Odenwald! Mal wieder eine Odenwaldwanderung? Warum nicht? Ich besorge mir die vom Odenwaldklub herausgegebene Freizeitkarte des nördlichen Odenwalds. 77 Wandertouren werden vorgeschlagen. 77 unterschiedliche Symbole.
Sind wir Deutschen also auch Weltmeister in der Fähigkeit, Symbole für Wanderwege zu erfinden? Mir gefällt das Symbol vom Fränkischen Rotweinwanderweg, doch da wäre die Anreise zu weit. Ich entscheide mich für Zwingenberg an der Bergstraße als Ausgangspunkt. Die Bäume an dem Parkplatz, von dem aus ich zu meiner Wanderung aufbreche, wimmeln von Symbolen, die zum Wandern einladen: Hier lang, wispert die Raute; nein, nimm mich, murmelt das gelbe Rechteck. Willst du nicht diese hübsche Rundtour versuchen?
Der Überfluss ist die Mutter der Phantasielosigkeit, lese ich bei Günther Anders. Also flott entscheiden. Ich wähle das N, denn anders als die meisten anderen Zeichen wirkt es frisch gemalt. N für Nibelungensteig. 10 Kilometer bis zum Felsenmeer. Dem N lässt sich mühelos folgen, an allen unübersichtlichen Stellen ist es deutlich sichtbar. Ein Mitglied des Odenwaldklubs erklärt mir später die Intention. Der Nibelungensteig soll von Wanderern ohne Benutzung von Wanderkarten begangen werden können. Mir soll es recht sein. 400 Höhenmeter bis zum 517 Meter hohen Melibokus, dann abwärts zum Parkplatz Schöllrain und wieder 200 Meter Anstieg zum Felsberg, an dessen Südhang das Felsenmeer mit seinen wie wahllos hingepfeffert wirkenden Felsbrocken liegt
(Foto).
In dem anschaulichen Bändchen „Auf dem Nibelungensteig“ von Rainer Türk, dem offiziellen „Wanderführer des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald und des Odenwaldklubs“ (Lorsch 2010), wird die Entstehung des Felsenmeeres als „Ergebnis eines Jahrmillionen andauernden Verwitterungsprozesses“ erklärt. Erwähnt wird zudem eine sich um das Felsenmeer rankende Sage. Zwei auf gegenüberliegenden Hügeln lebende Riesen seien in Streit geraten und hätten sich mit Felsbrocken beworfen, mit ungutem Ende für den einen. Mir ist nicht nach Streit zumute, mit Riesen habe ich auch nichts am Hut, ich genieße lieber die vielfältige Landschaft des Odenwalds.
Leben wie ein Baum, einzeln und frei,
doch brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht. (Nazim Hikmet)
Nach dieser ersten Begegnung mit dem Nibelungensteig ist meine Neugier geweckt. Googeln! Der Nibelungensteig, Bildergalerie, Gaststätten und „Unterkunftsbetriebe“, Angebote. Eines der Pauschalangebote interessiert mich. Acht Tage für 125 Kilometer, individuelle Wünsche werden berücksichtigt. Kontaktaufnahme. Ich präzisiere meine Wünsche. Fünf Übernachtungen, fünf
Tagestouren, Gepäcktransfer. Am Ostermontag geht es von Zwingenberg aus los, am Sonnabend Rückfahrt von Freudenberg am Main. Dazwischen pro Tag etwa 25 Kilometer, mal mehr, mal weniger. Unterwegs treffe ich zwei Zweiergruppen, die nicht vorher gebucht haben. Die entscheiden während jeder Tagestour, abhängig vom Wetter und ihrer Befindlichkeit, wie lange sie laufen wollen, rufen von unterwegs ein am Nibelungensteig liegendes Gasthaus an. Auch eine Möglichkeit, denke ich, sehe mir deren Rucksäcke an, vergleiche sie mit meinem und bereue nicht, den Gepäcktransfer in Anspruch genommen zu haben. Wenn ich am späten Nachmittag in Hotel oder Pension eintreffe, finde ich meine Reisetasche im Zimmer. Angenehm, der Wechsel der Kleidung nach dem Duschen, ohne im Rucksack rumkramen zu müssen.
Das Wetter so wie ich es mag
Wenn ich die Tour nicht gebucht hätte, wäre ich am Ostermontag vermutlich nicht losgezogen. Wettervorhersage: Schneefall im Mittelgebirge, ansonsten Regen, Dauerregen. Regenklamotten habe ich natürlich dabei. Im Übrigen halte ich es wie der Schäfer in einer Geschichte von de Mello: Dieser Schäfer wird vom Wanderer gefragt, wie das Wetter werde, woraufhin der Schäfer stoisch antwortet: „So, wie ich es gerne habe.“ Der Wanderer fragt verblüfft, woher der Schäfer wisse, dass das Wetter so werde, wie er es liebt. Der Schäfer erklärt ihm, dass er die Erfahrung gemacht habe, nicht immer das zu bekommen, was er wolle und deshalb gelernt habe, das zu mögen, was er bekomme. Deshalb sei er sicher: „Das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“
Tatsächlich Schnee, und zwar schon auf dem Melibokus, und es schneit auch auf den danach folgenden Anhöhen der ersten Etappe nach Schlierbach bei Lindenfels. Schnee und Dauerregen stören mich anfangs nicht, später ein wenig, als trotz des Regenschutzes die Nässe in die Kleidung kriecht. Nach der Hälfte der Strecke frisches Zeug aus dem Rucksack – und weiter. Gespräch mit dem Wirt „Zum römischen Kaiser“ in Schlierbach über den Namen des Hauses, das seit dem Jahr 1766 existiert. Versuche, den Ursprung des Namens zu klären, waren bislang vergebens. Der Schäfer hat recht. Jeden folgenden Tag wird das Wetter so, „wie ich es gern habe“. Regen, Kälte jucken mich nicht, über ein paar Sonnenstrahlen kann man sich umso mehr freuen.
Zweite Tagestour: Von Schlierbach, der Ort ist sehenswert wegen der Fachwerkhäuser und dem Friedhof mit „Stickelbrettern“ („weiße Grabbretter mit Dach und aufgemalten Blumen“, schreibt Türk auf Seite 44), nach Hüttenthal zur „Dorfschänke“, wo es, unter uns gesagt, ein hervorragendes Frühstück gibt. Im Ort Weschnitz stoße ich auf einen denkmalgeschützten Waldfriedhof. Die hölzernen Kreuze sehen nahezu identisch aus. Am Eingang steht eingemeißelt: „Im Tode sind alle gleich.“ Über Gleichheit nach und vor dem Tode lässt sich trefflich nachdenken, zumal beim unmittelbar folgenden steilen Anstieg zur Walpurgiskapelle, von der man eine großartige Aussicht über das „Odenwaldpanorama von der Neunkircher Höhe im Nordwesten bis zum Otzberg und den langgestreckten Höhenzügen des Buntsandstein-Odenwaldes im Nordosten“ hat (Türk, S. 66). Hinter der Walpurgiskapelle, wo sich eine keltische Kultstätte befunden haben soll, mache ich auf dem Weg zum Kahlberg - dort befindet sich ein Gedenkstein, der an die Grenzziehung der Mark Heppenheim durch Karl den Großen im Jahre 795 erinnert - eine erstaunliche Entdeckung. Den Weschnitzern ist, vermute ich mal, ihr Friedhof ein wenig zu einförmig. Gleichheit im Tode ja, aber die Lebenden wollen sich ihrer Besonderheit versichern. In dem aufgeforsteten Waldstück finden sich, verstreut im Wald, etliche Baumschilder mit unterschiedlichen Aufschriften. Es wird an die Geburt eines Kindes erinnert, der verstorbenen Oma gedacht und wichtiger Termine im Leben der Familie. Und es finden sich Tafeln mit Versen aus Gedichten, Lebensweisheiten.
Ich notiere auf die Schnelle ein paar Inschriften:
„Bäume sind Gedichte, die die Erde an den Himmel schreibt.“(Khalil Gibran)
„Wer einen Baum pflanzt, wird den Himmel gewinnen.“ (Konfuzius)
„Leben wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“ (Nazim Hikmet)
„Bevor du geboren wurdest, habe ich von dir geträumt, sagt Gott.“ (Frére Roger)
Vom Kahlberg ist es nicht weit nach Grasellenbach, auch „Nibelungendorf“ genannt. Am Wegrand stehen in unregelmäßigen Abständen insgesamt 14 Tafeln, auf denen in verdichteter Form über den Nibelungenmythos informiert wird, nacherzählt von Michael Hahl im Auftrag von Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald.
Gespräche über Literatur und Bonus-Zahlungen
Der Text wird, das beobachte ich, von den Vorbeikommenden gelesen, teilweise laut, und die Leute kommen ins Gespräch. Gespräche über Literatur. Der Inhalt der Sage erschließt sich auf den Tafeln Schritt für Schritt. Wie bei einem spannenden Roman das Kapitelende weckt jede Tafel Neugier, wie die Story weiter geht. Siegfried soll den Nibelungenschatz zwischen den Königsbrüdern Nibelung und Schilbung, die sich über das väterliche Erbe nicht einigen können, aufteilen. Beide Brüder sind mit dem Ergebnis nicht einverstanden. Es kommt zum Streit, wobei Siegfried die beiden kurzerhand erschlägt und so in den Besitz des Nibelungenschatzes gelangt. Er nimmt sich sozusagen seinen Bonus selber, assoziiere ich.
Mit einigen Wanderern komme ich beim Siegfriedbrunnen ins Gespräch. Wieso denn Kriemhild die einzige Stelle, an der Siegfried wegen des Lindenblattes verletzlich sei, Hagen mitgeteilt habe, ausgerechnet Hagen von Tronje? Kopfschütteln. Das musste doch schiefgehen! Mich interessiert das von Kriemhild aufgestickte Kreuz als Symbol menschlicher Verletzlichkeit. Der wunde Punkt! Wenn der getroffen wird! Gehen, stehen, lesen, reden und weitergehen, stehen, lesen, miteinander reden. Eine Möglichkeit, Literatur unter die Leute zu bringen? Die Gestaltung der Infotafeln hat mir gut gefallen, die Sprache ist klar und ansprechend, sodass ich, zurück von der Wanderung, die Kurverwaltung Grasellenbach anrufe. Ich werde mit dem Bürgermeister verbunden. Ich lobe die Tafeln, werde an den Autor verwiesen. Auf der Homepage von Michael Hahl (www.proreg.de) kann ich die Texte auf den Infotafeln noch mal in Ruhe nachlesen und mit der Zusammenfassung des Nibelungenliedes in dem Band von Rainer Türk vergleichen. „Der Nibelungen Not“: Siegfried letztlich ermordet, König Gunther getötet, Hagen von Kriemhild geköpft, und Hildebrand erschlägt daraufhin Kriemhild. Keiner der Burgunden überlebte. Soweit die bekannteste deutsche Heldendichtung, die, wenn man will, lehrt, dass es mit unrechtmäßig angeeigneten Schätzen ein übles Ende nimmt.
Ob’s dem Kapitalismus auch mal so gehen wird? In Amorbach sehe ich mir das „Adorno-Haus“ („Hotel Post“) an, in dem es ein Adornozimmer geben soll. Die Familie von Theodor W. Adorno hat in Amorbach regelmäßig die „Sommerfrische“, wie der Sommerurlaub vormals genannt wurde, verbracht (Adornos „Kindheit in Amorbach“, herausgegeben von Reinhard Pabst). Letztes Teilstück: Die dreischiffige Pfeilerkirche auf dem Gotthardsberg, Klosterkirche aus dem 13. und 14. Jahrhundert, der Ort Reuenthal, der an den Minnesänger Neidhart von Reuental erinnert, der eindrucksvolle Ort Monbrunn mit seinen außergewöhnlichen Hofreiten.
Beim Abstieg nach Miltenberg dröhnt einem der Verkehrslärm aus dem Maintal entgegen. Was für ein Kontrast zu der vorherigen ländlichen Idylle! Am Main entlang nach Bürgstadt, wo Zeit für eine klitzekleine Weinprobe sein muss. Die letzte Station: Freudenberg. Der Name passt. 125 Kilometer und 4.000 Höhenmeter liegen hinter mir. Im Nachhinein keiner zu viel.
Thomas Adamczak









