Titelthema: Nur Glatzen und Springerstiefel? | Erlebniswelten rechtsextremer Jugendlicher
Category: HLZ

 

Vom: 29.03.12

Gewalt, Alkohol und Bomberjacken. Das ist in etwa das Bild der rechtsextremistischen Szene, das nach wie vor transportiert und gern benutzt wird, um die Lebenswelten von rechtsextremistischen Jugendlichen zu beschreiben.

Doch trifft dieses Bild tatsächlich auf die Mehrheit der Jugendlichen zu, die im Zusammenhang mit rechtsextremen Erscheinungsformen auffällig werden? Oder ist dieses ein verkürztes Bild, das den Blick auf den inzwischen existierenden Facettenreichtum der Szene verstellt?

Unauffällig, höflich, freundlich

Erschrocken stellen manche Lehrerinnen und Lehrer fest, dass es in vielen Fällen Schülerinnen und Schüler sind, die gar nicht in das Klischee passen wollen. Unauffälliges Outfit, höflich, freundlich, dazu gute Noten. Und trotzdem auffällige Sprüche, die Glorifizierung der Wehrmacht oder die Forderung nach Einführung der Todesstrafe. Um dies zu verstehen, ist es notwendig, einen genaueren Blick auf die rechtsextremistische Szene und ihre Erlebniswelten zu werfen.

Was hat sich im Auftreten von Rechtsextremisten geändert? Der Versuch, „gesellschaftsfähig“ zu werden und demokratische Organisationen und Strukturen zu durchdringen hat zu einem deutlichen Wandel geführt. Die modernen Erscheinungsformen, weg von Glatze und Bomberjacke, hin zu am Mainstream orientierten Modemarken und Styles, die nicht mehr auf den ersten Blick als rechtsextrem zu erkennen sind, gehen einher mit einer inzwischen weit ausdifferenzierten rechtsextremistischen Erlebniswelt. Diese durchdringt inzwischen nahezu alle Facetten des Alltags von Jugendlichen. Rechtsextremist zu sein ist heute nicht mehr nur die Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Gruppierung oder der regelmäßige Besuch von einschlägigen Veranstaltungen. Auch für den privaten, scheinbar unpolitischen Raum, gibt es Angebote.

Tauglich für den Mainstream

Der Erstkontakt findet nach wie vor oft über den Freundeskreis statt, Mitschüler oder andere Bekannte, die schon länger aktiv sind. Diese faszinieren durch eine mehr oder weniger offen zur Schau gestellte Rebellion gegen die bestehenden Normen und das provokante Antasten von Tabus. Oder es sind die einfachen Lösungen für die komplexen Probleme einer globalisierten Welt. Wichtiges Hilfsmittel hierzu ist die Musik mit Bands, die vor allem durch extrem gewaltverherrlichende Texte und den gezielten Tabubruch auffallen. Bekanntestes Beispiel ist die Band Landser, die inzwischen wegen ihrer Musik als kriminelle Vereinigung verboten ist. Hier sind allein die Titel der Lieder wie „Schlagt sie tot“ oder „Kanake verrecke“ Anreiz genug und sie gehören inzwischen in vielen Schulklassen zum verfügbaren Repertoire.

Dieser verbreitete Konsum hat mehrere Folgen. Zum einen werden Parolen wie die oben genannten zur Normalität. Das Abschreckende einer solchen Gewaltaffinität geht mit der Alltäglichkeit verloren. Schließlich werden auch durch die Texte Versatzstücke rechtsextremer Ideologie wie Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit in die Köpfe der Jugendlichen transportiert. Wenn man auch nicht immer selbst ein solches Gedankengut teilt, so wird die Toleranz gegenüber menschenverachtenden Positionen gefördert. Rechtsextreme Versatzstücke werden tauglich für den Mainstream.

Aber rechtsextreme Musik ist mehr als Landser. Vor allem in den letzten Jahren haben sich neben Balladensängern und dem seit Beginn der 80er Jahre existierenden Rechtsrock auch Bands in anderen Genres etabliert. So gibt es inzwischen im Hardcore-, Gothic- und Black Metal-Bereich eine ganze Reihe von Bands, die sich eindeutig in die extreme Rechte eingruppieren, vereinzelt sogar im Hip Hop. Die Texte reichen dabei von eindeutig rechtsextrem bis zu eher versteckten Botschaften, die beinahe jeden Geschmack bedienen können. In Zeiten von mp3, youtube und diversen Musiktauschbörsen im Internet ist die Verfügbarkeit der Musik stets gewährleistet. Auch Indizierungen oder Verbote können die Verbreitung nicht unterbinden. Der Tausch läuft von Person zu Person oder über Internetportale auf ausländischen Servern weiter.

Über 1.700 rechtsextreme Internetseiten

Das Internet mit seinen rechtlichen Grauzonen hat noch eine andere wichtige Funktion für die rechtsextreme Szene. Es ist als wichtigstes Informations- und Kommunikationsmedium der Jugendlichen von besonderem Interesse. Was für die Musik gilt, gilt inzwischen auch für das Internet: Jeder hat damit Kontakt. So kann potenziell jeder erreicht werden und das versucht die Szene zu nutzen: Inzwischen gibt es allein in der Bundesrepublik über 1.700 rechtsextreme Internetseiten. Es ist eine Parallelwelt entstanden mit Informationsbörsen, Diskussionsforen, den Seiten von Parteien und Organisationen wie den Kameradschaften, Kampagnenseiten zur Mobilisierung für Aktionen und Demonstrationen bis hin zu Single- und Kontaktbörsen.

In neuster Zeit wird auch für die extreme Rechte das sogenannte Web 2.0 immer wichtiger. In Sozialen Netzwerken wie facebook sind inzwischen viele Gruppierungen vertreten. Dort ist die Reichweite der Angebote noch höher. Durch die enge Vernetzung über Freundeslisten und die Möglichkeit, Bilder und Videos zu posten, können Personenkreise erreicht werden, die im übrigen Netz wohl unerreicht bleiben würden. Die einschlägigen Einträge im Web 2.0 sind mittlerweile auf über 6.000 gestiegen. Durch die Internationalität des Internets bietet sich zudem die Möglichkeit, Beschränkungen des deutschen Strafrechtes, zum Beispiel hinsichtlich der Verherrlichung des Nationalsozialismus, zu umgehen. Wie auch bei der Musik scheinen Regeln und Gesetze aufgehoben: Man kann sich darüber hinwegsetzen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Auch in der realen Welt gibt es Bestrebungen, bestehende Beschränkungen auszuhöhlen. So haben sich Symboliken und Codes, die in der Szene verwendet werden, in den letzten Jahren gewandelt. Um verbotene Parolen wie die Grußformel „Heil Hitler“ ungestraft benutzen zu können, werden Zahlencodes benutzt. In diesem Fall wird der Gruß durch die 88 symbolisiert. Die Achten stehen dabei jeweils für den 8. Buchstaben des Alphabets. Dass die Abkürzung HH den
Hitler-Gruß symbolisiert, ist Allgemeingut in der Szene. Andere Codes wie die 18 für A und H, die Initialen von Adolf Hitler, oder die 28 als Zeichen für das verbotene Musiknetzwerk Blood and Honour finden ebenfalls Verwendung.

Insgesamt geht der Trend weg von offen erkennbaren, hin zu den meist nur Szenekundigen bekannten Symbolen, die aber oftmals einen eindeutigeren Bezug zum Nationalsozialismus haben. Auch hier gilt das Signal: „Eure Gesetze gelten für uns nicht oder wir können sie umgehen.“

Subkulturelle und linke Zeichen

Alles, was das gewünschte Bild von Protest und Rebellion unterstützt, wird angenommen. Dazu gehören subkulturelle Elemente wie Graffiti oder Themen, die ein Ausdruck jugendlichen Protests sein könnten. Dies sind beispielsweise der Umweltschutz – in der Szene als „Heimatschutz“ bezeichnet – oder die Globalisierung – jedoch nicht mit dem Willen, eine gerechtere Weltordnung zu etablieren, sondern mit dem Ziel der Abschottung und der alleinigen Orientierung an „deutschen Interessen“. Werden diese Themen eher mit der politischen Linken verbunden, wird von rechts außen versucht, deren Gestus und Handeln zu kopieren, vor allem das der „Autonomen“ der 90er Jahre. Deutlichster Ausdruck davon sind die sogenannten „Autonomen Nationalisten“, eine äußerlich fast perfekte Kopie der autonomen Szene und deren Auftreten  bei Demonstrationen als „Schwarzer Block“. Diese Kopie beinhaltet nicht nur das Outfit, sondern auch Symbole oder Parolen. Inhalte, die mit diesen Erscheinungsformen ursprünglich transportiert werden sollten, wie Unabhängigkeit oder Hierarchiefreiheit werden naturgemäß nicht übernommen.

Auch Autonome Nationalisten wünschen sich einen „Führer“. Besonders wichtig ist ihnen bei der Kopie linker Erscheinungsformen der – auch früher schon so genannte – „Kampf um die Straße“: das Prägen des Stadtbildes, das Schaffen einer Meinungshegemonie. Hier kommen die Graffitis ebenso ins Spiel wie die zahlreichen Aufkleber, Sprühereien, Plakate und schließlich die Akteure der Szene selbst.

Der „Kampf um die Straße“

Verhältnismäßig neu ist das militante Auftreten bei Demonstrationen, und zwar wieder in Verbindung mit dem „Schwarzen Block“. Hier wird getestet, wie weit sich die Selbstsicht, die gefühlte Stärke und Überlegenheit an der Realität messen lassen können. Man sucht inzwischen offen die Auseinandersetzung mit Polizei und Gegendemonstranten, um Selbstbestätigung zu erhalten. Fehlt der Widerspruch und werden dort nicht klare Grenzen aufgezeigt, feiert man dies als Erfolg. Werden beispielsweise auf einer Demonstration verbotene Parolen gerufen, Auflagen nicht beachtet und Drohungen oder tätliche Übergriffe auf Gegner durchgeführt und wird dies nicht geahndet, wird dies das Gefühl der eigenen Überlegenheit gegenüber dem „System“ bestärken. Eine weitere Eskalation rechtsextremen Auftretens und schlussendlich auch der daraus folgenden Gewalt sind zu befürchten.

Ein konsequentes und frühzeitiges Intervenieren aller Beteiligten kann dagegen oft Schlimmeres verhindern und die Szene unattraktiver machen. Die aufgezeigte Entwicklung macht es schwieriger, rechtsextreme Tendenzen zu erkennen und mit den von den beschriebenen Erlebniswelten geprägten Jugendlichen und ihrem Umfeld umzugehen. Doch niemand muss dies allein meistern. Hilfe gibt es beispielsweise beim Beratungsnetzwerk Hessen (HLZ S. 16), das fachkundige  Beratung, zugeschnitten auf den jeweiligen Bedarf, anbietet.

Helge von Horn
Helge von Horn ist freier Mitarbeiter beim Beratungsnetzwerk Hessen und bietet Fortbildungsveranstaltungen zu den Themen „Rechtsextremismus erkennen“, „Strategien und Entwicklungen der extremen Rechten“ und „Umgang mit Rechtsextremismus in der Schule“ an, unter anderem auch beim GEW-Fortbildungswerk lea (HLZ S. 18).

Den Rechtsextremisten entgegentreten

In seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar lobte Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, „die den Rechtsextremen, die durch ihre Städte marschieren wollen, immer wieder entgegentreten und zeigen: Wir dulden eure Diffamierungen, euren Hass nicht, schon gar nicht eure Gewalt“. Lammert lobte die „Menschen, die Zivilcourage beweisen, die nicht wegsehen, (…) Menschen, die ein Beispiel geben und die Mut machen“. Zu diesen Menschen gehören auch die Fraktionsvorsitzenden der LINKEN im hessischen Landtag Janine Wissler und Willy van Ooyen, die sich am 13. Februar 2010 mit mehr als zehntausend Menschen einem Marsch von 5.000 Rechtsextremisten in Dresden entgegenstellten, die den Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg für ihre Propaganda nutzen wollten. Jetzt, zwei Jahre später, hob der hessische Landtag Anfang Februar 2012 auf Antrag der Staatsanwaltschaft, die Wissler und van Ooyen als „Rädelsführer“ verfolgt, mit den Stimmen von CDU und FDP die Immunität der beiden Abgeordneten auf.