

Das gilt für die rechtsextremen Parteien, die neonazistischen Gruppen, Teile der Skinheadszene, dann für Gruppen im Spektrum der Kameradschaften, Autonomen Nationalisten und Netzwerke. Weiter zeigen Wahlanalysen, dass etwa zwei Drittel der Wähler von rechtsextremen Parteien männlich sind. Bei Wahlen in den letzten Jahrzehnten haben vor allem männliche Jung- und Erstwähler mit schlechter schulischer und beruflicher Bildung wiederholt und überdurchschnittlich rechtsextreme Parteien gewählt. Weitere Daten zeigen, dass die antisemitisch und rechtsextrem motivierten Straf- und Gewalttaten fast ausschließlich von (jungen) Männern begangen werden.
Die wenigen Hinweise machen deutlich, dass der Rechtsextremismus „etwas mit Männlichkeit“ zu tun hat und vor allem ein männliches Phänomen ist. Dabei gibt es Klärungsbedarf vor allem in drei Richtungen:
Erstens sind unter anderem folgende empirische Fragen zu klären: Wie sehen die Motive und Wege des Einstiegs, die Prozesse der Verfestigung, die biografischen Entwicklungen und Einbindungen in die Szene aus, die zu einer rechten Männlichkeit führen? Männliche Jugendliche werden in die Szene hinein und dann in der Szene sozialisiert beziehungsweise vergemeinschaftet.
Zweitens sind analytische Fragen zu beantworten: Welche Männlichkeit(en) bzw. Männlichkeitsbilder und welche „männlichen Praxen“ werden von der rechtsextremen Szene angeboten und machen sie für Teile aus der jungen männlichen Generation dauerhaft oder vorübergehend interessant und „attraktiv“?
Drittens sind Fragen nach dem pädagogischen Umgang mit männlichen Jugendlichen in der Szene und in deren Umfeld zu beantworten: Wie und mit welchen Angeboten sind solche Jugendlichen zu erreichen?
Ein spezifisches Bild bzw. eine Konstruktion von Männlichkeit gehört konstitutiv zum Rechtsextremismus; das gilt für alle Gruppen und Phänomene, alle jugendlich-männlichen Milieus, für das Weltbild und die Praktiken der Szene. Diesem Bild lassen sich zehn Attribute zuordnen:
1. Es sind maskuline und dominierende Macht-, Überlegenheits- und Männlichkeitsansprüche, mit denen versucht wird, lebensweltliche Erfahrungen zu verarbeiten und männliche Identität herzustellen.
2. Es ist eine trainierte, kämpferisch-soldatische und stark gewaltaffine Männlichkeit, die als „soldatische“ und „militarisierte“ Männlichkeit mit historischen Traditionen insbesondere aus der NS-Zeit und der Wehrmacht verbunden wird. Kreiert wird der „deutsche Junge“ und „deutsche Mann“, der Macht, Stärke und Selbstbehauptung demonstrieren soll.
3. Es ist die Abgrenzung und Abwertung, die hasserfüllte Gefühlswelt gegenüber Anderen, Fremden (fremden Männern) und Fremdheit. Die Konstruktion von Feindbildern richtet sich immer auch gegen andere Männlichkeiten; es ist ein „Kampf um Männlichkeit(en)“ und um die Macht der weißen (arischen, deutschen) Männer. Es ist eine Ideologie des männlichen Körpers und des „deutschen“ Mannes, der für die „nationale Sache“ kämpft, die Familie beschützt und bereit ist, sich für Familie, Volk und Vaterland zu opfern.
4. Es ist ein Mann, der deutsch-nationalistisch, völkisch und rassistisch denkt, der Geschlechterhierarchien (eine dichotome Ordnung) herstellt und für den eine soldatische Körperlichkeit und zugehörige Körperpraxen einen hohen Wert besitzen. Mit Begriffen wie „natürliche“, „deutsche“, „wirkliche“, „richtige“ und „wahre“ Männlichkeit und entsprechender Weiblichkeit werden eindeutige und klare Geschlechter- und Männer-/Frauenverhältnisse in der gedachten Volksgemeinschaft konstruiert.
5. Es ist ein elitäres Denken und es sind vielfältige Feindbildkonstruktionen mit Abwertungen von sozialen Gruppen; das sind vor allem fremdenfeindliche, rassistische, homophobe, sexistische, antisemitische und islamfeindliche Orientierungen, die für die eigene männliche Identität von zentraler Bedeutung sind.
6. Es ist die Inszenierung als verschworene Kameradschaft und Rebellion, zu der auch Provokationen, Militanz, Gewaltbereitschaft und -anwendung gehören. Die eindeutige Körpersprache zeigt den Körper als Medium, der immer wieder martialisch auftritt, Gewalt androht oder mit Gewalt handelt. Der Körper ist ein demonstratives Instrument des Kampfes und unterliegt einem „Gewaltcurriculum“; er wird eingesetzt um sich wahrzunehmen, auszudrücken und durchzusetzen. Gleichzeitig wird er verachtet, indem er Gefährdungen und Risiken ausgesetzt wird.
7. Es ist ein Männlichkeitsbild, das „alt“ ist und sich „modernisiert“. Es pendelt zwischen „rechtem Schläger“ mit typischer Kleidung (Springerstiefeln und Bomberjacke) und sich äußerlich „jugendlich-hipp“ und subversiv-rebellisch gebendem jungen Mann; und das sich oftmals in seinem Outfit und Gestus kaum noch von einem erklärten Gegner unterscheidet. Die „moderne“ Männlichkeit geht vor allem von subkulturellen, militanten und gewaltbereiten Gruppen (Kameradschaften, Autonomen Nationalisten) aus. Deutlich wird das u. a. in der äußerlich unbefangenen Aneignung von linksautonomer Symbolik und Ästhetik (Kleidung, Sprache, Musik), im Aktionismus (flash mobs) sowie in ideologischen
Facetten (Antikapitalismus und -amerikanismus, Straße als Kampfplatz). Eine solche Militanz und Gewaltbereitschaft in der hedonistischen Verbindung mit Spaß und Erleben sorgt für Spannungen im Lager, vor allem mit dem traditionellen Teil und dem Typus des kleinbürgerlich-spießigen NPDFunktionärs.
8. Es ist der rechtsextreme Alltag und seine Kultur mit Musik (Rechts-/Identitätsrock) und Alkohol; es sind die Aufmärsche, öffentlichen Inszenierungen, gewalthaltigen oder auch paramilitärischen Aktionen, dann die vielfältigen Rituale (Gestik, Auftreten, Gang, Besetzung von Räumen etc.), die zur ständigen Vergewisserung der (völkischen) Zugehörigkeit gehören.
9. Es sind die Verachtung und der Hass auf Intellektualität und Nachdenklichkeit, die mit der Betonung von körperlicher Männlichkeit verbunden sind. Dabei erhalten die physische Stärke, der körperliche Kampf und die körperliche Gewalt in Selbstinszenierungen und Auseinandersetzungen ideologische Bedeutungen.
10. Das Internet, Web 2.0 und die Sozialen Netzwerke (u. a. Facebook-Auftritte) werden von der extremen Rechten zur Präsentation und Kommunikation, Propaganda und Mobilisierung rege genutzt. Mit ihren Aktivitäten in den Sozialen Netzwerken werden deren offenen und subtilen Strategien deutlich, mit denen versucht wird, jugendliche Nutzer anzusprechen und anzuwerben. Zu finden sind unterschiedliche Männlichkeitsbilder und vor allem Männer aus der Szene vertreten bei ihren virtuellen Auftritten einen offenen und aggressiv-kämpferischen Rechtsextremismus, eine Ideologie der Stärke und Härte. Aber die Facetten sind breit: Sie reichen vom offenen Rassismus und völkischer Ideologie
über brave (Spieß-)Bürgerlichkeit und ansprechbare Anti-Politiker „gegen die da oben“ bis hin zu „Spaß, Widerstand und Rebellentum“; zu letzteren gehören Metaphern wie „autonom und militant“ und jugendkulturelle Anleihen mit Begriffspaaren wie „frisch und jung“, „hip und cool“.
Vergemeinschaftung in der Szene
Der Demonstration von harter und kämpferischer Männlichkeit steht eine andere Seite von männlichen Jugendlichen und jungen Männern in der Szene gegenüber: Dies sind deren erlebte Marginalisierungen und problematische soziale Hintergründe (niedrige Bildung, familiäre Brüche, ökonomische Problemlagen), die vielfach mit prekären Lebenssituationen verbunden sind. Gleichzeitig ist der rechtsextreme Alltag mit seinen Treffen, homosozialem bzw. männerbündischem Gemeinschafts(er)leben und Kameradschaftsabenden, dem Beschwören von Gesinnungsgemeinschaft bei Aktionismus, Trinkgelagen, Feiern, Partys, Schulungen, beim Grillen, Gröhlen und Marschieren immer auch dumpf und eintönig.
Die rechtsextreme Wirklichkeit ist geprägt von Langeweile, Druck und Kontrolle, Mobbing und Gewalt untereinander. Die Reden von Freundschaft und Kameradschaft, Zusammenhalt und Gemeinschaft – die als Mythen einer verschworenen Gemeinschaft und Elite beschworen werden – sind die eine Seite; die andere Seite ist, dass das rechtsextreme Jungmännerleben verbunden ist mit autoritären Hierarchien und Unterordnung nach dem Dominanz- und Führerprinzip,
Pädagogische Herausforderung
Die skizzierten Männlichkeitsbilder und -praxen prägen Jugendliche und junge Männer in der rechtsextremen Szene. Sie haben in der adoleszenten Entwicklungszeit eine politischmännliche sozialisatorische Bedeutung, und sie sind immer auch – wenn Entwicklungen noch offen sind - mit Brüchen in den rechten Vergemeinschaftungserfahrungen verbunden. Die Bilder und Wirklichkeiten der Szene müssen in der pädagogischen Arbeit aufgenommen werden, wenn man Jugendliche erreichen will. Das gilt neben ideologischen gerade auch für körperliche Inszenierungen im Prozess der Herausbildung von männlicher Identität.
Die rechtsextreme Szene bewegt sich zwischen gesellschaftlicher und subjektiv erlebter Marginalisierung und maskulinen Hegemonialansprüchen. Sie bietet männlichen Jugendlichen ein Feld für die Bearbeitung ihrer Adoleszenz und Identitätsentwicklung, ihrer Brüche und Krisen; und sie erreicht mit ihren Angeboten vor allem männliche Jugendliche mit kumulativen Erfahrungen sozialer Marginalisierung.
Damit ist angedeutet, dass es in der Arbeit mit Jugendlichen in der Szene zu den pädagogischen Herausforderungen gehört, ihnen auch Wege hin zu anderen – kreativen, selbstbestimmten, reflexiven – Männlichkeitsentwürfen und -praxen aufzuzeigen und diese erfahrbar zu machen.
Prof. Dr. Benno Hafeneger