. Gerade letzteres ist sehr aufschlussreich, da neue KollegInnen noch nicht „betriebsblind“ sind und so wertvolle Hinweise zum Zusammenleben in der Schule geben können. Für die neuen KollegInnen ist es wichtig, dass sie sich willkommen und wertgeschätzt fühlen, dass sie ernst genommen werden, gerade auch in vielleicht aus erfahrener Sicht banalen Fragen. Deshalb laden wir für das erste Treffen auch die Leiter der Schulentwicklungs-AGs und der Steuerungsgruppe sowie weiterer wichtiger Bereiche der Schule ein (Medienbeauftragter, Mitglieder der Schulleitung etc.), die den neuen Lehrkräften einen Einblick in ihre Aufgaben geben und zur Mitarbeit in bestimmten Bereichen der Schulentwicklung einladen. So fühlen sich die jungen Lehrkräfte schnell in die Schulgemeinde integriert und als wichtiges Mitglied derselben  ernst genommen.

In den weiteren Treffen finden „Kollegiale Fallberatungen“ statt (siehe Kasten). Obwohl dieses einfache, aber wirkungsvolle Instrument den meisten KollegInnen bekannt ist (an den Studienseminaren in Wiesbaden ist es Bestandteil der 2. Ausbildungsphase), wird es im schulischen Alltag nur sehr selten eingesetzt. Somit sind unsere Beratungstreffen mit den neuen KollegInnen nicht nur aktive Soforthilfe, sondern lenken den Blick auf eine langfristige, berufsbegleitende Ressource, die in jeder Teamsitzung nach Bedarf schnell durchgeführt werden kann. Der Vorteil dieser Beratungsmethode liegt zum einen in der Zusammensetzung der Gruppe, da alle Gruppenmitglieder gleichberechtigt sind und zum anderen in der Exemplarität der vorgestellten Fälle. Denn auch wenn „mein konkreter Fall“ nicht Gegenstand der Sitzung ist, kann ich doch vom behandelten Fall und der entsprechenden Beratung viele Rückschlüsse auf eigene schwierige Situationen mit Schülern oder Eltern ziehen. Dadurch ist jede Sitzung für jeden ein Gewinn, auch wenn der eigene Fall nicht beraten wurde.

Fortbildungsmodule

Nach einer Reihe von Beratungstreffen kristallisieren sich bestimmte Bereiche heraus, aus denen in der Regel die „Fälle“ stammen, wie zum Beispiel Umgang mit bestimmten Schülertypen, Umgang mit Eltern, Differenzierung/Heterogenität, Classroom-Management, Lehrerrolle finden usw. Der für das Coaching zuständige Kollege unterrichtet (in anonymisierter Form) von Zeit zu Zeit die Schulleitung darüber, aus welchen Bereichen die meisten Fälle kommen. Gemeinsam wird nun überlegt, wie dafür gezielte Unterstützung/Fortbildung organisiert werden kann. Entweder holen wir uns dann einen entsprechenden Experten von außen, der dann z.B. im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung, die allen KollegInnen offensteht, darüber referiert und praxistaugliche Hilfe bereit stellt oder eine erfahrene Lehrkraft der Schule übernimmt die Fortbildung für interessierte KollegInnen. Dadurch kann, so die Idee, innerhalb von wenigen Jahren eine Professionalisierung der jungen Lehrkräfte gelingen, die dann sicherer und selbstbewusster ihren Berufsalltag meistern und dadurch auch dauerhaft eine gute Berufszufriedenheit erreichen.

Fazit

Durch regelmäßige und institutionalisierte Kollegiale Fallberatung verbunden mit gezielten Fortbildungsmodulen zu sich aus den Fällen ergebenden Themen werden junge KollegInnen in den ersten Jahren ihres Lehrberufes unterstützt und begleitet. Sie finden dadurch nicht nur konkrete Hilfestellung, sondern erfahren wertschätzende Kollegialität, die es auch im Alltag ermöglicht, sich mal mit einem Problem an eine KollegIn zu wenden ohne befürchten zu müssen, dafür verspottet oder von oben herab behandelt zu werden. Ergänzt wird dieses „Coaching“ durch eine gemeinsame Einführungswoche, der festen Einbindung in ein Jahrgangsteam und nützliche Informationen sowie Tipps und Tricks aus dem Handreichungs-Wiki.

Kollegiale Fallberatung

Die kollegiale Beratung ist ein strukturiertes Beratungsgespräch in einer Gruppe, indem ein Teilnehmer von den übrigen Teilnehmern nach einem feststehenden Ablauf mit verteilten Rollen beraten wird mit dem Ziel, Lösungen für eine konkrete berufliche Schlüsselfrage zu entwickeln (Kim-Oliver Tietze, Kollegiale Beratung – Problemlösungen gemeinsam entwickeln, Hamburg 2003).

Für die Beratung ist es äußerst wichtig, dass diese streng nach bestimmten Phasen abläuft und jeder Teilnehmer ganz genau seine Rolle kennt und einhält. Dazu gehören der Moderator, der Fallerzähler, die Berater, ein Protokollant/Sekretär und Prozessbeobachter.

Die sechs Phasen der Kollegialen Beratung (Tietze, 2003, S. 60)

  1. Phase: Casting "Wer übernimmt welche Rolle?" | 5 Min.
  2. Phase: Spontanbericht des Fallerzählers "Worum geht es?" | 5 bis 10 Min. 
  3. Phase: Schlüsselfrage "Welchen konkreten Klärungswunsch hat der Fallerzähler?" | 5 bis 10 Min. 
  4. Phase: Methodenwahl "Welche Beratungsmethode wählen wir?" Fallgeber entscheidet mit | 5 Min.
  5. Phase: Beratung "Was geben wir dem Fallerzähler in Bezug auf seine Schlüsselfrage mit?" | 10 bis 15 Min.
  6. Phase: Abschluss "Was nimmt der Fallerzähler aus der Kollegialen Beratung mit?" | 5 Min.      

Gesamt: 45 bis 50 Min.

Der Moderator sollte über eine gewisse Erfahrung mit der Kollegialen Fallberatung verfügen, da er eine für den Erfolg der Beratung wichtige Funktion hat. Er (oder auch sie) muss sehr pedantisch auf die Einhaltung der Phasen und Rollen achten, damit der Fallerzähler sich nicht bloßgestellt oder verletzt fühlt. Gerade LehrerInnen neigen dazu, allzu ausschweifend und gut gemeint „Tipps“ und allgemeine Ratschläge zu erteilen, die dem Fallerzähler nicht weiterhelfen, sondern ihm im Gegenteil das Gefühl geben, in seinem Fall alles falsch gemacht zu haben. Hier haben der Moderator, aber auch die Beobachter die Pflicht, Teilnehmer zu unterbrechen und an die Phasen oder Formulierungen (siehe oben) zu erinnern.