Der moderne Mensch verbringt den Großteil seiner Freizeit im Internet, vor dem Fernseher, am Handy, hinter Zeitungen. Wir lassen uns medial überfluten. Der Alltag wird vom Terminkalender unserer Smartphones und Notebooks bestimmt, wir haben keine Ruhe und Muße mehr und unsere Kinder ahmen uns nach.
Ihre Lese- und Erlebnisfähigkeit verkümmert.Was tun? Mathias Jung analysiert in seinem neuen Buch „Keine Zeit. Atempausen im Zeitalter der Beschleunigung“ die Gefährdungen und Chancen des neuen digitalen Zeitalters aus psychologischer und kulturphilosophischer Sicht und anhand zahlreicher Fallbeispiele. Sein besonderes Augenmerk gilt dem Phänomen Zeit im Zusammenhang mit Alter und Tod, sozialem Engagement und Liebe. Wir veröffentlichen im Folgenden einen Auszug aus dem zweiten Kapitel „Zeitspender und Zeitdiebe: Internet, Blackberry, Spielekonsolen“.
Tatsächlich beschert uns die Digitalrevolution kommunikative Errungenschaften, von denen der utopische Schriftsteller Jules Verne (1828-1905) noch träumte: das Bildtelefon. Wenn wir zum Beispiel mit unserer Tochter, die als Au-pair-Mädchen ein Jahr in den USA lebt, mitsamt ihrer Gastfamilie auf dem Bildschirm sprechen, also skypen können, ist das schon eine verdammt tolle Sache. Aber was ist, wenn im Fernsehen jede Banalität rund um die Uhr kommuniziert und zur Unkenntlichkeit zerschwätzt wird? Der frühere Bundespräsident Johannes Rau drückte sein Unbehagen 2004 so aus: „Meine Sorge ist, dass wir zu sehr in eine Talkshow-Gesellschaft kommen, in der alles zum Event gemacht wird, in der nicht mehr das Ereignis und das Nichtereignis voneinander unterschieden werden. Und meine Sorge ist, dass wir uns zu Tode plaudern.“
Noch schwieriger wird es bei Kindern und Jugendlichen. Computer, Spielekonsolen und Smartphones verändern ihr Leben. Etwa fünfeinhalb Stunden am Tag verbringen Jugendliche in Deutschland im Durchschnitt mit digitalen Medien. Im ZEIT-Magazin (34/2010) bezeichnet sich die 18-jährige Julia tapfer als digital native, als digitale Einheimische. Sie konstatiert: „Ein Leben ohne Internet können wir uns nicht vorstellen. Wir chatten statt zu reden, lesen Nachrichten auf dem Bildschirm statt in der Zeitung und verbringen täglich unzählige Stunden auf Facebook. Das alles machen wir beinahe gleichzeitig, denn wir sind Meister des Multitasking. Wir Vernetzten, das sind 97,5% unserer Altersgruppe in Deutschland.“
Wie das aussieht, schilderte mir eine andere Mutter: „Moritz (Name geändert, M. J.) hockt am sonnigsten Sommernachmittag nach der Schule bis zum Abendessen in seinem abgedunkelten Zimmer vor dem Computer. Er ist fixiert auf diesen, verzeih mein Wort, Scheißkasten. Er spricht nicht mit uns. Er treibt nicht mehr wie früher Sport. Noch vor zwei Jahren lief er jeden zweiten Tag im Winter in der Eissporthalle Schlittschuh, im Sommer spielte er dreimal in der Woche Handball. Jetzt versinkt er in die Welt seiner magischen Computerspiele. Gewiss, dieser künstliche Kosmos ist fantastisch. Er entwickelt, glaube ich, viel Freude in Parallelwelten. Aber all das ist fiktiv, unwirklich, führt ihn von der Realität in eine Wunschwelt. Dagegen stinkt ihn die Schule an, wie er sagt. Sie ist natürlich im Vergleich zu seinen virtuellen Paradiesen grau und eintönig. Dort ist er nicht mehr der Held seiner Größenfantasien, der Weltraumritter und Rächer aller Unterdrückten, sondern der 15-jährige Problemschüler mit einem ‚genügend‘ in Deutsch und einem ‚ungenügend‘ in Mathematik. Körperlich mache ich mir in letzter Zeit um ihn Sorgen. Moritz ist bleich wie ein Engerling. Er schläft schlecht, weil er noch bis in die Nacht vor dem Bildschirm sitzt. Er hat zugenommen, weil er dabei ständig Schokoriegel isst und dazu Cola trinkt. Ich fühle mich machtlos dagegen.“
Was passiert im Gehirn?
Was passiert im Gehirn dieser Kinder und Jugendlichen, die Tag für Tag stundenlang vor ihren Monitoren sitzen?
Antwort: Ihr Gehirn spezialisiert sich einseitig. Nach Gerald Hüther prägt das Gehirn dieser Computerkids einseitig bildhafte Vorstellungen, das heißt „Visuelle Kompetenz“ (Hüther), aus. Das geht auf Kosten der übrigen Sinne. Sie werden nicht oder kaum in das zerebrale Netzwerk integriert. Die kognitiven Leistungen des Jugendlichen werden einseitig auf den Monitor fixiert.
Moritz‘ Mutter, Lehrerin und studierte Germanistin, erläuterte mir: "Moritz‘ Wortschatz und Begrifflichkeit verringern sich sichtbar. Er liest praktisch nicht mehr. Er tut sich bereits schwer, eine Erzählung, die sie im Schulunterricht durchnehmen, zusammenzufassen und wiederzugeben. Ich erkenne ihn nicht wieder.“ Selbstverständlich kann das Internet auch eine geradezu klassische moderne Instanz zur Förderung der Demokratie sein. Mit Hilfe dieser sozialen Medien wurden im Jahr 2011 unverrückbar scheinende nordafrikanische Diktaturen wie in Ägypten, Tunesien und Libyen gestürzt. Die Völker erhalten durch die neuen technischen Möglichkeiten Formen der Beteiligung im Sinne einer Basisdemokratie. Onlinesein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.
Ermahnungen und Überredungskünste verfehlen ihr Ziel. Es ist sinnlos, den computersüchtig gewordenen Söhnen oder Töchtern den Computer wegzunehmen oder einfach nur die Nutzungszeiten einzuschränken. Dann macht der Erziehungsberechtigte den zweiten vor dem ersten Schritt. Denn jede Sucht ist eine Sehnsucht und zugleich eine Vereinseitigung. Es ist ein Teufelskreis: Die Erlebnisarmut projiziert die Computerflucht. Die Computerflucht führt zur Erlebnisverarmung. Und so dreht sich der verhängnisvolle Zirkel weiter. Dem derart reduzierten Kind geht es, pointiert formuliert, wie den drei viel zitierten Affen: Es sieht nichts, hört nichts, redet nichts. Schmecken, Riechen, Tasten, Greifen verkümmern. Das Gehirn, genauer der Assoziationskortex, hat gleichsam nur noch einen Eingang; er ist stur auf den flimmernden Bildschirm gerichtet. Augenärzte berichten inzwischen verstärkt von Augenschäden und sich vorzeitig erhöhenden Dioptrienzahlen der Jugendlichen.
Demgegenüber ist das Gehirn häufig spielender, sportlicher und mit Freunden direkt agierender Kinder, wie Gehirnforscher beobachten, komplexer, intensiv verschalteter und modifikationsfähiger. Hier wird deutlich, worin die Heilung der Computersucht liegt: „Man kann Kompetenzen entwickeln und Vertrauen in die Fähigkeit, sich im realen Leben zurechtzufinden, wieder stärken. Aber es geht nicht, solange alles so bleibt wie es ist – zu Hause, in der Schule, in der Freizeit, also im realen Leben der betreffenden Kinder und Jugendlichen. Sie brauchen echte Aufgaben, an denen sie wachsen können. Sie brauchen konkrete Probleme, die sie meistern können. Sie brauchen interessante Entdeckungen, die sie machen können, auch eigene Entscheidungen, die sie treffen können. Sie brauchen also eine andere Lebenswelt, eine Welt, die sie sicher erschließen können, in der sie wichtig sind und in der sie sich mit ihren Begabungen und Fähigkeiten auch wirklich angenommen fühlen, in der sie sich nicht benutzt fühlen, sondern gebraucht werden.“
Gerald Hüther
Mathias Jung: Keine Zeit. Atempausen im Zeitalter der Beschleunigung,
204 Seiten, 15,80 Euro mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion aus: Der Gesundheitsberater 12/2011, emu-Verlag








