Als EU-Mitgliedsstaat ist Griechenland bekanntlich zunächst mit seinen „falschen Zahlen“ und anschließend als erstes Land mit seiner Zahlungsunfähigkeit aufgefallen. Danach erlebte Griechenland Unvorstellbares und war plötzlich in aller Munde: angefangen von öffentlichen Beleidigungen wie „faule Griechen“ bis hin zu einzelnen heftigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Griechen.
Eine Rolle spielt dabei auch die deutsche Überheblichkeit, die Griechen hätten „eben lange über ihre Verhältnisse gelebt“. Für diese „Verhältnisse“ sind die Griechen nicht allein verantwortlich: Um immer mehr Produkte einschließlich deutscher U-Boote kaufen zu können, musste und konnte wider besseres Wissen viel Geld nach Griechenland fließen. Auch Griechenland hat seinen Anteil daran, dass Deutschland zum „Exportweltmeister“ wurde. Nicht vergessen sollte man auch das Problem des Griechenland in der Zeit der deutschen Besatzung aufgezwungenen Besatzungsdarlehens in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar.
Bis heute weigert sich Deutschland hartnäckig, die Zwangsanleihe zurückzuzahlen und Kriegsentschädigungen zu leisten. Griechenland verlor in der Zeit der deutschen Besatzung 13,5 % seiner Bevölkerung, hunderte von Dörfern wurden geplündert und zerstört. Bei einer entsprechenden Verzinsung des Zwangsdarlehens könnte Griechenland seine Schulden bequem zurückzahlen.
Kredite für Griechenland zum Nutzen anderer Verschuldet bis über beide Ohren versucht Griechenland seit 2009 sich zu retten, kann aber nicht und lässt sich daher retten. Die Rettungsbedingungen sind aber besonders hart und müssen das Volk mit unaufhörlichen Sparmaßnahmen in die Knie zwingen. Seit langem lebt das griechische Volk mit einer Zeitbombe, denn trotz des griechischen und EU-Politikern bekannten Riesendefizits erhielt Griechenland immer wieder mühelos weitere Darlehen, weil man hofft, mit den Zinszahlungen immer noch mehr Geld zu verdienen.
Diese Zeitbombe ist im Jahre 2009 explodiert – mit den bekannten verheerenden Folgen:
Die Staatsausgaben werden im Bereich der sozialen Sicherung (Renten, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe) und der Bildung drastisch gekürzt. Gehalts- und Rentenkürzungen gehören inzwischen zur Tagesordnung ohne Aussicht auf ein Ende. Das ganze Land ist eigentlich lahm gelegt: unzählige Klein- und Mittelbetriebe schließen, Renten werden bis unter das Existenzminimum gekürzt. In den öffentlichen Schulen fehlen trotz Lernmittelfreiheit die Schulbücher und das Heizöl. Lehrerinnen und Lehrer können ihre Familien nicht mehr ernähren. Ob da noch selbst bei einem überaus pflichtbewussten Lehrer Lehrbereitschaft besteht?
Die Wirtschaftskrise verschärft das Problem der Abwanderung. Die inzwischen auf über 18 % gestiegene Arbeitslosigkeit hat vor allem junge Leute, darunter viele Fachkräfte, ins Ausland vertrieben. Alle anderen Arbeitslosen im jungen Alter müssen sich von ihren Eltern unterstützen, oft sogar ernähren lassen, unabhängig davon, ob sie im Elternoder eigenen Haushalt leben. Denn das Arbeitslosengeld wird bekanntlich nur für ein Jahr bezahlt, danach sind die Arbeitslosen auf die Hilfe von Verwandten oder guter Freunde angewiesen.
Das Volk ist ohnmächtig. Es ist durch Verzweiflung so abgeschwächt, dass es nur bedingt Möglichkeiten zum wirksamen Handeln hat. Die Gewerkschaften sind die einzigen Agitatoren, doch auch sie sind im „Würgegriff“: Die Löhne werden gekürzt, die Lebenshaltungskosten steigen. Die Grundsteuer ist neu eingeführt und wird durch Stromrechnungen eingetrieben; sie war den Griechen bislang unbekannt und hat großes Aufsehen verursacht. Äußerungen wie „Ich muss für meine eigene Wohnung plötzlich Miete zahlen“ überraschen nicht. Bei erfolgloser Zahlungsaufforderung wird einfach der Strom abgestellt.
Die Wirtschaftskrise hat auch bei den griechischen Schulen im Ausland zugeschlagen. Eltern und ihre Kinder leben ständig in der Angst, dass die Abordnung griechischer Lehrer nach Deutschland beendet wird und Schulen geschlossen werden müssen. Die Folgen wären desaströs: Die Eltern müssten ihre Kinder nach jahrelanger griechischsprachiger Schulerziehung in deutsche öffentliche Schulen schicken. Naturgemäß hätten diese Kinder besondere Schwierigkeiten, sich in der neuen Schule, vor allem sprachlich, zurechtzufinden. Auch der herkunftssprachliche Unterricht in der Zuständigkeit der Konsulate ist von den Sparmaßnahmen betroffen.
Wo bleibt bei all dem die Moral? Die Troika sieht skrupellos zu, wie sich die Schlinge um den Hals der griechischen Bevölkerung immer mehr zuzieht und das griechische Volk sogar um seine territoriale Souveränität bangt.
„Die griechische Geschichte ist ein Lied“
Ein erheiternder Schluss ist immer gut. Lakis Halkias beschrieb die Griechen im Mai 1994 als ein Volk von Sängern: „Die griechische Geschichte ist ein Lied, manchmal fröhlich, einmal heroisch, episch, kämpferisch, ein anderes Mal klagend, leidenschaftlich, schwermütig. Vom Goldenen Zeitalter bis Alexander dem Großen von Byzanz bis zu den Balkankriegen, vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart singen wir, Griechen, immer vor oder nach jedem Triumph und jedem Desaster.“ Wir wissen leider nicht, was er heute sagt!
Dimitrios Papadopoulos und Kostas Iatridis
Kostas Iatridis (geboren 1940) war von 1980 bis 2005 Lehrer für herkunftssprachlichen Unterricht in Bayern und Hessen. Er ist Vorsitzender des Griechisch-Deutschen Kulturvereins in Bad Homburg und Mitglied des GEW-Vorstands im Hochtaunuskreis.
Dimitrios Papadopoulos (geboren 1938) kam 1960 als ungelernter Arbeiter nach Deutschland, studierte Germanistik in Mainz und war von 1971 bis 2004 Lehrer und Fachberater für den herkunftssprachlichen Unterricht und für Deutsch und Sozialkunde. Er lebt in Rüsselsheim.








