„Einer Lehrerin fällt auf, dass sich im Unterricht latent rassistische Äußerungen häufen. Einzelne Schülerinnen und Schüler berichten ihr außerdem von Verteilaktionen der Schulhof-CD der NPD und erwähnen sogenannte Angsträume außerhalb der Schule.“
„Eine türkische Mutter ruft beim Hessischen Fußball-Verband an und fragt, ob dort bekannt sei, dass ein NPD-Funktionär als Jugendtrainer in dem Verein tätig ist, in dem ihr Sohn trainiert. Sie sorgt sich um das Wohl ihres Sohnes.“ „Ein einschlägig bekannter Rechtsextremist im Ort plant ein Rockkonzert im Sommer. Es wird befürchtet, dass dieses ‚Festival‘ eine Anlaufstelle für Neonazis aus der Region wird. Um dies zu verhindern, wendet sich der Bürgermeister ratsuchend an das Beratungsnetzwerk.“
Dies sind nur einige Beispiele für Anfragen, wie sie das beratungsNetzwerk hessen – Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus wöchentlich erreichen. Auch in Hessen sind Menschen, Vereine oder Institutionen vielerorts mit rechtsextremistischen, antisemitischen oder fremdenfeindlichen Vorkommnissen konfrontiert. Nicht selten reagieren die Betroffenen hilflos. Um solchen Konflikten angemessen begegnen zu können, bietet das beratungsNetzwerk hessen seit 2007 eine schnelle und fundierte Beratungshilfe vor Ort an. Dem Netzwerk gehört eine Vielzahl staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen an, die durch die an der Philipps-Universität Marburg angesiedelte Koordinierungsstelle zusammengehalten werden. Hier werden auch alle eingehenden Anfragen koordiniert. Je nach Art des Anliegens werden Beraterinnen und Berater vermittelt, die anschließend vor Ort in einem individuellen Gespräch Ziele und Bedarfe einer Beratung klären. Geht es beispielsweise um Information oder darum eine Gefährdungslage besser einzuschätzen?
Wollen Lehrkräfte durch Fortbildungen mehr Handlungssicherheit im Umgang mit rechtsaffinen Jugendlichen gewinnen oder will eine Kommune einen Runden Tisch etablieren? All dies können Anliegen einer Beratung sein. Die Beratung ist grundsätzlich kostenlos, anonym und orientiert sich am konkreten Bedarf des jeweiligen Beratungsnehmers oder der jeweiligen Beratungsnehmerin. Die Beraterinnen und Berater im Netzwerk kommen aus unterschiedlichen beruflichen und ehrenamtlichen Kontexten: aus Schule, Verwaltung, Bürgerinitiativen, der Verbandsarbeit, der Kinder- und Jugendhilfe, um einige Bereiche zu nennen. Beratung erfolgt ausschließlich anlassbezogen, wenn sich betroffene Menschen ratsuchend an das Netzwerk wenden.
Das Netzwerk wird nicht selbst aktiv. Daher kann die Zusammenschau der verschiedenen Beratungsfälle und -felder kein abschließendes Bild über rechtsextreme Vorkommnisse in Hessen zeichnen. Vielmehr zeigt sich hier – im Unterschied zu der Statistik zu „politisch motivierter rechter Kriminalität“ der Sicherheitsbehörden – eine weitere Perspektive auf das Phänomen, nämlich wann und warum Menschen auf rechte und fremdenfeindliche Vorkommnisse aufmerksam werden und diesen Tendenzen etwas entgegensetzen wollen. Wenngleich Schulen die häufigsten Beratungsnehmer sind, ist Rechtsextremismus kein Phänomen, das sich auf Jugendliche oder junge Erwachsene beschränkt. Die Übersicht zeigt letztlich nur, dass viele Vorfälle und Konflikte im schulischen Alltag stattfinden oder vor allem hier als Interventionsanlass wahrgenommen werden.
Schule: Nicht nur Glatzen und Springerstiefel
Das Beratungsfeld Schule ist komplex, denn hier sind verschiedene Personen involviert: Schulleitungen, Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Schülerinnen und Schüler und Eltern. Rechtsextreme Vorkommnisse rufen an Schulen nicht selten bei der Schulleitung oder in den Kollegien eine latente Angst hervor, dass die Thematisierung der Ereignisse zu einem Imageverlust der Schule führen könnte. Dresscodes und Symbole rechtsorientierter Jugendlicher haben sich geändert und dienen nicht selten einem „Versteckspiel“. Aktivisten aus der Szene sind mitunter in ihrer Argumentationsweise geschult und äußern sich im Unterricht weniger provokant. „Autonome Nationalisten“ ähneln in ihrem äußeren Erscheinungsbild linken Jugendlichen. Rechtsextremismus kommt schon längst nicht mehr ausschließlich mit „Glatze und in Springerstiefeln“ daher.
Vielen Pädagoginnen und Pädagogen offenbart sich daher die Gesinnung ihrer Schülerinnen und Schüler nicht in einer Art und Weise, dass sie Handlungsbedarf sehen: „Eine Lehrerin nahm kürzlich an einer Lehrerfortbildung zu modernen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus teil. Nachdem die Inhalte nach Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und dem Schulleiter auf die eigene Schule projiziert wurden, stellte sich nach gemeinsamer Überzeugung auch für die eigenen Schule ein Handlungsbedarf dar.“ Oft sind Schülerinnen und Schüler besser als Lehrkräfte über rechtsextreme Haltungen ihrer Klassenkameraden informiert sind. Die Schülerschaft ist daher mit ihren diesbezüglichen Sorgen ernst zu nehmen.
Beratung an Schulen zielt darauf ab, den verantwortlichen Akteuren neue Handlungsoptionen zu eröffnen, um sie zu einem eigenen und selbstbewussten Umgang mit der Problematik zu ermutigen und zu befähigen. Eine Herausforderung für Schulen und Beratung liegt darin, einen geeigneten Umgang mit rechtsaffinen Jugendlichen zu finden, der einerseits Chancen zur konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Geschehen bietet und dabei gleichzeitig dem Schutz der Opfer zentrale Bedeutung zumisst. Daher muss bei Vorfällen die Dynamik zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern in den Blick genommen werden. Ziel der Beratung ist es, die Beteiligten zu befähigen, das Geschehen zu begreifen und gemäß dem öffentlichen Auftrag handlungsfähig zu bleiben. Wie die Veränderungen in den Erscheinungsformen des Rechtsextremismus zeigen, sind Information und Sensibilisierung wesentliche Schritte zu mehr Handlungskompetenz. Aber auch die strukturelle und inhaltliche Unterstützung von Schüler-, Eltern- und Lehrerinitiativen gegen Rechtsextremismus kann Teil der Beratung sein.
Auch die Vernetzung mit Akteuren aus der Kommune kann relevant sein, damit Schulen mit den Problemen nicht alleine dastehen und das Engagement sichtbarer wird. Schüler-AGs gegen Rechts oder Projekte wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ sind gute Beispiele, wie Schülerinnen und Schüler nach innen und außen ein positives Zeichen setzen können. Die schulinterne aber auch öffentliche Anerkennung ihres Engagements stärkt die demokratische Schülerschaft.
Beratung in Familien: Ein geschützter Raum
Eltern suchen oftmals Orientierung und Rat, wenn ihre Kinder zu Jugendlichen werden und auf der Suche nach einer „passenden Identität“ sind. Die Kinder grenzen sich ab und begeben sich in unterschiedliche Jugendkulturen, mitunter auch in rechte Cliquen oder rechtsextreme Kreise. Um die Verhaltensänderungen des Kindes, seinen Kleidungsstil, seine Musik, die neue Clique richtig einschätzen zu können, wünschen sich oft auch Eltern Unterstützung. Der geschützte und anonyme Raum einer Einzelberatung ermöglicht es Eltern, Ängste und Konflikte anzusprechen, die aus Scham bislang nicht thematisiert werden konnten.
Was reizt das Kind an der jeweiligen Szene? Die Antwort auf die Frage, kann Aufschlüsse darüber geben, welche Alternativen dem Kind angeboten werden können, um einen Einstieg in die rechte Szene zu verhindern. Häufig geht die rechte Orientierung des Kindes einher mit weiteren Problemen und Belastungen im Umfeld des Jugendlichen oder der Familie. Elternberatung ist daher oftmals psychosoziale Beratung. Was heißt es, „klare Grenzen aufzuzeigen“? Wie kann der „Draht“ zum eigenen Kind gehalten werden, um die Beziehung zu erhalten, einen Ausstieg aus der Szene zu ermöglichen oder damit umzugehen, dass es jegliche Hilfe oder gar den Kontakt ablehnt? Oft hilft Eltern auch das Wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Eine Elterngruppe kann helfen, in einem moderierten Rahmen Rat und Unterstützung bei Menschen in einer ähnlichen Situation zu finden.
Beratung in Kommunen: Man kennt sich Im kommunalen Bereich schlagen oft verschiedene Akteure gleichzeitig Alarm: kommunale Institutionen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, Kirchengemeinden oder Bürgerinitiativen. Dies erfordert einen multiprofessionellen Beratungsansatz. Insbesondere die engen Beziehungsgeflechte im ländlichen Raum stellen eine Herausforderung für die Beratung von Kommunen dar: „Man kennt sich“ und somit auch den vermutlichen Rechtsextremisten oder rechtsaffinen Jugendlichen aus der gemeinsamen Schulzeit, über die Eltern, aus dem Verein oder aus anderen persönlichen Bezügen. Daher müssen Beziehungsgeflechte im ländlichen Raum bei Beratungsprozessen berücksichtigt werden. Nur unter diesem Blickwinkel kann es gelingen, dass die Menschen im Gemeinwesen selbst auf Dauer einen belastbaren Umgang mit rechtsextremistischen Vorkommnissen finden.
Weiterhin sind Kenntnisse der regionalen rechtsextremen Szene relevant. Beraterinnen und Berater müssen zunächst das Umfeld im Stadtteil oder der Region kennen, um die Gefahrenlage richtig einzuschätzen und mit der Kommune entsprechende Handlungsstrategien zu entwickeln. Bei Bedarf kann eine umfassende Regional- oder Umfeldanalyse Grundlage für die Bestimmung vorrangiger Handlungsfelder sein wie die Stärkung der Zivilgesellschaft oder der Schutz potenziell Betroffener. Damit Gemeinwesen und Zivilgesellschaft Rechtsextremismus nachhaltig entgegentreten können, bedarf es einer guten Vernetzung. Ein professioneller Blick von außen kann helfen, Potenziale der Vernetzung zu identifizieren und konkrete Hinweise für Kooperationen zu geben. Diese reichen von der Hilfestellung bei der Etablierung eines Runden Tisches über die strukturelle Unterstützung bei der Gründung einer Bürgerinitiative bis zur professionellen Beratung bereits existierender Bündnisse.
Oftmals sind es medienwirksame Ereignisse, die das Phänomen Rechtsextremismus in den Fokus der öffentlichen Diskussion rücken. Die Beratungsarbeit gegen Rechts zeigt hingegen, dass die Anlässe, die Menschen um Rat suchen lassen, zahlreicher und oftmals viel „alltäglicher“ sind als rechtsextreme Erscheinungsformen und Vorfälle, die zu Schlagzeilen werden. Doch auch diese Erscheinungsformen nehmen nicht selten ihren Ausgang in scheinbar kleinen alltagsrassistischen Ereignissen: Schmierereien an öffentlichen Gebäuden, „dumme Sprüche“ auf dem Schulhof oder fremdenfeindliche Parolen bei Sportveranstaltungen. Oftmals ist man sich unsicher, wie ernst das einzuschätzen ist. Diese Unsicherheit abzubauen, im eigenen Handeln sicherer zu werden, den Einzelnen und die Zivilgesellschaft zu stärken, dazu trägt das beratungsNetzwerk hessen bei.
Tina Dürr, beratungsNetzwerk hessen
• beratungsNetzwerk hessen - Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus, Wilhelm-Röpke-Str. 6, 35032 Marburg, Tel. 06421-2821110, E-Mail: kontakt@beratungsnetzwerk-hessen.de, Internet: www.beratungsnetzwerk-hessen.de
Extrem demokratisch
Seit 2010 verlangt das Bundesfamilienministerium in seinen Förderprogrammen die Unterschrift unter eine „Demokratieerklärung“. Projektverantwortliche verpflichten sich und alle Kooperationspartner zur „Einhaltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Im Zweifel sollen sie den Verfassungsschutz hinzuziehen, um die politische Einstellung aller an einem Projekt Beteiligten zu überprüfen. DGB-Jugend, Bildungs- und Beratungsinitiativen in Hessen und Thüringen haben sich dagegen in der „Plattform Extrem Demokratisch“ zusammengeschlossen.
Die Plattform fordert, die Extremismusklausel abzuschaffen und demokratische Beteiligung nicht weiter zu verhindern. Holger Kindler von der DGB-Jugend: „Demokratie muss täglich gelebt und gelernt werden und lässt sich nicht mit einer Unterschrift beweisen.“ Die Plattform wirbt für mehr demokratisches Engagement. Der Generalverdacht der Extremismusklause verunsichere Organisationen und Initiativen und verhindere somit demokratische Beteiligung. „Gegen die Ausbreitung von Neonazis sind viele Menschen aktiv, sie brauchen dabei Unterstützung und dürfen keine neuen Steine in den Weg gelegt bekommen, indem sie vorher vom Verfassungsschutz überprüft werden“, sagt Fabian Wagner von der Mobilen Beratung in Thüringen (MOBIT e.V.).
„Völlig absurd“ findet Max Molly, Jugendbildungsreferent bei Arbeit und Leben Hessen, dass antirassistische Bildungs- und Kulturarbeit ihre Demokratietauglichkeit beweisen muss: „Die Extremismusklausel schafft ein Klima des Misstrauens innerhalb dieser Projekte und widerspricht damit allen pädagogischen Ansätzen.“ Die „Plattform Extrem Demokratisch“ selbst bietet Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Projekttage an, die über die Extremismusklausel und die ihr zugrundeliegende Gleichsetzung von radikalen linken Positionen mit dem Rechtsextremismus aufklären. Motivkarten, die für ein breiteres Demokratieverständnis werben, stehen zum Download bereit: www.extrem-demokratisch.de.
Gewerkschaften, lokale Bündnisse und Jugendorganisationen, die einen Projekttag zum Thema „Total extrem“ zu den Fragen des „Extremismusmodells“ durchführen wollen, wenden sich an Sascha Schmidt vom DGB Hessen (E-Mail: Sascha.Schmidt@dgb.de).
Broschüren zum Download
• Extrem demokratisch: Informationen der DGB-Jugend zur Extremismusklausel und zur Totalitarismustheorie (www.extrem-demokratisch.de)
• Neonazis in sozialen Netzwerken: Broschüre der Antonio-Amadeu-Stiftung (www.netz-gegen-nazis.de > suche: Mimikry)
• Klickt‘s? Geht Nazis nichts ins Netz: anschauliche Broschüre für 12- bis 15-Jährige zu rechtsextremistischen Strategien im Internet (www.klicksafe.de > suche: Klickt‘s)








