Titelthema: Kunst in Havanna | Künstlerinnen und Künstler aus 40 Ländern auf der Biennale
Kategorie: HLZ

 

Vom: 07.07.12

Mit der diesjährigen Kunst-Biennale in Havanna vom 11. Mai bis 11. Juni ist dem Consejo Nacional de Bellas Artes und dem verantwortlichen Leiter Jorge Fernandez ein Gesamtkunstwerk von außerordentlicher, hochqualifizierter und facettenreicher Vielfalt gelungen. 40 Länder der Welt, erstmals auch Europäer, waren eingeladen, unter dem Titel Artes practicas e imagianarios sociales (Künstlerische Praktiken und soziale Vorstellungen) an dem kulturellen Geschehen teilzuhaben.

Die Zweimillionenstadt mit allen Stadtteilen ist Schauplatz zahlreicher Installationen, Environments, Performance und Bildender Kunst. Alle von den Juroren ausgewählten kubanischen Künstler und auch Nicht-Geladene öffnen ihre Ateliers, Werkstätten, Kulturzentren, um der Welt zu zeigen, zu welcher kulturellen Hochleistung auch ein relativ armes, vom Wirtschaftsembargo gebeuteltes Land in der Lage ist.

Der Leiter des Centro Wilfredo Lam in Alt-Havanna Jorge Fernandez weist im Programmheft zu Recht darauf hin, dass der Conséjo Nacional mit der Tradition der Pavillons, der Kunstbasare und der Präsentation der bedeutendsten Künstler des jeweiligen Landes brechen und eine ganz andere Biennale präsentieren will. Die Schönheit der öffentlichen Straßen und Plätze von Havanna und das karibische Flair sollen dem Betrachter Genuss, Faszination und Freude bereiten. Die kritischen Installationen, Bilder, Grafiken, Performances und das Theater wollen für eine tolerantere und humanere Welt werben.

Die künstlerischen Darbietungen hatten einen ironischen, sarkastischen bis traurigen Unterton. So fand beispielsweise am 11. Mai zur Eröffnung der Biennale eine Performance vor dem Capitolio statt, bei der alte amerikanische „Autoschlitten“ die Form der langgestreckten kubanischen Insel abbildeten. Mit den noch immer fahrtüchtigen Cadillacs vor der Nachahmung des Kapitols in Washington symbolisierte der Künstler Ramirez Malberti eine verrottete und immer noch präsente Vergangenheit – mit einem Seitenhieb auf die europäischen Fans amerikanischer Riesenschlitten der fünfziger Jahre, die sich für wenige Dollars durch die armen Stadtviertel von Havanna kutschieren lassen. Der Künstler, der Skizzen der Performance und einige Bilder zum Thema „Kubanische Autowerkstatt“ an einem anderen Ort, den Cabanas, präsentierte, macht aus der zwiespältigen Symbolik ein ironisch-humorvolles Kunstwerk.

Die US-amerikanische Vergangenheit und die Präsenz der Mafiosi in den fünfziger Jahren ist auch das Thema des Malers Reynerio Tamayo. Gangster bevölkern seine spöttische Serie Gangsters en La Habana. Die ausländischen Gäste kamen aus 40 Ländern, die meisten aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien, Mexiko und Argentinien. Die Präsentation dieser Künstler fand vor allem in Alt-Havanna, einem Unesco-Weltkulturerbe, statt: in dem prachtvollen Nationaltheater, auf der Promenade Paseo del Prado, an der Meeresuferpromenade Malecon und in dem neueren Stadtviertel Vedado aus den zwanziger Jahren.

Die von den Juroren eingeladenen kubanischen Künstler stellten vor allem in den Räumen der Festung, den Cabanas, am anderen höher gelegenen Ufer der Bahia aus – mit faszinierendem Blick auf die Kulisse Havannas. Vor den Festungsgewölben waren Plastiken des Bildhauers Betancourt in Übergröße unter dem Titel Comparsa (Statistin) installiert, die der inneren und äußeren Blockade mit surrealen Formen Ausdruck verleihen.

Einige der nichtgeladenen Kubaner – mit einigen bin ich befreundet – stellten kollektiv in der Galeria Taller de Arte de Cultura de Centro Habana aus. Francisco Gordillo und Gladys Castaneda bearbeiten Motive der afrokubanischen Mythologie und verleihen dabei in der Arte popular ihren afrikanischen geistigen Wurzeln einen faszinierendem malerischen Ausdruck. Gladys malt Yamaya, die Göttin des Meeres und Beschützerin der Weiblichkeit, mit sieben Brüsten und in der charakteristischen Farbe Blau, Francisco den Gott des Friedens Obatala, der durch die Farbe Weiß repräsentiert wird und mit der Erde in der Symbolfarbe Braun um Harmonie kämpft.

Wer diese Kunst einmal gesehen hat, wird schnell wie ich zum Bewunderer der afrokubanischen Kunst. Der Brasilianer Carlito Carvalhae hatte unter dem Titel Vulgo (Publikum) einen riesigen weißen Vorhang im Treppenaufgang des Téatro Nacional aufgespannt. Von dem berühmten Kubaner KCHO wurde unter dem Titel La melancholia y la construcción ein alter Bootssteg gezeigt. Beide Objekte beschwören die vergangene romantische Idylle Kubas herauf. 

Im Gegensatz hierzu bot die Galerie des Theaters im unteren Bereich zeitgenössische, sozialkritische Kunst. Steven Cohen aus Südafrika prangerte mit Videoshows, Fotos und seiner Performance in den Straßen von Havanna die Diskriminierung von Transsexuellen und Juden an. In der gleichen Galerie des Nationaltheaters präsentierte die Gruppe Mujeres publicas Videoshows, Installationen, Fotos und Plakate. Die drei argentinischen Frauen verbinden Kunst und Politik. Sie verteilen Plakate und Fragebögen in den Stadtvierteln argentinischer Städte und diskutieren mit den Menschen über die Ausbeutung und Erniedrigung der Frauen, gegen falsch verstandene Weiblichkeit und den Zwang, um jeden Preis „sexy“ zu sein. Die Plakate werden von den Künstlerinnen selbst an die Hauswände geheftet, ob erlaubt oder nicht. Mit beispielhaften Zeichnungen sind sie für jeden Betrachter in der Welt verständlich. Fragebögen sollen anregen, über soziale und sexuelle Vorurteile nachzudenken, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger Toleranz zu predigen. Die engagierten jungen Künstlerinnen haben sich auch außerhalb von Argentinien einen Namen gemacht (www.mujerespublicas.com.ar).

Ein Höhepunkt der Biennale war die Installation Barco de la tolerancia des russischen Künstlerduos Ilya und Emilia Kabakov. Das Schiff der Toleranz vor der Real Fuerza, der Burg von Alt-Havanna, besteht aus 150 kleinen, von Schülern aus Havanna bemalten Tüchern zum Thema Toleranz, die zu einem großen Segel zusammengefügt sind. Das Schiff selbst ist von den Studenten der Schulwerkstatt Escuela Taller Gaspara Melchior de Jovellanos in Zusammenarbeit mit einem Team von Schreinern des englischen Manchester College unter der Leitung von David Harold gebaut worden. Das Konzept dieses Artefakts nach der Idee von Ilya und Emilia Kabakov besteht darin, dass die verschiedenen Vorstellungen von Toleranz zu einem Patchwork-Segel zusammengestellt werden. Das Schiff der Toleranz startete 2005 in der Siwa-Wüste in Ägypten und reiste dann weiter nach Venedig, St. Moritz, Sharjah (Vereinigte Arabische Emirate) und Miami (USA).

Dass es auch noch Künstler mit Sinn für Romantik gibt, zeigen die Bilder von Alberto Lago, der mit Rosatönen und zartem Blaugrün die Liebe malt. Ana Falco präsentierte ihre Bilder, die der Frau und der Liebe huldigen, in ihrem privaten Atelier. Eines der kraftvoll-farbigen Bilder könnte „Die verliebten Geiger“ heißen.

Insgesamt gesehen war die Biennale in Havanna die faszinierendste Welt-Kunstausstellung, die ich je gesehen habe, mit einem unglaublichen Aufgebot künstlerischer Hochleistungen in allen kulturellen Bereichen, egal ob es sich um Malerei, Plastik, Installation, Theater oder Performance handelt. Im Gegensatz zur documenta in Kassel, wo Kunst ohne Thema präsentiert wird, ging es hier vor allem darum, für eine bessere Welt mittels Kunst und Kultur zu streiten oder zu werben, ohne fantasievolle karibische Genüsse auszulassen: Zwei junge kubanische Künstler haben mit einer Tänzergruppe neue Formen der Präsentation erfunden. Sie nennen sich Carpinteros (Zimmerleute) und zeigten im Mai mehrmals auf dem berühmten Paseo de Prado Salsa-Conga-Rhythmen, rückwärts getanzt und gesungen: Ihre Reminiszenz an die vergangene Romantik der wandernden Zimmerleute in schwarzer, auffällig prächtiger Kleidung, mit silbernen Accessoires geschmückt war für das begeisterte kubanische und europäische Publikum ein phantastisches Fest für Augen und Sinne.

Dr. Linda Starbatty

Die Autorin ist Künstlerin, Kunstpädagogin, Kunstführerin und Reiseleiterin (www.linda-starbatty.de). Sie lebt in Frankfurt. Eine lea-Reise nach Kuba in den Herbstferien 2012 musste aus organisatorischen Gründen abgesagt werden. Eine für 2013 geplante Reise wird rechtzeitig im lea-Programm angekündigt: www.lea-bildung.de > Aktuelles Seminarangebot > Reisen