Titelthema: Mein Thema: Fortbildung | Fortbildung muss den Lehrerinnen und Lehrern nutzen
Kategorie: HLZ

 

Vom: 10.05.12

Allen Sonntagsreden und Bekundungen des Kultusministeriums über die Bedeutung der Fortbildung von Lehrkräften zum Trotz ist die Fortbildung ein ungeliebtes Stiefkind, das mit weiter reduzierten Zuwendungen auskommen soll. Die Fortbildung in staatlicher Verantwortung des Arbeitgebers blutet immer weiter aus.

Zwar pocht das Hessische Kultusministerium (HKM) auch in den 2011 novellierten Fassungen des Hessischen Lehrerbildungsgesetzes (HLbG), der Durchführungsverordnung (HLbG-DV) und der Dienstordnung (DO) noch einmal auf die „Pflicht“ zur Fortbildung und erneuert die Möglichkeit, dass Schulleitungen eine Fortbildung auch „anordnen“ können, doch sollen die Lehrkräfte
• die Fortbildung im Zweifelsfall selbst bezahlen,
• Termine in der unterrichtsfreien Zeit wahrnehmen (ohne dass sich die Arbeitslast zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichts dadurch reduziert),
• sich dem inhaltlich oft unzureichenden Angebot des Dienstherrn unterwerfen und
• schulinterne Fortbildungen mit zusätzlichem Arbeitsaufwand und minimalem Budget selbst organisieren.

Die Teilnehmerzahlen der Veranstaltungen der Regionalen Lehrerfortbildung in der Verantwortung der Staatlichen Schulämter sind nach einer Erhebung des HKM von 58.175 im Schuljahr 2008/2009 auf 35.852 im Schuljahr 2010/11 gesunken.

Gleichzeitig haben von September 2010 bis September 2011 4.810 Lehrkräfte an Fortbildungen zur Qualifizierung von Schulleitungen und „Nachwuchsführungskräften“ teilgenommen. Hier zeigt sich ein sehr deutliches Missverhältnis, dessen Ursache nicht darin liegt, dass die Lehrkräfte keinen Bedarf an staatlicher Fortbildung haben. Der Rückgang der Teilnehmerzahlen hat vielmehr damit zu tun, dass zum Schuljahr 2010/11 viele Stellen in der Fortbildung eingespart wurden. Konkret heißt dies, dass 20 Stellen in der Regionalen Lehrerfortbildung gekürzt wurden sowie weitere 50 Stellen, die in Form von Abordnungsstunden für Fachberatung an die Staatlichen Schulämter gingen, so dass in diesen Bereichen nur noch etwa ein Drittel der vorher vorhandenen Stellen zur Verfügung stand. Gleichzeitig wurde ein vom HKM gesteuertes System von Fach- und Schulberatern etabliert, wobei allein 86 Stellen dem Projekt „Bildungsstandards und kompetenzorientiertes Unterrichten“ zugeordnet sind.

Es gibt also weiterhin für den Hauptpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer (HPRLL) viel zu tun. Dass wir uns bei der Novellierung der HLBG-DV (erfolgreich) für eine Abschaffung der Fortbildungspunkte eingesetzt haben, ist genauso selbstverständlich wie der (ebenfalls erfolgreiche) Einsatz für die Aufnahme des „Rechts auf Fortbildung“ in die DO.

Fortbildung muss in staatlicher Verantwortung bleiben und sich an den veränderten Anforderungen an Schule und am Arbeitsalltag der Lehrkräfte orientieren. Dieser wird nicht nur von der Vermittlung von Wissen und Kompetenzen geprägt, sondern auch von der Auseinandersetzung mit sozialen Problemen, die das „Schulleben“ überlagern (Kinder ohne ausreichende Elternunterstützung, Schulstress und psychische Belastungen, Versagensängste, Schulverweigerung, Gewalt, Suchtproblematiken, Kinderarmut), von der Notwendigkeit individueller Förderung und neuen Anforderungen wie Bildungsstandards, geänderte Lehrpläne, Vergleichsarbeiten oder zentrale Abschlussarbeiten.

Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es in erster Linie einer spürbaren Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Verringerung der Pflichtstunden der Lehrkräfte. Erforderlich ist allerdings auch die rweiterung der Möglichkeiten für Fortbildung und anderer Unterstützungsformen. Hierzu gehören nicht nur ein entsprechendes Angebot, sondern auch Zeit und Raum, um solche Unterstützung wahrnehmen zu können und wirksam werden zu lassen. Unter den gegebenen Bedingungen können Fortbildung, Beratung und andere Unterstützungsformen nicht ständig zusätzlich z. B. an einem Spätnachmittag nach einem vollen Unterrichtstag stattfinden. Ganztägige und mehrtägige Fortbildungen während der Unterrichtszeit müssen nicht nur für die „Qualifizierung von Führungskräften“, sondern auch für alle Lehrkräfte wieder verstärkt möglich gemacht werden.

Beim Umbau der Staatlichen Schulämter muss die regionale Fortbildung für Schulen und Lehrkräfte erhalten und ausgebaut werden. Ein regional verortetes Unterstützungssystem sollte sich vor allem an der Nachfrage und den Bedürfnissen der Schulen sowie der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter orientieren. Die Ausbilderinnen und Ausbilder an den Studienseminaren sollten in das Unterstützungssystem insbesondere bei Fortbildungsmaßnahmen zur Unterrichtsentwicklung einbezogen werden.

Heike Lühmann
Heike Lühmann war in der letzten Wahlperiode stellvertretende Vorsitzende
des HPRLL und leitet zusammen mit Franziska Conrad das Referat Aus- und Fortbildung im Landesvorstand der GEW Hessen.