Anspruch und Wirklichkeit

Die Stellenzuweisung für das neue Schuljahr bringt keine Entlastung

HLZ 9-10/2017: Schuljahr beginnt

Bildung braucht bessere Bedingungen: Mit diesem Slogan demonstrierten Kolleginnen und Kollegen in vielen hessischen Städten und Gemeinden Anfang Juni für Maßnahmen, um die Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer zu reduzieren und den zusätzlichen Aufgaben gerecht werden zu können (HLZ 7-8/2017). Auch im zurückliegenden Schuljahr hatten wieder zahlreiche Kollegien in Überlastungsanzeigen auf die zusätzlichen Anforderungen durch die Inklusion, die Beschulung Zugewanderter, neue Ganztagsangebote und Verwaltungsaufgaben hingewiesen. Ralf Becker, Maike Wiedwald und Peter Zeichner, drei Mitglieder der GEW-Fraktion im Hauptpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer (HPRLL), analysieren auf diesem Hintergrund den Zuweisungserlass des Hessischen Kultusministeriums für das Schuljahr 2017/18, der aus Sicht der Landesregierung zu einem „Allzeithoch“ bei den Lehrerstellen führt.

Das Märchen von der demografischen Rendite

Schon zu Beginn des Schuljahres 2015/2016 wies die GEW Hessen darauf hin, dass das Versprechen der Landesregierung, die „demografische Rendite im System“ zu belassen, also auch bei sinkenden Schülerzahlen keine Lehrerstellen zu streichen, nicht viel wert ist. Denn schon damals war absehbar, dass die Schülerzahlen auch in Hessen durch die steigende Zahl von Geburten und die Zuwanderung aufgrund von Flucht vor Krieg, Armut und wirtschaftlicher Not keineswegs sinken, sondern deutlich zunehmen werden und es keine Spielräume aus einer „demografischen Rendite“ geben würde. Die GEW forderte deshalb einen klaren Kurswechsel der Landesregierung: Zusätzliche Aufgaben müssen immer mit zusätzlichen Stellen hinterlegt werden.

Dass die bisherige Planungsgrundlage völlig veraltet ist, belegte zuletzt eine Studie der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn im Juli 2017, die den Anstieg der Geburtenzahlen in Hessen von 2013 bis 2015 auf 9 Prozent beziffert (1). Diese Kinder kommen frühestens im Schuljahr 2018/2019 in die Schule. Offensichtlich falsche Prognosen und darauf basierende Planungen wurden nicht verändert, weder von der Kultusministerkonferenz noch von der Landesregierung.

Geburtenanstieg auch in Hessen

Anfang 2017 vermeldete das HKM einen Anstieg der Schülerzahl in Hessen um 0,3 % gegenüber dem Vorjahr. Im Schuljahr 2017/18 werden an hessischen Schulen 750.869 Schülerinnen und Schüler in 31.181 Klassen unterrichtet werden. Der Bedarf an Lehrerstellen zur Abdeckung der Grundunterrichtsversorgung berechnet sich nach der Zahl der Klassen einer Schule, den vorgeschriebenen Unterrichtsstunden nach der Stundentafel und der Unterrichtsverpflichtung der Lehrkräfte nach der Pflichtstundenverordnung. Für die Grundunterrichtsversorgung stehen im Schuljahr 2017/2018 für diese Klassen 38.167 Stellen zur Verfügung. Hinzu kommen weitere zusätzliche Stellen, die zweckgebunden sind. Dies sind zum Beispiel 850 Stellen für die Intensivklassen und InteA-Klassen, 1.800 Stellen für den inklusiven Unterricht (präventive Angebote und inklusive Beschulung) an allgemeinbildenden Schulen und die Zuweisung für Ganztagsangebote.

Rechnerisch werden in hessischen Grund-, Haupt- und Realschulen durchschnittlich 20,2 Kinder in einer Klasse unterrichtet, an den Gesamtschulen 23,1 und an den Gymnasien 27,5 Schülerinnen und Schüler. Zur Einschätzung der Belastungen ist es wichtig, die Entwicklung der Relation zwischen Lehrerstellen und Schülerzahlen zu betrachten. Auf eine Lehrerstelle kommen insgesamt 19,6 Schülerinnen und Schüler. An den Grundschulen sind es im aktuellen Jahr 2017 hessenweit durchschnittlich 23,7 Schülerinnen und Schüler, im Bereich des Staatlichen Schulamts Frankfurt sogar 25,5. Bei diesen Zahlen sind die Reduzierung der Pflichtstundenzahl für Lehrkräfte bis 50 Jahre und der damit verbundene Stellenzuwachs bereits eingerechnet. An diesen Zahlen hat sich seit 2013 nichts Wesentliches verändert.

Lehrkräftemangel insbesondere an Grundschulen

Rechnerisch geht der Zuweisungserlass davon aus, dass den Schulen ausreichend Stellen zugewiesen worden seien, um den Unterricht nach Stundentafel durchzuführen. Hierfür müssten die Stellen jedoch nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch besetzt sein bzw. werden. Doch ist inzwischen allen bekannt, dass auch in Hessen viele Lehrkräfte fehlen.

Das gilt nicht nur für die beruflichen Schulen und Förderschulen, sondern gerade auch für die Grundschulen. Gründe sind die erwähnten fehlerhaften Prognosen der demografischen Entwicklung und die steigende Zahl von Pensionierungen, die keineswegs vom Himmel fallen.

Inzwischen rechnet die Landesregierung in den nächsten drei Jahren mit einem durchschnittlichen jährlichen Bedarf von rund 640 Stellen an Grundschulen. Doch wie kann dieser Bedarf gedeckt werden? Schon heute bleiben Stellen in der Ausbildung von Grundschullehrkräften unbesetzt. So konnten zum 1.5.2017 im Grundschulbereich nur 131 von 152 Stellen für Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst (LiV) besetzt werden, da keine weiteren Bewerbungen vorlagen.

Auch an den Hochschulen werden weiterhin viel zu wenige Grundschullehrkräfte ausgebildet. Im Kalenderjahr 2016 immatrikulierten sich an den hessischen Hochschulen knapp 550 Studierende für das Lehramt an Grundschulen, obwohl sich mehr als 5.600 Personen um die Aufnahme in die zulassungsbeschränkten Studiengänge beworben haben. Im Wintersemester 2017/2018 sollen 315 zusätzliche Studienplätze für Grund- und Förderschullehrkräfte zur Verfügung stehen. Doch dabei kann es nicht bleiben, denn in vier bis fünf Jahren werden diese Schülerinnen und Schüler auch in die Sekundarstufe I und danach in die Oberstufe und die beruflichen Schulen wechseln. Hier wird sich der Bedarf in den nächsten Jahren deutlich erhöhen. Da werden auch die Weiterbildungsangebote für Lehrämter anderer Schulformen und der befristete Einsatz von Personen ohne Lehramt und von Pensionärinnen und Pensionären nicht helfen!

Hessen braucht gut ausgebildete und motivierte Kolleginnen und Kollegen. Schlechte Arbeitsbedingungen, die höchste Anzahl an Pflichtstunden, das niedrigste Gehalt werten aber gerade den Beruf der Grundschullehrerin bzw. des Grundschullehrers ab. Da muss sich dringend etwas ändern und deshalb fordert die GEW Hessen „A13 für alle“ und eine deutliche Arbeitszeitverkürzung (HLZ S. 24-25).

Proteste zeigen Wirkung

Dass sich mit Engagement und Aktivität Forderungen durchsetzen lassen, zeigt das Beispiel der Beschulung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Noch zu Beginn des Schuljahres 2015/2016 setzte die Landesregierung auf den Einsatz von Pensionärinnen und Pensionären und die Kürzung der Stunden in den bestehenden Intensivklassen. Der Hartnäckigkeit der GEW und anderer ist es zu verdanken, dass zur Beschulung von zugewanderten Kindern und Jugendlichen zusätzliche Stellen geschaffen wurden, um zusätzliche Intensivklassen und -kurse und Ressourcen für die Nachförderung zu schaffen. Geplant waren über 1.500 neue Stellen, mittlerweile sind rund 850 unbefristete Stellen für qualifizierte Lehrkräfte in Intensivklassen und InteA-Klassen besetzt sowie Angebote zur kurz- und langfristigen Weiterbildung eingerichtet worden.

Das ist ein Anfang und der richtige Weg. Aber es reicht noch nicht. Jetzt wird es darauf ankommen, den Übergang der Schülerinnen und Schüler von den Intensivklassen und InteA-Klassen in die Angebote der Regelschulen zu gestalten. Hierfür brauchen die Schülerinnen und Schüler eine qualifizierte Unterstützung und Nachförderung. Auch dafür müssen zusätzliche Stellen eingeplant, eingerichtet und besetzt werden.
Was bedeutet das für das neue Schuljahr?

Noch im Februar 2017 behauptete Kultusminister Lorz, dass es in Hessen auch zukünftig keinen geplanten Unterrichtsausfall geben wird. Die Grundunterrichtsversorgung sei auch im kommenden Schuljahr sichergestellt. Im Juli 2017 rechnet die Landesregierung offensichtlich nicht mehr damit, zu Beginn des neuen Schuljahrs alle offenen Stellen an Grund- und Förderschulen besetzen zu können. „Die Lehrkräfteeinstellung sei ein Prozess, der sich in jedem Jahr über mehrere Monate hinweg erstrecke und meist erst einige Wochen nach Schuljahresbeginn abgeschlossen sei“, wird ein Behördensprecher im Wiesbadener Kurier zitiert, eine vollständige Stellenbesetzung sei zumindest in einigen Schulamtsbezirken „ein ambitioniertes Ziel“.

Schon im letzten Schuljahr konnten in einzelnen Schulamtsbereichen und insbesondere an beruflichen Schulen, Förderschulen und Grundschulen bis zu 10 % der offenen Stellen nicht besetzt werden (3). Diese Situation hat sich offensichtlich zu Beginn des Schuljahres 2017/2018 weiter verschärft. Damit sind auch Unterbesetzungen im Bereich der Grundunterrichtsversorgung vorprogrammiert. Auch für die inklusive Beschulung zugewiesene Stellen stehen dann nur auf dem Papier, denn es fehlen die Fachkräfte, die diese Stelle ausfüllen könnten. Das „Allzeithoch“ der Stellenstatistik bringt so eben keine Verbesserung der angespannten Arbeitsbedingungen. Dazu bedarf es eines Kurswechsels in der Bildungspolitik – im Interesse aller Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte.

Bildung braucht bessere Bedingungen

Die Durchsetzung von Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle Kinder und Jugendlichen bleibt das Ziel der GEW Hessen. Hierfür sind gute Arbeitsbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer, gesicherte Beschäftigungsverhältnisse, kleine Klassen und eine gute materielle Ausstattung der Schulen die wichtigsten Voraussetzungen.

Ohne mehr Geld für Bildung, für mehr Lehrkräfte, für weiteres pädagogisches Fachpersonal und für die Sanierung und den Ausbau von Schulgebäuden wird das nicht funktionieren. Dringend nötige pädagogische Verbesserungen wie der Ausbau eines qualitativ hochwertigen Ganztagsangebots oder eine bessere personelle Ausstattung für Inklusion erfordern zusätzliche Stellen – und zwar nicht nur auf dem Papier.

Vor allem muss die Landesregierung endlich damit aufhören, die schwierige Situation an den hessischen Schulen weiterhin schönzureden. Die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte ist auch nach der Änderung der Pflichtstundenverordnung bundesweit weiterhin ganz oben. Die Wertschätzung eines Arbeitgebers gegenüber seinen Beschäftigten drückt sich auch in guten Arbeitsbedingungen und einer guten Bezahlung aus.
Deshalb wird es darauf ankommen, dass Kolleginnen und Kollegen in allen Schulformen lautstark eine Verbesserung der Arbeits- und Lernbedingungen an Schulen einfordern. Die jüngste Besoldungserhöhung und die Arbeitszeitverkürzung sind nicht zuletzt das Ergebnis des anhaltenden und vielfältigen Protests der GEW-Mitglieder in unterschiedlichen Formen, in allen Schulstufen und in allen Regionen. Wer glaubt denn daran, dass es zu diesen Teilverbesserungen gekommen wäre, wenn wir nicht aktiv gewesen wären?


(1) Klaus Klemm und Dirk Zorn: Demographische Rendite adé. Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen. 2017. Download: www.bertelsmann-stiftung.de > Suche „Klemm Zorn“

(2) Alle Zahlen sind dem aktuellen Zuweisungserlass entnommen.

(3) Detaillierte Zahlen zum Lehrkräftemangel in Hessen findet man in der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag vom 10.2.2017: starweb.hessen.de/cache/DRS/19/3/04523.pdf