Schönfärberei beenden

HLZ 9-10/2017: Kommentar von Maike Wiedwald

Am ersten Schultag des neuen Schuljahrs bot sichin vielen Schulen dasselbe Bild: An den Grund- und Förderschulen fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Klassenleitungen können nicht besetzt werden. Sportunterricht muss mangels ausgebildeter Lehrkräfte auf dem Pausenhof stattfinden. Ausgeschriebene Stellen können nicht besetzt werden, weil die Ranglisten leer sind und qualifizierte Lehrkräfte fehlen, im Schwalm-Eder-Kreis ebenso wie in Gießen und Frankfurt.

Fällt eine Lehrkraft aufgrund von Krankheit oder Elternzeit aus, bricht oft das ganze System einer Grundschule zusammen. Für Vertretungen finden die Schulen schon lange keine ausgebildeten Grundschullehrkräfte mehr. Um die Grundunterrichtsversorgung zu sichern, werden Personen aus dem Ganztag, aus dem inklusiven Unterricht oder aus den Fördermaßnahmen für zugewanderte Schülerinnen und Schüler abgezogen. Das ist dramatisch für alle – für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern.

Und der Kultusminister?

Er freut sich, denn an den Schulen werde es „so viele Lehrerinnen und Lehrer geben wie nie zuvor“. Die „Gesamtversorgung der Grundschulen“ betrage inklusive aller Sonderzuweisungen im Landesdurchschnitt „insgesamt 122 Prozent“, von denen „ein Prozent zum aktuellen Zeitpunkt nicht abgedeckt“ sei. Wofür die über 100 Prozent zur Abdeckung der Stundentafel zugewiesenen Stunden benötigt werden, unterschlägt das Ministerium in seiner Presseerklärung zum Schuljahresbeginn.

Unverzichtbare Aufgaben wie Inklusion, ganztägige Angebote, Förderkurse, Intensivklassen und Vorlaufkurse werden so zum Steinbruch für die Abdeckung der Grundunterrichtsversorgung. Und das, obwohl die Ressourcen für diese Aufgaben schon jetzt viel zu gering sind.

Die Folge: Der Druck auf Lehrkräfte und Schulleitungen ist enorm. Sie sollen entscheiden, wo sie kürzen, um den Unterricht in Mathe, Deutsch und Sachunterricht abzudecken! Doch diese Strategie ist mehr als nur ein „Rechentrick“. Sie soll von der mangelnden Vorausschau und den Versäumnissen einer falschen Politik der Landesregierung in den letzten Jahren ablenken, die davon ausgeht, dass die Kolleginnen und Kollegen im Interesse der Kinder diese Aufgaben trotzdem wahrnehmen– ohne zusätzliche Ressourcen.

Wie sehr das die Kolleginnen und Kollegen belastet, zeigen die Überlastungsanzeigen der letzten Jahre. Pädagogische Berufe wurden und werden so systematisch abgewertet, besonders an den Grundschulen. Auf eine Reaktion des Kultusministeriums und Angebote zum Abbau der Belastungen warten die Kollegien bisher häufig vergeblich. Dass die Geburtenzahlen wieder steigen und alle Planungen, die auf sinkende Schülerzahlen setzen, Makulatur sind, ist nicht neu. Darauf hat nicht nur die GEW Hessen in den letzten Jahren beständig hingewiesen.

Immer wieder rechnete das Kultusministerium vor, wie man zusätzliche Stellen für Inklusion aus der „demografischen Rendite“ finanzieren werde. Jetzt sieht das Ministerium in der großen Zahl von geflüchteten Menschen die alleinige Ursache für steigende Schülerzahlen. Mit dem Rückgang der Zuwanderung werde sich die Situation wieder entspannen. Tatsächlich bleibt die Zahl der Intensivklassen auf einem unverändert hohen Niveau und die Zahl der Einschulungen im ersten Schuljahr steigt. Auch wissenschaftliche Prognosen gehen davon aus, dass dieser Trend mittelfristig anhält und sukzessive alle Schulstufen erreicht.

Zusätzliche Stellen sind ein absolutes Muss – in allen Bereichen. Außerdem muss der Kultusminister seine Schönfärberei beenden, Verantwortung übernehmen und Lösungsvorschläge entwickeln, die auch eine deutliche Reduktion der Arbeitsbelastung im Blick haben. Daran sollten wir ihn alle gemeinsam– Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schülerinnen und Schüler – weiter engagiert erinnern.