Titelthema: Die raffinierte Versuchung | „Scripted Reality“ und ihre falsche Wirklichkeit
Kategorie: HLZ

 

Vom: 17.03.12

Inas Augen leuchten voll Bewunderung, wenn Erwachsene sie auf ihre Lieblingssendung ansprechen. „Was, du kennst Berlin – Tag und Nacht? Voll cool!“ Ina ist zwölf Jahre alt.

Das Leben in der „geilsten WG von Deutschland“ (ein Claim der Sendung) verfolgt sie mit Begeisterung. Denn es sind Geschichten, die sie abholen in ihrer Wirklichkeit, Geschichten, die spannend und aufregend sind, bei denen sie mitfiebern kann, die sie eben voll cool findet. Scripted Reality heißt das Format bei den Machern und Medienleuten, die Sendungen dazu heißen „Super Nanny“, „Bauer sucht Frau“, „X-Diaries – Love, Sun & Fun“, „Die Schulermittler“, „Mieten, Kaufen, Wohnen“, „Mitten im Leben“, „Familien im Brennpunkt“ oder „Schwer verliebt“.

Scripted Reality heißt soviel wie „Realität nach Drehbuch“. Die Sender nennen es Lifestyle-TV oder Realtainment, also eine Mischung aus Realität und Unterhaltung, Entertainment. Manche sagen auch Pseudo-Doku oder Dokusoap. Immer ist es aber inszenierte Realität, die ganz bewusst so aussehen soll wie das richtige Leben, bewusst gewählte Klischeegeschichten.

Billig und trotzdem erfolgreich

Ob es jetzt die Super-Nanny ist oder der heiratswillige Bauer, die Teenies auf Ibiza oder die WG in Berlin, die Machart der Sendungen folgt einem bestimmten Muster. Es gibt kurze Spielsequenzen, dann erklärende Einblendungen und einen Off-Sprecher, der die Handlung noch mal zusammenfasst. Das wirkt  dokumentarisch und irgendwie unperfekt. Aber alles daran ist gestellt, die Handlungen sind vorher überlegt und in einem Drehbuch festgehalten. Bei näherem Überlegen ist das logisch, denn Fernsehen zu produzieren ist sehr teuer. Da ist es nur konsequent, nichts dem Zufall zu überlassen.

Ein weiteres Kennzeichen der Scripted Reality-Sendungen: Die Darstellerinnen und Darsteller sind sämtlich Laien. Das ist billiger als ausgebildete, professionelle Schauspieler zu verpflichten. Wer als Schauspieler oder Schauspielerin einen Namen hat, nimmt schon mal mehrere tausend Euro pro Drehtag. Ein Sendungsmacher sagt: „Was es mich allein kostet, wenn sich Katja Riemann ins Flugzeug setzt, damit kann ich die gesamte Show für einen Tag finanzieren.“ Billig und trotzdem erfolgreich, das ist die Devise. Und das funktioniert. Die Zuschauer schalten ein. Was es auch ist, immer ist es dramatisch: die sogenannte Schulermittlerin, die jungen Leute auf Ibiza, die Jugendlichen in der Berliner WG oder der Wohnungstester.

„Verdichtete Erzählweise“ nennen das die Macher. Die klassische Reportage, die klassische Dokumentation, streng an der Wirklichkeit orientiert, das sei alles schön und gut, aber es fessele die Menschen nicht mehr. Die Wirklichkeit sei oft viel zu langweilig, deshalb wähle man bewusst die Klischeegeschichten, die man gut zuspitzen kann. Vom wirklichen Leben sei das nicht weit entfernt, denn die Geschichten stammten ja aus eigener Beobachtung oder sogar aus eigenem Erleben. Die Kritiker sprechen von „Schrei- und Krawallfernsehen der ordinärsten Form“. Fernsehmacher entgegnen dann gern, Shakespeare habe sich früher auch Anfeindungen gegenüber seinen Stücken ausgesetzt gesehen.

Aber selbst wer nicht auf die bildungsbürgerliche Hochkultur eingeschworen ist und sich selbst durchaus als offen für Unterhaltung bezeichnet, der braucht eindeutig eine gute Portion Medienkompetenz, um die Shows als das sehen zu können, was sie sein möchten: als bloße Unterhaltung. Einige Versammlungsmitglieder der Landesanstalt für privaten Rundfunk in Hessen haben einen Selbstversuch unternommen und ohne Kenntnisse über Hintergründe und Formate ein paar Folgen solcher Sendungen angeschaut. Das Ergebnis: Sie fühlten sich unterhalten. Aber sie glaubten, es wurden echte Geschichten gezeigt, echte Schicksale. Etwas dramatisiert vielleicht, aber durchaus glaubwürdig – selbst für mittelalte Erwachsene. Damit stehen sie nicht allein da.

Eine kürzlich vorgestellte Studie der Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens belegt, dass knapp die Hälfte der Zuschauer glaubt, sie sähen im Fernsehen echte Fälle, die nachgespielt werden. Vor allem Kindern und Jugendlichen sei keineswegs klar, dass es sich um rein erfundene Geschichten handelt. Da genau liegt das Problem für Jugendschützer. Wenn schon Erwachsene das für echt halten, wie sollen Kinder und Jugendliche das Echte vom Inszenierten unterscheiden können? Und was geschieht mit den Kindern oder Jugendlichen, wenn sie oft stark klischeehafte, zugespitzte, nicht sofort als Spielszenen zu erkennende dramatische Sendungen sehen?

Irreführung und Desorientierung

Erwachsene können wir für so gefestigt halten, dass ein paar derbe Schimpfwörter oder auch sexuelle Szenen sie nicht aus der Bahn bringen. Aber Kinder und Jugendliche müssen ihre Rolle erst finden. Sie sind noch geistig und moralisch in der Entwicklung und orientieren sich dabei an dem, was sie sehen und erleben. Sendungen mit vielen Klischees und Stereotypen könnten ihre Rollenfindung negativ beeinflussen. Sie könnten das, was sie da sehen, für normal halten und sich auch so benehmen. Die Medienforschung hat herausgefunden, dass Fernsehinhalte verstärkend wirken. Grob gesagt, Gewaltszenen im Fernsehen machen keinen friedliebenden Jugendlichen zum Schläger. Wo aber charakterliche Tendenzen bereits vorhanden sind, da  können sich Neigungen negativ verfestigen.

Jugendschützer argumentieren ganz grundlegend mit Irreführung und Desorientierung, wenn es um Scripted Reality-Formate geht. Ihnen gefällt nicht, wie Sexualität und Gewalt dargestellt werden. Das ist ihnen oft zu holzschnittartig, zu hart und somit grenzwertig. Fernsehmacher halten dagegen: die Jugendlichen von heute wüssten sehr genau, was gespielt sei und was nicht, sie seien viel kompetenter im Umgang mit Medien als ihre Elterngeneratio n.

Der Jugendschutz greift aber in diesen Fällen in Deutschland. Es gibt klare rechtliche Kriterien dafür, was erlaubt ist und was nicht. So musste sich die hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk als zuständige Aufsichtsbehörde kürzlich nach Beschwerden intensiv mit der Sendung „X-Diaries“ auseinandersetzen. Bei dieser Sendung geht es um wechselnde Urlaubergruppen, die nach Ibiza, Mallorca oder Rimini fahren. Im Mittelpunkt stehen Partys, Strand, Spaß und natürlich jede Menge dramatischer Beziehungskonflikte. 60 Folgen der Serie wurden geprüft. Die Kommission für Jugendschutz beanstandete dann 47 wegen entwicklungsbeeinträchtigender Inhalte für Kinder unter zwölf Jahren. Bei 17 Sendungen war die Kommission der Ansicht, sie beeinträchtigten Kinder bis unter 16 Jahren. Die Begründung: aufdringliche Darstellung der Themen Sex und Alkohol und „derbzotige Sprachwahl“. Der Sender musste ein Bußgeld zahlen und die Folgen der nächsten Staffel vor der Ausstrahlung der Freiwilligen Selbstkontrolle vorlegen.

Trash-TV macht Quote

Fernsehmacher sagen, die gescripteten Sendungen liefen besser als die mit echten Fällen und realen Menschen. Kritiker wenden ein, dann sollten die Sendungen gekennzeichnet werden, einen passenden Namen bekommen, dann wisse jeder von vornherein, womit er es zu tun habe. Kennzeichnen müssen die Sender aber nicht. Es handelt sich nicht um Journalismus, sondern um Unterhaltung und da ist erlaubt, was gefällt und nicht gegen das Jugendschutzgesetz verstößt. Erfahrene Medienwissenschaftler und -praktiker betonen bei Diskussionen immer wieder, wie wichtig in diesem Zusammenhang die Vermittlung von Medienkompetenz ist. Wenn Kinder und Jugendliche wissen, es handelt sich um eine hundertprozentig inszenierte Sendung, dann haben sie mehr Distanz dazu und identifizieren sich nicht so leicht.

In der Geschichte des deutschen Privatfernsehens hat es eine ähnliche Diskussion schon einmal gegeben. Damals ging es um die nachmittäglichen Talkshows. Auch die waren durchgeplant und gestellt, auch damals mit Laienschauspielern und Laienschauspielerinnen, auch damals viele Bedenken wegen der klischeehaften, zugespitzten Darstellung der Probleme von Menschen. Damals handelten die Landesmedienanstalten mit den Fernsehveranstaltern einen „Code of Conduct“, einen Verhaltenskodex aus. Die Fernsehmacher gingen eine Selbstverpflichtung ein, sich an bestimmte Regeln zu halten. Die Nachmittags-Talkshows sind Vergangenheit.

Gegenwart ist Scripted Reality. Und da gibt es dank der neuen Medien viele interessante Möglichkeiten, die Sendungen noch lebensnäher erscheinen zu lassen. Kommen wir dazu zu der 12-jährigen Ina zurück und zur WG der Sendung „Berlin – Tag und Nacht“. Ina muss nicht auf die Fernsehsendung abends warten, um an den spannenden Abenteuern von Ole, Carlos, Sofi, Jessica und den anderen teilzuhaben. Sie kann sich die Sendung wann sie will (und an den Rechner darf) in der Mediathek auf der Homepage von RTL II ansehen. Ina kann die WG aber auch auf Facebook besuchen. Dort stehen Postings, Fotos oder kurze Filmchen der Figuren von „Berlin – Tag und Nacht“. Die kann Ina teilen, kommentieren oder einfach nur liken (Gefällt-mir-Button). Als ob sie doch echt wären, die Figuren.

Die Sendung ist für RTL II eine Cross-Media-Erfolgsgeschichte. Das heißt, sie funktioniert nicht nur im Fernsehen. Das ist eine neue Qualität. „Berlin – Tag und Nacht“ wird rekordverdächtig oft zeitversetzt im Internet angesehen – zeitweise mehr als 670.000 Mal in der Woche und hat auf Facebook eine Fangemeinde von über 1,2 Millionen. Von solchen Zahlen können Gewerkschaften nicht mal träumen. Zum Vergleich: die GEW hat auf Facebook an die 1150 Freunde, der DGB-Bundesvorstand knapp 1350.

Ina weiß ganz genau, dass das alles kein echtes Leben ist, was da gezeigt wird. Dass Sofi, Meike, Francesco und Jessica Schauspielerinnen und Schauspieler sind und Geld dafür bekommen, dass sie auf Facebook posten. Und dass die Filme dort nicht spontan gedreht sind, sondern irgendwie zur Sendung gehören. Trotzdem, so Ina, ist alles irgendwie „voll cool“. Aber wenn sie Rechner und Fernsehen ausmacht, dann ist es auch „voll schön“, sich mal bloß so mit Mama und Papa zu unterhalten, was heute in der Schule alles passiert ist.

Ute Fritzel
Die Autorin ist Pressesprecherin des DGB Hessen-Thüringen und für die GEW und den DGB in der Versammlung der LPR. Dort ist sie stellvertretende Programmausschussvorsitzende und in diesem Jahr Jurymitglied beim „Mediensurfer“.

Die Landesmedienanstalt
Die Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) ist Aufsichtsbehörde für den privaten Rundfunk in Hessen. Dazu gehören die privaten Radioveranstalter und der Fernsehsender RTL II, nichtkommerzielle Lokalradios und die offenen Fernsehkanäle in Kassel, Fulda, Gießen und Offenbach. Die LPR vergibt Sendefrequenzen und kümmert sich um die Einhaltung des Jugendschutzes und die Förderung der Medienkompetenz. Die LPR geht dazu auch direkt in die Schulen. Es gibt Computerkurse für Kita-Kinder, einen Interneteinsteigerkurs, Handykurse für Kinder und Jugendliche, ein Training für das Verstehen von Werbung, einen Chatkurs für Jugendliche und regelmäßige Informationsveranstaltungen für Eltern. Die DVD „Schule des Sehens und des Hörens“ führt in das Thema „Neue Medien im Unterricht“ ein. Jedes Jahr schreibt die LPR den Preis „Mediensurfer“ aus.

• weitere Infos unter lpr-hessen.de