Titelthema: Medienerziehung | Generation Kassettenrekorder meets Digital Na(t)ives
Category: HLZ

 

Vom: 17.03.12

Keine technische Entwicklung hat die Lebenswelt Heranwachsender auch nur annähernd so rasant und einschneidend verändert wie die multimedialen Bildschirmmedien. Im Vergleich zum technischen Umfeld der achtziger Jahre offenbart sich heute ein wahrer digitaler Quantensprung.

Eltern sind in dieser neuen Welt als Ratgeber und Kontrollinstanz dringend gefordert, aber in der Regel damit weitgehend überfordert. Anders als bei früheren technischen Neuerungen hat sich die Nutzung von Internet, Handys, Computern und Spielekonsolen durch Kinder und Jugendliche dermaßen verselbstständigt, dass vielen Eltern der „Generation Kassettenrekorder“ angesichts der Mediennutzung ihrer „Digital Natives“ (Digitale Eingeborene) nur ungläubiges Staunen bleibt. Die Frage nach der Medienfitness ihrer Eltern beantworten 80% der Jugendlichen mit einem überlegenen „Die haben keinen Plan!“, häufig gefolgt von dem Nachsatz „ … und die sollen auch keinen kriegen!“

Unbeaufsichtigt und unaufgeklärt

Bedingt durch fehlendes technisches Know-How und die Tatsache, dass nur 8 % der Jugendlichen zuhause von negativen Medienerfahrungen erzählen, nimmt nur ein Bruchteil der Elterngeneration wahr, dass die schöne neue digitale Welt neben faszinierenden und nahezu grenzenlosen positiven Möglichkeiten auch vielfältige Grenzüberschreitungen in hoch problematische Bereiche eröffnet. Während Kinder an andere Kulturtechniken wie das Radfahren oder die Nutzung von Werkzeug, Messer und Gabel fürsorglich unter elterlicher Aufsicht herangeführt werden, haben sie millionenfach unbeaufsichtigt und unaufgeklärt Vollzugriff auf die digitale Welt, noch dazu ohne jeglichen technischen Schutz vor jugendgefährdenden Inhalten. Da selbst Virenschutz auf jedem fünften privaten Rechner fehlt, haben Cyberkriminelle leichtes Spiel: Deren Palette reicht von Spam-Versand über das Ausspähen von Zugangsdaten bis zur Übernahme der Webcam im Kinderzimmer!

Unter „Medienkompetenz“ verstehen Eltern wie Pädagogen vorwiegend  Bedienkompetenzen: Umgang mit Maus und Tastatur, Office-Anwendungen, Urlaubsfotos bearbeiten oder Informationen „googeln“. Mangels Problembewusstsein bleiben elementare Sicherheitsaspekte dagegen in der Regel außen vor. Zwar werden grundlegende EDV-Kenntnisse inzwischen zumeist  vermittelt, doch selbst der ECDL (Europäischer Computerführerschein) unterschlug bis 2011 das Thema Internetsicherheit, vergleichbar einer Führerscheinprüfung ohne Kenntnis der wichtigsten Verkehrsregeln und -zeichen. Folglich befahren viele „Digital Natives“ den Datenhighway als ahnungslose „Digital Naives“ in digitalen Multimedia-Sportwagen ohne jegliche Sicherheitsausstattung und lernen dabei mit „Trial and Error“.

Nur sehr schleppend entwickelt sich die Einsicht, dass Medienkompetenz insbesondere auch den verantwortungsvollen, kritischen und sicherheitsbewussten Umgang mit der digitalen Welt bedeutet.

Freizeitbeschäftigung Nummer Eins

Und so melden sich zunehmend bereits Grundschüler, häufig unbemerkt von ihren Eltern, in sozialen Netzwerken an und breiten dort ihr ganzes Leben in Wort und Bild aus, 12-Jährige spielen Gewaltspiele ohne Jugendfreigabe und 15-Jährige sehen sich Hardcore-Pornofilme und Tötungsvideos im Internet an. In Facebook & Co. mobbt sich eine Schülergeneration, dass die Fetzen nur so fliegen: In aktuellen Umfragen outet sich jeder zweite Jugendliche als Täter! Zahlreiche Websites verherrlichen Magersucht und Bulimie und stellen mit verharmlosenden Begriffen wie „Thinspiration“ („Ich bin nicht krank, das ist mein Lifestyle!“) einen gefährlichen Katalysator für Autoaggressionen in Form von Essstörungen dar; ebenso wirken Selbstmordforen und „Emo“-Seiten (Stichwort „Ritzer“) auf labile Jugendliche. 40 % der Jugendlichen wurden in Chats sexuell angesprochen, ebenso viele nach persönlichen Daten gefragt. Der tägliche Bildschirmkonsum von 15-jährigen Mädchen (6 Stunden am Tag) und Jungen (7,5 Stunden am Tag) beeinträchtigt den Schulerfolg insbesondere der Jungen unübersehbar.

Während Ende der achtziger Jahre Jungen und Mädchen noch gleichauf lagen, sind heute zwei Drittel der Sitzenbleiber und Schulabbrecher Jungen, nur jeder dritte Junge erhält noch eine Gymnasialempfehlung und im Abitur liegen die Mädchen inzwischen mit 55 % und einer um 0,9 Punkte besseren Durchschnittsnote klar vorne! Während viele Mädchen nach wie vor gerne lesen, sind für immer mehr Jungen Videospiele Freizeitbeschäftigung Nummer Eins.

Durch die zunehmende Vollausstattung immer jüngerer Kinder mit Handys, Computern und Spielekonsolen betrifft diese Problematik inzwischen auch immer stärker den Grundschulbereich. Das digitale Einstiegsalter sinkt kontinuierlich pro Kalenderjahr um etwa ein Lebensjahr. Da sich vor allem Multimedia-Handys und mobile Spielekonsolen zu wichtigen Statussymbolen entwickelt haben, wird dem Quengeln schon der Kleinsten allzu schnell und unüberlegt nachgegeben, schließlich haben es „die anderen doch auch alle“.

Unbedarfte Internetnutzung birgt zudem erhebliche finanzielle Risiken: Gerichte bescheinigen Eltern eine „Belehrungs- und Prüfungspflicht“ in Bezug auf die Nutzung des Internets durch ihre Kinder, doch den meisten Eltern ist weder bewusst, welche Rechtsverletzungen Kinder im Internet begehen könnten, noch dass sie für diese in vollem Umfang haftbar sind. Insbesondere der Download urheberrechtlich geschützter Inhalte kann hier für böse Überraschungen sorgen. Wie Goethes Zauberlehrling Wie Goethes Zauberlehrling sind Eltern in der Regel völlig hilflos, wenn das digitale Spielzeug unversehens Probleme bereitet: Die medialen Geister, die sie riefen, indem sie ihren Kindern arglos und in bester Absicht – man weiß ja schließlich, wie wichtig Medienkompetenz heutzutage ist! – Handys, Spielekonsolen und PCs kauften und die Kinderzimmer mit DSL-Anschlüssen versahen, werden sie nun alleine nicht mehr los. Und der Zauberstab schwingende alte Meister aus Goethes Klassiker, der dem digitalen Spuk ein Ende machen könnte, ist nirgends in Sicht.

Was sich in den Köpfen von Eltern abspielt, die plötzlich realisieren, dass sie die ungezügelte Mediennutzung ihres pubertierenden Kindes erheblich einschränken müssen, um den schulischen Super-GAU zu verhindern, lässt sich ebenso erahnen wie die Reaktion des Nachwuchses auf elterliche Ambitionen, den Computer samt Facebook, Skype und Co. aus dem Kinderzimmer zu verbannen, damit Hausaufgaben ohne digitale Ablenkung erledigt werden können. Leider haben viele moderne Eltern Probleme damit, dem Nachwuchs gegenüber in Erziehungsfragen, für die sie die alleinige Verantwortung tragen, mit der erforderlichen Bestimmtheit und Konsequenz aufzutreten und suchen ihr Heil in demokratisch organisierten Familienkonferenzen, doch problematischer Medienkonsum lässt sich damit sicherlich nicht bändigen.

Dass die Medienerziehung die meisten Eltern überfordert, belegt auch die Auswertung von 1.147 Fragebögen zu meinen Elternabenden: Jeweils über 90% geben hier an, Neues erfahren zu haben, das ihr zukünftiges Handeln beeinflussen wird, und dass sie die Vermittlung von Medienkompetenz schon in der Grundschule für dringend erforderlich halten.

Aufklärung der Eltern dringend erforderlich

Es ist demnach dringend erforderlich, Kindern wie Eltern über schulische Medienbildungskonzepte einen kompetenten und verantwortungsbewussten Umgang mit den digitalen Medien nahe zu bringen. Aber während Aufklärungsarbeit mit Schülern und Schülerinnen sowohl leicht zu organisieren als auch effektiv ist, sind im Erwachsenenbereich beträchtliche Hürden zu überwinden: Zum einen gibt es auch im Lager der Pädagogen nur wenige, die in dieser Materie wirklich zuhause und damit in der Lage sind, diese heutzutage unverzichtbare Schlüsselkompetenz zu vermitteln. Eine EU-Studie aus dem Jahr 2006 bescheinigt deutschen Lehrkräften im europäischen Vergleich sehr geringe Medienaffinität und einen Rückstand in puncto schulische Medienbildung von zehn Jahren. Im OECD-Vergleich liegt Deutschland bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht auf dem letzten Platz (Stichwort „Fachkräftemangel“), was nicht verwundern kann, wenn schon der technische Support diese Bezeichnung nicht verdient: In Hessen kommt eine Administratorenstelle auf 1.500 Systeme - die Schmerzgrenze liegt bei 1:100. Zum anderen kommen nur wenige Eltern freiwillig zu Infoveranstaltungen über Neue Medien, da die Mehrheit der festen Überzeugung ist, sie hätten kein Problem mit der Thematik. Um mehr als 10 % der Eingeladenen zu erreichen, muss man sie mit Vehemenz geradezu „vorladen“. Besonders schwierig gestaltet sich hier der Zugang zu Eltern, die der deutschen Sprache kaum oder gar nicht mächtig sind, doch gerade bei deren Kindern gibt es einen eindeutigen statistischen Zusammenhang zwischen Bildschirmkonsum, Übergewicht und Schulerfolg.

Umfangreiche Aufklärung und Prävention sind also dringend notwendig, denn auch die Schule fordert zunehmend Computernutzung im häuslichen Umfeld ein. Ein flächendeckendes Fortbildungskonzept mit einem angemessenen Stundendeputat für IT-Fachberater und Medienberatungslehrer ist kostspielig. Doch Sparpolitik im Bildungsbereich ist auf lange Sicht nicht nur pädagogisch, sondern auch wirtschaftlich betrachtet ein gefährlicher Holzweg, da Therapie bekanntlich deutlich teurer ist als Prävention.

Günter Steppich
Der Autor ist IT-Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis.

Ausgewählte Quellen
medien-sicher.de: Website des Autors
kfn.de: Studien zum Medienkonsum Jugendlicher
klicksafe.de: EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz
mpfs.de: KIM- und JIM-Studien 1998 bis 2011

W. Bergmann und G. Hüther: Computersüchtig. Beltz 2011