Verstrahlte Zukunft
Kategorie: Arbeits- und Gesundheitsschutz

 

Vom: 28.11.03

Gesundheitsgefahren durch kabellose Laptops?

Unter dem Primat der „Effizienzsteigerung“ geschehen derzeit in den Schulen fast unbeachtet und unreflektiert Dinge, die früher zu regen Diskussionen und Aktionen geführt hätten. Oft ohne hinreichende Information und Beteiligung der Beschäftigten werden zur Zeit in Hessen an rund 100 Schulen unter dem Deckmantel von „Medienkompetenz“, einer „neuen Lernkultur“ und eines „besseren Unterrichts“ Schülerinnen und Schüler mit Laptops ausgestattet. Der Einsatz dieser mobilen Computer hat vordergründig sicher einige Vorteile wie Raumersparnis und Flexibilität bei der Handhabung.

 

Bessere Bildung durch WLAN?

Gleichzeitig mit der Einrichtung der Schülerarbeitsplätze wird von der Landesregierung und den Schulträgern jedoch eine neue Technik eingeführt, gegen die aus gesundheitlicher Sicht starke Bedenken bestehen. Nach Auffassung der Initiative Schule@Zukunft, in der Landesregierung, Schulträger und hessische Unternehmerverbände zusammenarbeiten, kommt als Laptop „nur ein WLAN in Frage“.

Bei dem derzeit forcierten Verfahren der WLAN-Technik (Wireless-Local-Area-Network) steht im Klassenraum oder im Schulhaus ein Sender, über den die Lernenden kabellos untereinander kommunizieren oder mit den Peripheriegeräten und dem Internet verbunden sind. Ihre Laptops sind dabei selbst Sender und Empfänger. Bei diesen Aktivitäten entstehen an jedem Schülerarbeitsplatz hochfrequente pulsierende elektromagnetische Felder, deren gesundheitsschädliche Auswirkungen inzwischen allgemein bekannt und anerkannt sind. Schon 2001 kam die unabhängige Arbeitsstelle für Umweltfragen der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau zu dem Schluss, eine große Zahl von Experimenten lasse „den Schluss zu, dass Lebewesen auf diese Strahlung reagieren.“ Vorsorgender Gesundheitsschutz ist hier dringend angeraten, vor allem auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit, wo der sorglose Umgang mit als harmlos geltenden Substanzen – wie Holzschutzmittel, Asbest, FCKW – auch an Schulen zu verheerenden gesundheitlichen Gefährdungen und finanziellen Folgen geführt hat.

 

Hochfrequente Strahlungen

Bei einer Raumvernetzung ist es noch weitgehend eine individuelle Entscheidung, ob die Schülerinnen und Schüler über Kabel oder Sender untereinander kommunizieren und mit dem Netz verbunden sind. Bei einer Schulvernetzung gibt es für die Beschäftigten jedoch keine Entscheidungsmöglichkeit mehr, ob sie sich der zusätzlichen Strahlung aussetzen möchten oder nicht. Ähnlich wie in Wartehallen der Flughäfen und in großen Bahnhöfen sind sie während des Arbeitstages ständig den elektromagnetischen Feldern der WLAN-Sendeanlagen ausgesetzt. Je nach Arbeitsplatz sind dabei unterschiedliche Belastungen möglich. Durch Überlagerungen und Spiegelungen können hier unbemerkt auch extrem hohe Strahlungswerte erreicht werden. An einem Arbeitsplatz in der juristischen Bibliothek in Göttingen hat die Zeitschrift Öko-Test bei der Flussdichte, der Maßeinheit für hochfrequente Strahlungen, einen Spitzenwert von 23 000 W/qm gemessen. Der amtliche Grenzwert in der Bundesrepublik liegt derzeit bei 10 W/qm.

Ohne Kabelverbindung muss die WLAN-Anlage auch nachts eingeschaltet und über Funk mit dem Netz verbunden sein, da in dieser Zeit die Fernwartung des Schulsenders mit den in den „Dockingstations“ zugeschalteten Laptops durchgeführt wird.

Im November 2002 hat die Zeitschrift Öko-Test bei einer umfangreichen Untersuchung festgestellt, dass besonders von den sendenden Laptops mit ihren WLAN-Karten eine beträchtliche Strahlendosis ausgeht. Sie liegt oft erheblich über den empfohlenen Vorsorgewerten und an Brennpunkten auch über den amtlichen Grenzwerten. Auch das nova-Institut hatte zuvor schon bei seiner Untersuchung zur WLAN-Anlage der Universität Bremen festgestellt, dass man hier bei einer Arbeit an den Notebooks „mit einer Überschreitung der Vorsorgewerte rechnen“ muss. Zu der in unserem Kulturkreis ohnehin schon vorhandenen massiven Beeinträchtigung durch unnatürliche elektromagnetische Felder (zum Beispiel Handy, DECT-Telefon, Mikrowelle, Bildschirme) werden in der Schule Kinder, Jugendliche und Lehrerkräfte damit zusätzlichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt, die ohne großen Aufwand vermeidbar wären. Ohne jegliche quantitative und qualitative Einschränkung ist es auch mit einem handlichen Laptop möglich, wie bisher über Kabel im Internet zu arbeiten und so die zusätzliche Strahlenbelastung durch die WLAN-Sendeanlage zu vermeiden. Es ist dafür nur ein Kabel zu legen und mit dem Netz zu verbinden. Auch Peripheriegeräte wie ein zentraler Drucker lassen sich weiterhin über Steckkontakt oder mittels Diskette bedienen.

 

Fast alles spricht gegen WLAN

Neben der Vorsorge käme eine solche Ausstattung der Schulen die Städte und Kreise sogar finanziell günstiger, weil die Komponenten für den Funkbetrieb entfallen würden.

Gegen die WLAN-Technik sprechen auch die von außen beeinflussbare Datenübertragung, die gegenüber Kabelverbindungen reduzierte Arbeitsgeschwindigkeit und Belastbarkeit der Anlagen, die begrenzte Eignung für die Durchführung von Prüfungen und die Störungen im alltäglichen Gebrauch. Fremde Vorgaben und Interessen der Industrie scheinen allerdings schwerer zu wiegen als alle gesundheitlichen, technischen, finanziellen und pädagogischen Einwände. Gegenpositionen und Bedenken werden wohl auch deshalb verschwiegen, um eine neue, Gewinn bringende Technik in einem Großversuch rasch umsetzen und ausprobieren zu können. In einigen Schulbezirken wird die Technik sogar an Grundschulen „erprobt“: Kinder werden zu Versuchsobjekten.

Rechtliche Einspruchsmöglichkeiten gibt es kaum: Bei der WLAN-Einrichtung in den Schulen liege „alles unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte“, lautet wieder einmal die Rechtfertigung. Die 1996 (!) in der Verordnung über elektromagnetische Felder festgelegten Grenzwerte, die als Rechtsgrundlage angeführt werden, berücksichtigen nur die Temperaturauswirkungen dieser Strahlungen. Bei den pulsierenden hochfrequenten Feldern gibt es jedoch bereits bei geringer Leistungsflussdichte von der Temperatur unabhängige Wirkungen. Sie verursachen bei Menschen Beschwerden wie Kopfschmerz, Bluthochdruck, Konzentrationsstörungen und können auch zu bleibenden gesundheitlichen Schädigungen führen. Das ECOLOG-Institut in Hannover hat inzwischen eine Vielzahl von Studien über die gesundheitliche Belastung durch elektromagnetische Felder ausgewertet und konnte dies wissenschaftlich begründet bestätigen. Zum Schutze der Gesundheit ist daher heute nicht mehr von den alten, unzureichenden Grenzwerten auszugehen, sondern von einem alle bislang bekannten Einflüsse berücksichtigenden Vorsorgewert, den es dann bei der Beurteilung von Strahlenbelastungen unbedingt einzuhalten gilt. Die Schweiz hat dies bereits umgesetzt. Hier gelten für die Leistungsflussdichte offiziell 0,1 W/qm als Vorsorgegrenzwert. Dies ist 1/100 des in der Bundesrepublik geltenden Grenzwertes. Das ECOLOG-Institut empfiehlt auf Grund seiner Untersuchungen 0,01 W/qm als Vorsorgewert. Bereits bei diesem Wert wurden in Studien negative Einflüsse auf die Gehirnfunktionen – Gehirnströme, Reaktionsvermögen, Blut-Hirn-Schranke – festgestellt. Bei Untersuchungen hat Öko-Test an einzelnen Laptops Werte ermittelt, die höher liegen als diese Vorsorgewerte.

 

Fast schon Körperverletzung

Bei der unkritisch betriebenen Medienausstattung der Schulen mit Sendern und strahlenden Laptops wird auch nicht berücksichtigt, dass es sich ja um Kinder und Jugendliche handelt, die an ihnen oft stundenlang tätig sind. Im Jahr 2000 kam in England eine von der Regierung beauftragte unabhängige Expertengruppe zu dem Ergebnis, dass Kinder – wegen des sich noch entwickelnden Nervensystems und einer um etwa 60 % höheren Aufnahmefähigkeit für energetische Strahlungen – weit verwundbarer sind als Erwachsene. Für sie müssten daher noch strengere Maßstäbe bei den Vorsorgewerten gelten. Kinder bewusst solchen Gefahren auszusetzen, grenzt an Körperverletzung.

Nicht bedacht wird auch bei der Argumentation, dass in den Räumen der Schule häufig nicht nur ein Gerät die pulsierenden, hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen erzeugt, sondern dass es 20 oder mehr Schülerinnen und Schüler sind, die im Unterricht mit diesen Geräten arbeiten. Nicht selten geschieht dies an Orten, an denen es bereits andere unnatürliche Strahlungsquellen gibt (Leuchtstoffröhre, Halogenlampe, Handy, Trafo). Es ist daher vorab nicht auszuschließen, dass durch eine Überschneidung der Felder die Vorsorgewerte für die elektromagnetische Belastung an den einzelnen Arbeitsplätzen weit überschritten werden. Auch die Nutzungsdauer spielt eine Rolle, die bei Informatik-Fachlehrkräften und Fachschülerinnen und Fachschülern mehrere Stunden pro Tag betragen kann. Besonders geschützt werden müssen elektrosensible Personen, die wie Allergiker auf elektromagnetische Strahlungen reagieren. Dies sind drei bis fünf Prozent der Bevölkerung.

 

Keine Sender in Schulen!

Schon die hier kurz dargestellten Fakten und Argumente sind ausreichend, um zu dem WLAN-Projekt der Landesregierung und der Schulträger begründet „Nein!“ zu sagen: „Keine Sender in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen!“ Dazu zählen neben der WLAN-Technik auch die kabellosen Bluetooth-Einrichtungen, DECT-Telefone und Handys. Über Kabel lassen sich die gleichen, bei der Arbeit mit Computern in der Übertragungsgeschwindigkeit sogar noch bessere Ergebnisse erzielen. Schutz und Vorsorge gegen gesundheitliche Beeinträchtigungen sollten wichtiger sein als das etwas bequemere Hantieren mit kabellosen Geräten.

GEW und Personalräte im Land, in den Städten und Kreisen und in den Schulen müssen darauf Einfluss nehmen, dass Entscheidungen zur Medienausstattung der Schulen in diesem Sinne revidiert und Kinder und Lehrkräfte in den Schulen nicht bewusst zusätzlichen Gesundheitsgefahren durch elektromagnetische Strahlungen ausgesetzt werden.

Bei der Bewertung der Risiken gibt es gewiss noch Unklarheiten, doch sollte die Vorsorge für die Gesundheit der Menschen ausschlaggebend sein. Weitere Hinweise sind von der REFLEX-Studie zu erwarten, die derzeit im Auftrag der Europäischen Union von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt wird. Sie untersuchen unter anderem die Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf Gewebeteile. Auch aus der INTERPHONE-Studie der Weltgesundheitsorganisation zur Handy-Strahlung können sich weiterführende Erkenntnisse ergeben. Zumindest bis zu den Abschlussberichten dieser offiziellen Untersuchungen (voraussichtlich 2007) sollte die Entscheidung zu WLAN an den Schulen zurückgestellt werden.

 

Dr. Siegfried Schwarzmüller