Titelthema: Portugal - Eitle Eliten
Kategorie: HLZ

 

Vom: 13.06.12

„Im Namen der Wirtschaftskrise wird das Bildungssystem destabilisiert“, klagen Elternvertreter, Schüler und Lehrer überall in Europa und sind gegen die Reduzierung der Schulstunden, die Vergrößerung von heterogenen Klassen sowie gegen die Einführung eines Beitrags für die Anmeldung in den Klassen von muttersprachlichem Portugiesisch-Unterricht im Ausland (EPE).

Dem Beispiel Italiens folgend, erhebt Portugal ab diesem Jahr 120 Euro Schulgebühr im Ausland für die Anmeldung zum Portugiesisch-Unterricht, soweit er in der Zuständigkeit des Heimatlandes liegt. Die Anmeldung berechtigt zum Erhalt von Büchern. Der Unterricht in der Verantwortung des Landes Hessen ist weiter kostenfrei. So wie sich das Land Hessen schon lange dieses herkunftssprachlichen Unterrichts entledigen und ihn in die Zuständigkeit der Konsulate transferieren will, will ihn die portugiesische Regierung „in die Obhut der Gastgeberländer“ geben.

Im Schuljahr 2011/2012 wurden mehr als 40 Lehrer aus dem Portugiesisch-Unterricht im Ausland (EPE) entfernt, im Dezember 2011 weitere 49 (20 in der Schweiz, 20 in Frankreich und 9 in Spanien). Der Unterricht in Deutschland ist noch nicht betroffen, weil große Teile der unterrichtenden Lehrer noch dem deutschen Schulsystem angehören. Lehrerinnen und Lehrer und Elternverbände sehen den Unterricht für die Schüler bedroht, die Arbeitsplätze der Lehrer in Gefahr und die Bedeutung der portugiesischen Sprache und Kultur im Ausland von den Behörden ignoriert.

Die Entscheidung Portugals für die EU war – anders als in den europäischen Kernländern – keine ökonomische, sondern eine politische Entscheidung. Heute dehnt sich der Turbokapitalismus wie die Arme eines Tintenfisches aus und saugt zuerst die Schwachen auf. Portugal als ökonomisch schwaches Mitglied der EU zeigt vorab die Gefahren, die die aggressive Ökonomisierung der Gesellschaft mit sich bringt.

Menschen, Institutionen, Nationen und Demokratien geraten in den Sog der Zocker des Kapitalmarktes. Im Juli 2011 waren 27,2 % der Portugiesinnen und Portugiesen unter 25 Jahren ohne Arbeit. Inzwischen hat sich die Arbeitslosigkeit der Jugend weiter verstärkt, so dass immer mehr Portugiesen auswandern. Portugal hat sehr viele gute Hochschulabsolventen, die keinen Platz im Binnenarbeitsmarkt finden. Die EU exportierte die Krise in die Randgebiete und fördert somit die eigene Exportindustrie auf Kosten der starken Verschuldung dieser Länder, die sich unvorbereitet und unvernünftig im Konsum und im Bau von Prestigeobjekten und Autobahnen verausgabten, anstatt die eigenen Kleinunternehmer für die Konkurrenz zu stärken.

Die Autobahnen dienten mehr der Beweglichkeit von Produkten in Europa (Großfirmen) als den Menschen vor Ort. Das Land lebte von kleinen Unternehmen, die der Konkurrenz der Großen nicht standhielten. Inzwischen kamen die Chinesen nach Portugal mit Sonderrechten wie einer fünfjährigen Befreiung von Gewerbesteuern und mit ihren billigen Produkten. Die Fischerdörfer, die mit ihren Familienbetrieben vom Fischfang lebten, bluteten aus, als die riesigen Industrieschiffe ausländischer Fischereien in ihre Gewässer kamen. Die erhoffte Steigerung des Tourismus, die Politiker am grünen Tisch vorgesehen hatten, blieb aus.

Eine verführbare Staatsverwaltung mit einer eitlen und parasitären politischen Elite schaffte es bis jetzt nicht, ihrem Volk und ihrer Kultur gerecht zu werden. Es ist tragisch zu beobachten, wie qualifizierte menschliche Ressourcen dem Schicksal der Emigration ausgeliefert werden und ein großes Vakuum in der portugiesischen Gesellschaft hinterlassen. Der Staat folgt blind der Troika und spart überall, aber besonders bei sozialen und kulturellen Ausgaben. Die portugiesischen politischen Eliten haben sich früher an die Engländer und Franzosen angeschmiegt, und heute nehmen sie diese Haltung gegenüber der EU ein – ohne Rücksicht auf das Volk.

Arbeits- und Lebensformen verbündet mit Existenzangst erschweren auch die Arbeit der Gewerkschaften. Jeder wird sich selber überlassen, nur die großen Arbeitgeber und Banken profitieren. Die Maßnahmen treffen besonders die Lohnabhängigen und kleine Firmen. Der wirtschaftliche Kolonialismus der Finanzwelt führt die Nationen in die Schuldknechtschaft, die alle unverantwortlich macht. Die Fügsamkeit und der große Fleiß der einfachen Leute Portugals werden dazu beitragen, dass der Kollaps noch hinausgeschoben werden kann. In Portugal wie in Europa arbeiten immer mehr Menschen, um einen Reichen zu ernähren.

António da Cunha Duarte Justo

Der Autor ist Pädagoge und Theologe und war von 1980 bis 2012 Lehrer für Portugiesisch und Ethik im hessischen Schuldienst und zwölf Jahre lang Öffentlichkeitsreferent des Ausländerbeirats Kassel. Er ist Mitbegründer der deutschen Abteilung der Gewerkschaft der Lehrer im Ausland (SPE/FENPROF), Vorstandsmitglied des Kunst- und Kulturvereins Baunatal e.V. und Präsident des Vereins Arte e Cultura em Diálogo für interkulturellen Austausch in Portugal.