„Wir sind mal wieder Europas Deppen.“ Mit diesen und ähnlichen Schlagzeilen auf Seite 1 startete die BILD-Zeitung schon vor zwei Jahren den Dauerbeschuss gegen Finanzhilfen für Griechenland, dessen Kern das BILD von den „stinkfaulen und korrupten Griechen“ bildet. Immer im Plural, immer ohne jede Differenzierung, immer auf dem niedrigsten Niveau eines chauvinistischen Mainstreams.
Kein Wort dagegen von den Profiten deutscher Banken und Finanzjongleure, kein Wort von dem Nutzen für die deutsche Exportwirtschaft, kein Wort von den U-Boot-Verkäufen und der Kapitalflucht der Reichen aus Griechenland. „Griechen wollen unser Geld“, selbstverständlich nicht um die Wucherzinsen für die Kredite europäischer Banken zu zahlen, die sich das Geld zu minimalem Zinssatz bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen, sondern um die „Luxus-Renten“ der Griechen zu bezahlen, um einen „Pleite-Staat“ zu unterstützen. Statt dankbar zu sein und zu sparen, „streiten und streiken“ die Griechen.
Und die passenden Ratschläge haben die BILD-Redakteure auch parat. Die „Pleite-Griechen“ müssten lernen, dass „vor der Siesta harte Arbeit“ angesagt sei, müssten „ihre Inseln verkaufen“ und die „Privilegien abschaffen, statt zu randalieren“. Das Geld für den Rettungsschirm kommt selbstverständlich aus den „Ersparnissen der Deutschen“, ist „unser deutsches Steuergeld“ und deshalb ist „jeder Euro zu schade“. Die Berichte selbst werden vorzugsweise mit Fotos aus gut gefüllten Restaurants oder von rauschenden Partys garniert. BILD ist natürlich auch vor Ort „im Land der Bankrotteure und Luxusrenten, Steuerhinterzieher und Abzocker“ und stellt fest: „Von Krise keine Spur!“
Diese und andere Zitate sowie eine umfassende und profunde Analyse einer einmaligen „PR-Kampagne“ der BILDZeitung gegen ein EU-Mitglied verdanken wir der Otto Brenner Stiftung. Vor einem Jahr veröffentlichte sie eine mehrteilige Broschüre mit dem Titel „Drucksache ‚Bild‘ – Fehlanzeige Journalismus“, die am Beispiel der Griechenland-Berichterstattung einmal mehr den Kampagnenjournalismus der BILD-Zeitung unter die Lupe nimmt, der die Stimmung an den Stammtischen aufgreift und anfeuert: „An die Stelle des Journalismus, der mit seiner Arbeit der Information, der Orientierung und Kommentierung von gesellschaftlich Bedeutsamem sein Publikum erreichen will, setzt ‚Bild‘ Methoden der Werbung, der Unterhaltung, der Kampagnenkommunikation und des Marketings.“
Am Beispiel der BILD-Berichterstattung über die Griechenland- und Eurokrise des Jahres 2010 zeigen Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz mit einer empirischen Untersuchung im Detail auf, wie die BILD-Mannschaft Themen und Ereignisse „als eine Knetmasse für ihre publizistischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke behandelt“. Die Otto Brenner Stiftung möchte mit ihrer Studie, die sich auch gut für Unterrichtszwecke einsetzen lässt, der Selbstverständlichkeit widersprechen, „mit der ‚Bild‘ in Deutschland die Rolle des massenmedialen Platzhirsches einnimmt.“
Den Kern der Kampagne auf Kosten der griechischen Bevölkerung fassen die Autoren folgendermaßen zusammen:
- Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt (…) und damit allein die Schuldenkrise verursacht, mit der sie den Euro in Gefahr bringen.
- Weil die Griechen die EU über ihre wahren Zustände getäuscht und über ihre Verhältnisse gelebt haben und leben, haben sie vom deutschen Steuerzahler keine Hilfe verdient.
- Die Deutschen haben jahrelang eisern gespart, hart gearbeitet, den Euro wesentlich zu dem gemacht, was er heute ist, und deshalb hat es der deutsche Steuerzahler nicht verdient, so ausgenutzt zu werden.
- Die Politik nimmt die Interessen der deutschen Bürger (…) zu wenig ernst und lässt sich wahlweise von Spekulanten und Banken, aber vor allem von Schuldensündern und Pleite-Staaten über den Tisch ziehen.
- „Bild“ als Repräsentantin und Interessenvertreterin des hart arbeitenden deutschen Steuerzahlers lässt dieses Verhalten der Politik nicht durchgehen und wacht aufmerksam über die Interessen der deutschen Steuerzahler.
Die wachsende, himmelschreiende Not vieler Griechen, hungrige Schulkinder, die kleinen Geschäftsleute, die alle Ersparnisse verloren haben, die Bettler und die arbeitslosen Jugendlichen kommen bei BILD nicht vor. Einzige Bezugsgröße ist der geschröpfte deutsche Steuerzahler, der mit den BILD-Lesern identisch ist. Oder um noch einmal die Autoren der Studie zu Wort kommen zu lassen: „Wer sich in der Welt der Moral bewegt und mit letztlich nicht begründungspflichtigen Wertungen hantiert, der hat freie Bahn: Er muss nicht analysieren und bewerten, er kann sachlich unanfechtbar mit Gefühlen und Eindrücken spielen, sich in den Kategorien gut und böse, schwarz und weiß, schuldig und unschuldig bewegen, damit emotionalisieren und dramatisieren. Er bewegt sich damit in einem journalismusfreien Raum.“
Harald Freiling
Literatur
Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz: Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde. Die „Bild“-Darstellung der Griechenlandund Eurokrise 2010. Eine Studie der Otto Brenner Stiftung Frankfurt/Main 2011. Alle Bestandteile der Studie, weiterführende Materialien und Reaktionen findet man auf der Seite www.bild-studie.de zum Nachlesen und als Download.









