Titelthema: Wehret den Anfängen … | Die rechtsextreme Szene in Hessen
Kategorie: HLZ

 

Vom: 29.03.12

Die Hoffnung, der Rechtsextremismus würde sich mit der Altersentwicklung, dem Ableben der in der NS-Zeit (politisch) sozialisierten Generationen, erledigen, trügt. Im Gegenteil zeigen sich in der Geschichte der Bundesrepublik und Hessens zwei Entwicklungen: Der Rechtsextremismus ist – bei allem Auf und Ab – ein Dauerphänomen der bundesdeutschen (und damit hessischen) Gesellschaft und politischen Kultur geworden.

Es gelingt dem rechtsextremen Lager immer wieder, neben dem parteiförmig organisierten Rechtsextremismus und „alten“ neonazistischen Kleingruppen neue Organisationsformen herauszubilden, eine Generationenfolge herzustellen und sich ideologisch zu „modernisieren“. Dazu gehören vor allem zwei neuere Phänomene, die zeigen, dass und wie sich aktuell Verjüngungsprozesse im rechtsextremen Lager darstellen.

Kameradschaften und Autonome Nationalisten

Das sind einmal die aktionsorientierten Gruppen mit den Bezeichnungen „Freie Kräfte“, „Kameradschaften“ und „Autonome Nationalisten“. Hier gab es in den letzten Jahren und gibt es aktuell in Hessen lokale und regionale Schwerpunkte mit überschaubaren Kerngruppen wie „Sturm 18“ in Kassel, die „Freien Kräfte Schwalm-Eder“ (FKSE), die Freien Nationalisten Siegen (länderübergreifend), die Kameradschaft Darmstadt, die Autonomen Nationalisten (AN) beziehungsweise die „Anti-Antifa“ im Raum Wetzlar (Lahn-Dill-Kreis), die Kameradschaft im Raum Bergstraße und Odenwald (in den Rhein-Neckar-Raum hinein) sowie eine Kerngruppe „Rhein-Main“ (im Frankfurter Raum) und in Echzell/Wetteraukreis. Seit den 1990er Jahren sind diese Organisationsformen zunächst mit Kerngruppen, aber auch mit einem Umfeld entstanden. Sie sind dynamisch und lösen sich zum Teil wieder auf, sie geben sich neue Namen und es gelingt ihnen immer wieder, neue Jugendliche zu gewinnen. Es sind vor allem männliche Jugendliche und junge Männer, die in diesen Gruppen militant auftreten, zur Gewalt neigen und radikalisiert sind. Die Gruppen sind überschaubar, zum Teil mehr informell strukturiert („Freie Kräfte“) und zum Teil mehr autoritär-hierarchisch organisiert (Kameradschaften).

Jugendkulturelles Dauerphänomen

Eine weitere neuere Entwicklung in der Bundesrepublik ist als jugendkulturelles Phänomen in Hessen mehrfach auf Landkreis- und kommunaler Ebene untersucht worden. Es sind die rechten Jugendcliquen, die mit Musik und Eventkultur, Konzerten und Geburtstagsfeiern, Grillfesten, in öffentlichen und privaten Räumen, mit Outfit und Alkoholkonsum, dann auch mit Provokationen und gewaltförmigen Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen typische Merkmale eines jugendkulturellen, auch rebellischen Verhaltens aufweisen. Diese rechten Cliquen, ihre Aktivitäten und das erreichbare Umfeld sind schwer zu quantifizieren, aber es gibt solche Phänomene beinahe flächendeckend, wie unsere Befragungen und Berichte aus Schulen und der Jugendarbeit in vielen Landkreisen und Kommunen zeigen.

Es sind freizeit-kulturelle, erlebnis- und aktionsorientierte Zusammenhänge vor allem im ländlichen Raum, in Dörfern und Kleinstädten. Hier gibt es wiederholt einen Generationenwechsel, und wir haben es seit fast zwei Jahrzehnten mit einem jugendkulturellen Dauerphänomen zu tun. Dabei kommt der rechtsextremen Musik in der Ansprache und Gewinnung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine herausragende und ungebrochene Bedeutung zu. Dazu zählen Bands wie Hauptkampflinie (HKL), Störmanöver, Nordglanz, Faust und Gegenschlag, Konzerte und der Vertrieb oder die Verteilung von CDs. Mit unterschiedlichen Musikstilen werden Erlebniswelt und Ideologie produziert und Propaganda gemacht. Ähnlich große Bedeutung haben die Aktivitäten im Internet, das für alle Facetten des „rechten Jugendlebens“ – ob Homepages, Web 2.0, Foren, Chats oder selbst erstellte Filme – genutzt wird.

Benno Hafeneger